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: Laura in der Badewanne

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Am Ende war alles nur teasing. Nachdem er jahrelang mit den Streichhölzern gespielt und die Seelen der Gemeinde gekitzelt hatte, will Nabokovs Sohn jetzt doch nie daran gedacht haben, seine Drohung wahr zu machen und das letzte Manuskript seines Vaters zu verbrennen. Dmitri Nabokov hat damit begonnen, ...

          Am Ende war alles nur teasing. Nachdem er jahrelang mit den Streichhölzern gespielt und die Seelen der Gemeinde gekitzelt hatte, will Nabokovs Sohn jetzt doch nie daran gedacht haben, seine Drohung wahr zu machen und das letzte Manuskript seines Vaters zu verbrennen. Dmitri Nabokov hat damit begonnen, die Katze aus dem Sack zu lassen und "The Original of Laura" zu veröffentlichen - das sagenumwobene Buch, das Vladimir Nabokov nicht mehr vollenden konnte und von dessen Fragmenten er nicht wollte, dass sie auf die Nachwelt kämen. In der neuen Ausgabe des "Nabokov Online Journal" erklärt Dmitri, warum er so lange mit der Entscheidung gezögert hatte. Der Grund war weniger der letzte Wunsch seines Vaters, dem schon die Witwe nicht folgen mochte. Hätte Nabokov das Manuskript wirklich verbrennen wollen, hätte er es selber getan. Der Hauptgrund war ein anderer. Philologen hatten Vladimirs Ehre verletzt. Sie hatten eine Szene aus Nabokovs Autobiographie mit einer berühmten Szene aus "Lolita" verknüpft. Im Roman ist es Lolita, die auf Humberts Schoß sitzt und ihm zu seiner heimlichen Lust verhilft. In "Erinnerung, sprich" war es der junge Nabokov selbst, der von seinem homosexuellen Onkel getätschelt und auf dem Schoß gehalten wurde. Solche Verknüpfungen erbosten den Sohn. Wer sie zog, zog schnell auch falsche Schlüsse und beging jedenfalls einen Affront.

          Dass Dmitri solche Affronts zum wichtigsten Grund für sein Zögern erklärt, hat etwas Rührendes. Woher die Sorgen, wenn sie Lauras Karteikarten nicht hergäben? Die Hunde, die er dadurch nicht wecken würde, müssten schon sehr verschlafen sein. Nichts weniger als eine Überraschung also, dass unter den vier Karteikarten, die gestern faksimiliert in der "Zeit" abgedruckt wurden, auch wieder die notorische ist. Wie immer bei Nabokov tritt die begehrenswerte Frau als Nymphchen auf, mit zerbrechlicher, fügsamer Gestalt, schmalen Gesäßhälften und den "beweglichen Schulterblättern eines Kindes, das in die Badewanne gesetzt wird".

          Nichts Neues unter Lauras Sonne, was den Eros angeht. Aber auch sonst wird die Sensation ausbleiben, wenn "The Original of Laura" im nächsten September weltweit erscheinen wird. Ihr Nimbus ist größer als alles, was die Arme je einlösen kann. Es sind 138 Karteikarten ohne jede Organisation. Nabokov ist immer für eine Überraschung gut, aber in seinem Spätwerk nehmen die Schwächen zu. Es wäre ein Wunder, wenn sich die Kurve noch kurz vor seiner Agonie gedreht hätte. Wenn man diese Kurve bei ihrem Aufstieg beobachten will, lese man nicht "Laura", sondern "Natascha". Sie ist die eigentliche Sensation des Sommers: eine unbekannte frühe Erzählung Nabokovs, die im Juni im "New Yorker" veröffentlicht wurde. Nabokov war Anfang zwanzig, als er sie schrieb, und das Genie strömt ihr schon aus allen Poren. Auch Natascha hat die Mädchenglieder und bläulichen Schatten unter den Augen, die den Erzähler verzücken. Aber ihre Jugendfrische flößt Laura kein noch so geschicktes Marketing ein.

          MICHAEL MAAR

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