31.03.2007 · Der Kolumnist Harald Martenstein hat einen Roman geschrieben, der alles andere als ein Journalistenbuch ist: "Heimweg" ist eines der interessantesten literarischen Debüts dieses Jahres. In seiner Kreuzberger Wohnung spricht er über wahre und erfundene Familiengeschichten.Von Andreas Kilb Die erste Überraschung ist die Wohnung.
Der Kolumnist Harald Martenstein hat einen Roman geschrieben, der alles andere als ein Journalistenbuch ist: "Heimweg" ist eines der interessantesten literarischen Debüts dieses Jahres. In seiner Kreuzberger Wohnung spricht er über wahre und erfundene Familiengeschichten.
Von Andreas Kilb Die erste Überraschung ist die Wohnung. Denn Harald Martenstein lebt nicht mehr, wie der Leser seiner Kolumnen vermuten muss, im bürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg, sondern im wilderen Kreuzberg - allerdings dort, wo es seine zahme Seite zeigt, in einem ruhigen Winkel zwischen Schulen und Parks. Im vergangenen Jahr ist er hierhergezogen, in eine Gegend, die er aus seinen ersten Berliner Jahren kennt, aus einer Zeit, in der die Mauer noch stand. Ob das den Ton seiner Artikel verändern wird, den freundlich-frechen, leicht resignierten Gestus, mit dem uns sein Alter Ego im Berliner "Tagesspiegel" und in der Hamburger "Zeit" jede Woche die Welt erklärt? Vermutlich nicht. Martensteins Schreiben ist ortsunabhängig. Die Stimmlage für seine "Zeit"Kolumne hat er bei einem Kurzurlaub in Budapest gefunden, der Hauptstadt der Melancholie. Das ist jetzt sechs Jahre her, aber Martenstein hält noch immer den Ton.
Die zweite Überraschung ist ein Bild. Genauer: ein Foto. Es zeigt den jugendlichen Harald mit seinem Stiefvater auf einem Sofa. Zwischen ihnen sitzt ein bärtiger Greis, der einen bunt gemusterten Teppich um seinen dünnen Körper gewickelt hat und selbstbewusst in die Kamera blickt. Das, sagt Martenstein, sei sein Großvater. Und so hat er ihn seinem Roman "Heimweg" beschrieben: "Meistens trug er einen Poncho, eine filzige Matte, die aus einem der Dritte-Welt-Läden stammte, die es in der Neustadt jetzt gab . . . Auf dem Kopf trug er, je nach Laune, eine Baskenmütze oder einen schwarzen Schlapphut . . . Die übergroßen Brillengläser gaben seinem Gesicht etwas von einer Eule." Alles wie auf dem Bild. Ein zweites Foto, das im Souterrain der Martensteinschen Maisonettewohnung hängt, zeigt eine junge Frau in Ballettpose, Mitte der dreißiger Jahre. Das, sagt Harald Martenstein, sei seine Großmutter am Anfang ihrer Tanzkarriere. Auch davon, von einer Frau, die Tänzerin werden will und als Stimmungskanone endet, erzählt "Heimweg". Eine Familienstory. Ein Schlüsselroman. Und die Schlüssel stecken in Martensteins Kreuzberger Wohnung.
Gerade die schlimmen Sachen des Romans, sagt Martenstein, habe er nicht erfunden. Etwa den Urgroßvater, der seinen eigenen Sohn tötet, weil er ihn für den Teufel hält. Oder den Schwager der Großmutter, der das Geld seiner Firma veruntreut und seine Frau mit Syphilis ansteckt: "Den gab es. Den kannte ich." Oder die Erschießung eines Gefangenen durch den Großvater. Immer wenn seine Großeltern sich gestritten hätten, sagt Martenstein, sei die Sache zur Sprache gekommen. "Ich bin ein schlechter Geschichtenerzähler. Ich schmücke aus und schneide weg, was übersteht." Die Grenze zwischen Kunst und Leben verläuft in "Heimweg" zwischen den Zeilen.
Die dritte Überraschung, die größte, ist das Buch. Der Kolumnist Harald Martenstein hat einen Roman geschrieben: "Heimweg" (F.A.Z. vom 24. Februar). Ein literarisches Debüt, mit dreiundfünfzig. Das Buch eines Journalisten. Aber kein Journalistenbuch. Denn es hat so gar nichts von der Großspurigkeit, dem rhetorischen Muskelspiel, dem Besserkönnenwollen, das Romane von Journalisten oft zu einer unerfreulichen Erfahrung macht. Dieses Buch macht sich klein. Es beginnt mit einer Szene, die wie eine Parodie auf Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" wirkt: der Großvater, entlassen aus russischer Gefangenschaft, am Bahnhof. Kein Empfangskomitee, keine Wiedersehenstränen. Zu Hause erwartet den Heimkehrer ein Bild des Grauens: die Großmutter zu Füßen ihres französischen Liebhabers, der ihr mit der Pistole ihres Mannes ein Loch in den Hals geschossen hat. Die Begrüßung fällt entsprechend knapp aus: Statt Kuchen gibt es Verbandszeug. Dann raufen die beiden sich doch zusammen, der Mann nimmt eine Arbeit auf, die Frau wird zur Mustergattin. So geht das eine ganze Weile, in einem Ton, der nichts Böses ahnen lässt.
Bis die Erzählung plötzlich in die historische Seitenlage kippt. Wie Wasserleichen steigen Geschichten aus der Vergangenheit auf und durchstoßen die glatte Oberfläche der Wirtschaftswunderwelt. Eine Geschichte, die älteste, handelt von dem legendären bayerischen Wilderer Heigl, angeblich ein Urahn der Familie. Eine zweite, in welcher der Heigl als Geistererscheinung wiederkehrt, spielt in der Kindheit der Großmutter. Eine dritte zeigt den Großvater als Mörder eines Partisanenjungen an der Ostfront. In einem amerikanischen Familienroman würde der Erzähler sich bemühen, seine Figuren aus den Klauen dieser Erinnerungen zu befreien. Hier nicht. Die Geister von gestern nisten sich ein in der Gegenwart, sie drängen sich zwischen die Lebenden. Und so wird der Roman, der als Wirtschaftswundergeschichte begonnen hat, ganz allmählich zu einem Gespensterbuch.
"Die Geister der Vergangenheit: diese Metapher, diese Leitartikel-Floskel habe ich halt wörtlich genommen. Lasst die Geister der Vergangenheit einfach mal aus ihren Ritzen rauskriechen! Und zwar nicht die politischen, sondern ganz normale Geister aus dem konkreten Leben: die Leute, die man umgebracht hat, die Leute, die man liebt oder gern lieben würde." Wenn Martenstein über "Heimweg" spricht, hat man nicht das Gefühl, einem Autor gegenüberzusitzen, der sein neues Buch verkaufen muss. Nein, der Roman war eine Herzensangelegenheit, ein Projekt, das er seit dem Tod seiner Großeltern vor zwölf Jahren in sich bewegt hat, bis ihm seine Agentin einen Buchvertrag vermittelte, der ihn zum Schreiben zwang. Es sei sein dritter Versuch, sagt er, eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu erzählen. Den ersten unternahm er im Jahr 1994 mit einem Essayband über "Erotik in der deutschen Politik von Adenauer bis Claudia Nolte". Der zweite, 1996, war eine Chronik deutscher Fernsehserien: "Das hat Folgen". Schon diese Frühwerke des späten Debütanten kann man als autobiographische Erkundungen lesen, als Anstrengung, über "Derrick" und "Tatort", Willy Brandt und Rudolf Scharping der eigenen Geschichte näherzukommen. Mit "Heimweg" hat Martenstein die Mittel, aber nicht das Ziel seiner Recherche gewechselt. Noch immer geht es um die fünfziger bis siebziger Jahre, ihre Mythen, ihre Stimmungen, ihre Lebenslügen. "Was mich gereizt hat, war, eine Zeit, die in der historischen Mythologie eine Aufstiegs- und Gewinnerzeit ist, als Verlierergeschichte zu erzählen." Statt aufwärts geht es bergab mit den Großeltern. Mit liebevoller Tücke liefert sie der Erzähler ihren Phantomen und Tagträumen aus. In ihrem Schlafzimmer erscheinen der Großmutter die Stars des deutschen Fernsehens in Geistergestalt, Kulenkampff, Freddy Quinn. Ihre letzte Lieblingssendung, kurz vor ihrem Tod, ist der "Blaue Bock".
"Heimweg" wird kein Bestseller werden, dazu ist das Buch zu unberechenbar, zu kunstvoll, zu unbequem. Martenstein aber will einen zweiten Versuch mit der Romanform wagen, einen Vorstoß in die Gegenwart. "Irgendetwas Heutiges, etwas, das näher bei mir ist." Das zweite Buch wird schwieriger zu schreiben sein als das erste. Doch das, sagt Martenstein, kennt er schon von der Arbeit an seinen Kolumnen. "Im ersten Jahr schreibst du über das, was sich bei dir angesammelt hat. Von da an lebst du von der Hand in den Mund."