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Kugel und Kreuz

20.03.2007 ·  Zum ersten Mal übersetzt: G. K. Chestertons Roman als Vorabdruck in der F.A.Z.

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Von den etwa hundert Büchern, die Gilbert Keith Chesterton (1874 bis 1936) im Laufe seines Lebens schrieb, ist die eine Hälfte weltberühmt geworden, während die andere Hälfte unbekannt blieb oder wieder in Vergessenheit geriet. Gerade in Deutschland trennte das Publikum stets zwischen dem Verfasser der ungemein populären Geschichten um Pater Brown oder der phantastischen Erzählung "Der Mann, der Donnerstag war" und dem Autor von Romanen und Schriften, die sich oft mit theologischen oder philosophischen Fragen beschäftigten.

Für seine Brotarbeiten wurde Chesterton gerühmt und gefeiert; was ihm wirklich am Herzen lag, wurde weitgehend ignoriert. Der katholisch-konservative Polemiker hatte hierzulande außerdem lange Zeit darunter zu leiden, dass er im Umfeld des Ersten Weltkriegs scharf und nicht ohne Wirkung auf beiden Seiten des Kanals gegen das deutsche Kaiserreich agitiert hatte. So ist es kein Wunder, dass Chestertons Roman "Kugel und Kreuz", mit dessen Vorabdruck wir heute beginnen, bislang noch nie auf Deutsch erschienen ist.

Das Buch beginnt mit einem heftigen Disput zwischen einem Mönch und einem Luftschiffkapitän namens Luzifer und wird mit dem Streit zwischen einem schottischen Katholiken und seinem atheistischen Landsmann fortgesetzt, der sich durch den ganzen Roman zieht. Denn das Duell, mit dem der Katholik die Beleidigung der Muttergottes sühnen will, wird aufgrund widriger Umstände nie beendet. Im Gegenteil, die Kontrahenten kommen sich in der Absicht, das Leben des jeweils anderen zu beenden, sogar immer näher. Einig sind sie sich darin, das gesetzliche Verbot des Duells zu ignorieren, einig sind sich Christ und Atheist, als es gemeinsam gegen einen Juden geht, einig sind sie sich in der Wertschätzung eines jeden Mannes, der in lauer Zeit bereit ist, für seine Überzeugungen mit dem Leben einzustehen. So werden Klingen und Argumente gekreuzt, dass Naphtha und Settembrini auf dem Mannschen Zauberberg ihre helle Freude daran gehabt hätten.

Chesterton mischt in seinem 1910 erschienenen Roman, den wir in leicht gekürzter Fassung abdrucken, Elemente der Science-Fiction, des Abenteuerromans und der philosophischen Abhandlung. Sein Witz und seine Ironie, von Stefan Welz für den Verlag nova & vetera ins Deutsche übertragen, klingen nicht verstaubt, sondern erstaunlich frisch in einer Zeit, die zu der Gewohnheit zurückgekehrt ist, Meinungsverschiedenheiten in religiösen Fragen mit der Waffe auszutragen.

Wie ungewöhnlich die geistige Freiheit und das bewegliche, unorthodoxe Denken, das etwa Robert Musil an Chesterton schätzte, auch in England waren, zeigt eine Bemerkung der 1893 geborenen Dorothy L. Sayers: "Für die jungen Leute meiner Generation war G. K. C. eine Art christlicher Befreier. Wie eine wohltuende Bombe zertrümmerte er in der Kirche eine Menge Glasgemälde aus dürftiger Zeit und ließ frischen Wind herein."

HUBERT SPIEGEL

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2007, Nr. 67 / Seite 33
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