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: Künstlermärchen, auf Seide gezeichnet: Die Geschichte von Han Gan und seinem Wunderpferd

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Man muß nicht viel von chinesischer Kunst verstehen, um Chen Jianghongs Bilderbuch über den Maler Han Gan zu schätzen: Die gelegentliche Bestellung beim chinesischen Lieferservice und etwas Einfühlungsvermögen in den Job des jungen Mannes, der Ihnen ein Chop-suey an die Haustür bringt, dürften reichen.

          Man muß nicht viel von chinesischer Kunst verstehen, um Chen Jianghongs Bilderbuch über den Maler Han Gan zu schätzen: Die gelegentliche Bestellung beim chinesischen Lieferservice und etwas Einfühlungsvermögen in den Job des jungen Mannes, der Ihnen ein Chop-suey an die Haustür bringt, dürften reichen. Auch Han Gan hatte arme Eltern und trug für wenig Geld Speisen aus. Daß Ihr Lieferant in seinem Leben ebenfalls Größeres vorhaben könnte, wäre nach der Lektüre von "Han Gan und das Wunderpferd" immerhin einen Gedanken wert.

          Der kleine Han Gan nämlich tut nichts lieber als zeichnen. Als er eines Tages dem berühmten Maler Wang Wei das Essen bringt, kratzt er das Bild eines Pferdes in den Sand, das den Meister so beeindruckt, daß er sich des Jungen annimmt. Wang Wei lebte von 699 bis 759 in der Provinz Shansi und war nicht nur Maler, sondern auch Dichter und Kalligraph; Han Gan malte zeitlebens vor allem Pferde. Als Hofmaler von Kaiser Hsüan-tsung kam er zu hohem Ansehen: Das Bildnis des kaiserlichen Lieblingspferdes "Das die Nacht erhellende Weiß" ist eine Attraktion im New Yorker Metropolitan Museum und mehrt Han Gans Ruhm bis heute.

          Der 1963 in Tianjin geborene Maler Chen Jianghong, der seit 1987 in Paris lebt, erzählt Han Gans Biographie im Duktus von Märchen und Legende; die Entdeckung des schon in Kindertagen ausgeprägten Talents ist dabei ein gängiger Topos der Kunstgeschichte und erinnert nicht zuletzt an Vasaris Künstlerviten, in denen es an einer Stelle heißt: "Wahrhaft glücklich kann man die Menschen nennen, welche durch einen natürlichen Trieb den Künsten zugewandt sind." Cimabue zum Beispiel zeichnete schon als Kind lieber "Menschen, Pferde, Gebäude und allerlei Phantastisches", statt sich in der Kunst der Grammatik zu üben; Giotto saß als Zehnjähriger gerne im Gras und zeichnete beim Schafehüten Bilder auf einen Stein. Und so wie Cimabue sich einer Gruppe von Malern anschloß, die zufällig in der Stadt waren, so wie er später zufällig auf den kleinen Giotto gestoßen sein soll, der mit seiner Steintafel zwischen den Schafen am Wegesrand saß, so lebt auch die fernöstliche Variante dieses Künstler- und Entdeckermythos vom Glanz und Magnetismus einer gut erzählten Geschichte. Wang Wei legt Han Gan Papier, Farben und Pinsel auf einen Tisch und tut noch etwas Geld dazu, damit der Junge unbesorgt zeichnen kann. Die freundschaftliche Geste, mit der er seinem Zögling die Utensilien überläßt, zeugt dabei von der großen Kultiviertheit des gebildeten Malers und stiftet mit ihrer konzentrierten Ruhe und Anmut eine der schönsten Seiten des Buchs.

          Chen Jianghongs Bilder erstrecken sich alle über eine Doppelseite, was im Querformat für eine beachtliche Längung sorgt und der Geschichte einen weiten Erzählraum eröffnet, den der Illustrator abwechslungsreich zu nutzen versteht. Er läßt etwa die Bildmitte von einem hohen Wandschirm, vor dem er seine Figuren plaziert, diagonal kreuzen; er verbindet Innen- und Außenräume, die sich aufgrund unterschiedlicher Lichtverhältnisse und einer kontrastreichen Farbgebung voneinander abheben und die Bilder strukturieren. Perspektivwechsel und eine eher dem Film als der traditionellen chinesischen Malerei verpflichtete Inszenierung suggerieren eine Dynamik, die "Han Gan und das Wunderpferd" zu einem spannenden, mitunter allerdings allzu plakativen Buch macht. Als Han Gan eines Nachts von einem berühmten Krieger aufgesucht wird und für diesen das "feurigste und stärkste Schlachtroß" malen soll, das es je gegeben hat, nimmt Chen Jianghong den sprichwörtlichen Mythos des Malers, dessen Pinsel seine Motive zum Leben erwecken kann, beim Wort und überhöht ihn ins Phantastische. Das Pferd, das aus den Flammen springt und den wütenden Krieger durch viele Schlachten trägt, braucht "weder Wasser noch Futter oder gar eine Rast". Weil es jedoch Leid und Tränen kennt, nimmt die Geschichte schon bald eine nur wenig überraschende Wendung: Auch Illustratoren der jüngeren Generation halten sich in den heiklen Momenten eines Kinderbuchs offenbar gern ans Diktat einer seichten und betulichen Moral.

          Die Vorlagen für "Han Gan und das Wunderpferd", ein Buch, das in erster Linie durch die schöne Komposition seiner Bilder überzeugt, wurden von Chen Jianghong auf Seide gemalt, eine Qualität, die den meisten Abbildungen auch auf Papier durchaus anzusehen ist. Vor allem vor den großflächigen Bildhintergründen sind vereinzelte schattenlose Figuren von der geisterhaften Präsenz des Abwesenden; die hingetuschte Nacht, in die der gespenstische Krieger mit seinem Wunderpferd hinausreitet, hat eine Transparenz und Tiefe, wie man sie im Leben nur selten sieht.

          THOMAS DAVID

          Chen Jianghong: "Han Gan und das Wunderpferd". Aus dem Französischen übersetzt von Erika und Karl A. Klewer. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2004. 40 S., geb., 16,80 [Euro]. Für jedes Alter.

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