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Neuer Roman von Dan Brown : Ein bisschen Erbauung schadet nie

Er ist ein Erzähler, an dem ein Lehrer verlorengegangen ist, ein bisschen sogar ein Erbauungsprediger, das macht ihn nicht unsympathisch – und „Origin“ nicht langweilig. Nach einem etwas zähen ersten Drittel, in dem vor allem jede Menge Personal geklärt werden muss, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Ihren Fortgang hier zu enthüllen wäre eine Gemeinheit. Verraten sei, dass ganz am Schluss noch eine sehr scharfkantige Pointe auf leisen Sohlen daherkommt. Selbst Langdon hatte diese Wendung nicht auf dem Zettel. Ihre Tragweite, die keineswegs völlig aus der Luft gegriffen ist, hat wirklich das Potential des Schreckens.

Dan Brown: „Origin“
Dan Brown: „Origin“ : Bild: Lübbe Verlag

Alles beginnt, nach dem Vorspiel in der legendären Abtei Montserrat, mit einem „Event“ in Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao: Dort will Edmond Kirsch, Herrscher über die computerbasierte Spieltheorie, seine bahnbrechende „wissenschaftliche Entdeckung“ verkündigen; Ambra Vidal, die selbstredend bildschöne Direktorin des Guggenheim, hat ihm für die multisensuale Performance ihr Haus geöffnet. Ehe Kirsch richtig beim Thema ist, wird er vor Publikum und laufenden Kameras, die das Spektakel im Internet verbreiten, erschossen. Nun beginnt das typisch mit Cliffhangern und unvorhersehbaren Volten inszenierte Dan Brownsche Jagdszenario: Denn Langdon, dem unerwartet eine Rolle bei Kirschs Auftritt zugefallen war, haut im entstandenen Chaos mit Vidal, die obendrein die Verlobte des Kronprinzen Julián ist, ab. Das Ziel der beiden ist es, sich Zugang zu Kirschs durch ein komplexes Passwort abgesicherter Videoshow zu verschaffen, um seine revolutionären Erkenntnisse der ganzen Welt im Netz zu offenbaren. Ob das gelingt oder nicht, sei hier verschwiegen. In Erwartung der Show sind allerdings weltweit rund 230 Millionen Menschen an ihren Geräten zugeschaltet.

Bei Brown wird noch jede Flucht zum didaktischen Sightseeing, diesmal gibt es Wissenswertes zu Gaudís organoider Basilika Sagrada Família in Barcelona, außerdem zu El Escorial und zum Valle de los Caídos, des faschistischen Diktators Franco monströsem Mausoleum. Wieder geschieht alles an einem einzigen Tag, genauer in einer sehr langen Nacht. Beinah ständiger Begleiter von Langdon und Vidal ist „Winston“, der Name ist eine Homage an Churchill. Winston ist eine heimliche Hauptfigur, obgleich er körperlos ist, nur als Stimme in einem Headset oder aus dem Phablet von Kirsch existiert. Denn Winston ist eine von Kirsch als Interface erschaffene Künstliche Intelligenz, die lernfähiger ist als jede bisher existierende KI. Winstons ephemere Präsenz bleibt aufregend bis zum Schluss, er ist der Vollstrecker der Wünsche seines Herrn, über die Verkündigung von dessen Botschaft hinaus. Vielleicht ist Winston Kirschs wirkliches Vermächtnis.

In „Origin“ geht es wesentlich auch um Fanatismus, aber Brown vermeidet jeden direkten Bezug auf den islamistischen Terror, wie er gerade in Barcelona mit dem Anschlag auf die Ramblas im vergangenen August stattfand. Er spielt freilich auf die Motive religiösen und ideologischen Wahns an. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Spanien, der Zerrissenheit durch den katalanischen Separatismus, ist das Schicksal der spanischen Monarchie aus der Tradition der Reyes Católicos heraus, das in „Origin“ mitverhandelt wird, eher eine nostalgische Petitesse. Aber niemand hat je ernsthaft vermutet, dass Dan Brown historische Romane schreibt, und „Origin“ unterhält ziemlich gut; das ist schon eine ganze Menge.

Verlassen wir die Ursprungssuche nach 670 Seiten Lebenszeit, begleitet von Robert Langdons sophistischem Grübeln: „Wenn die Naturgesetze so umfassend sind, dass sie ausreichen, um Leben zu erschaffen – wer hat dann die Naturgesetze erschaffen?“

Dan Brown: „Origin“. Thriller. Aus dem amerikanischen Englisch von Axel Metz. Lübbe Verlag, Köln 2017. 670 S., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.

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