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Kriegsliteratur : Trauer auf engstem Raum

  • -Aktualisiert am

Die Jahrestage von Schlachten wie der Kesselschlacht von Stalingrad werden heute zu Versöhnungsfesten. Auch Arno Surminskis Roman „Von den Kriegen“ sucht Worte der Versöhnung und Erinnerung. Bild: dpa

Was die Gedenkanzeigen in Tageszeitungen über den Krieg verraten, erzählt Arno Surminskis Roman „Von den Kriegen“. Ein beeindruckendes Plädoyer für den Frieden.

          Auch wenn die Kriege seit Jahrhunderten beendet sind, wird ihrer Opfer noch heute gedacht. Bis zum napoleonischen Russland-Feldzug gehen die Gedenkanzeigen der Tageszeitungen unserer Tage zurück, die Schlacht um Verdun und die des Zweiten Weltkriegs sind noch häufiger ihre Anlässe. Das für die Angehörigen schmerzliche Erinnern hilft den Toten, am Leben zu bleiben. So sieht es zumindest der Schriftsteller Arno Surminski: „Man lebt, solange man geschrieben wird.“ In der Vergänglichkeit der Tageszeitung wäre das ein kurzes Leben, wenn nicht auch das Sammeln eine bewährte Kulturtechnik des Erinnerns wäre.

          Dreißig Jahre lang sammelte der 1934 geborene Autor solche Gedenkanzeigen. Seine ganz reale Sammlung gibt Surminski nun in die fiktiven Hände des Protagonisten seines neuen Romans „Von den Kriegen“. Gero Warnecke ist Geschichtsstudent und kategorisiert im Auftrag seines Professors Wiesener eine Sammlung von Anzeigen aus dem Nachlass eines Verstorbenen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Er entdeckt die Lebens- und Todesgeschichten hinter jedem Inserat und verliert dabei zunehmend die emotionale Distanz. Immer wieder fragt er sich, wer diese Anzeigen wohl gesammelt hat und was diese entfernte Vergangenheit „uns“ bedeutet. Schließlich wird ihm in aller Schlichtheit klar, wie wichtig die Anzeigen für den heutigen Frieden sind: „Es darf nie wieder Krieg geben.“

          Arno Surminski wurde in Ostpreußen geboren und lebt in Hamburg. Heimat ist das Leitmotiv seiner mehrfach ausgezeichneten Romane und Erzählungen. Sie handeln oft von den Schicksalen der Menschen nach Kriegsende und dem Versuch, eine Brücke zwischen Polen und Deutschland zu schlagen und die Erbfeindschaften der Hinterbliebenen zu überwinden.

          Plädoyer für den Frieden

          Die Gefahr liegt nahe, bei einem Roman über die letzten Lebenstage von Menschen im Krieg, pathetisch zu werden, doch Surminskis Text erinnert sprachlich eher an ein Sachbuch. „Von den Kriegen“ lebt nicht von der Formulierung, sondern vom Inhalt des Erzählten. Sachlich seziert er die einzelnen Todesanzeigen, stellt die gewählten Worte, die Jahreszahlen und Symbole heraus. Ihre Bedeutung illustriert auf ergreifende Weise die Ideologien, Wirren und Schrecken der Gefallenen wie der Inserenten. Der Autor schärft den Blick auf die hundertsiebzig abgedruckten Gedenkanzeigen, so dass er sie auch acht Seiten lang für sich selbst sprechen lassen kann, ohne dass Langeweile aufkommt. Sein erzählerisches Können hat Arno Surminski in Romanen wie „Amanda oder Ein amerikanischer Frühling“ gezeigt. In „Von den Kriegen“ allerdings wirkt die Handlung um den etwas dümmlich geratenen und immer staunend fragenden Gero Warnecke fadenscheinig. Kleine Notizen auf den Anzeigen legen Spuren zum verstorbenen Sammler. Dabei werfen sie immer neue, vermeintlich kritische Fragen auf – und führen dann doch ins Leere. Oder zu Warneckes Geschichtsprofessor, der dem Unbedarften als allgegenwärtige Off-Stimme antwortet und den historischen Kontext der Anzeigen erklärt. Der Roman würde als spannendes Sachbuch funktionieren, wenn nicht Geros ständiges Staunen wäre.

          Bild: siehe Verlag

          Hin und wieder versucht sich Arno Surminski an schönen, aber abgegriffenen Formulierungen, die den Roman bei genauem Lesen schwächen. Der Autor spricht von ahnungslosen Männern, die zum Krieg verführt wurden. Sie sind „nicht Mörder unter uns, sondern Väter, Brüder“. Er versucht damit versöhnliche Worte zu finden. Doch wer zum Töten verführt wird, wird nicht gezwungen, wie andere Stellen des Romans andeuten. Und wenn Gero sich „vom Einerlei des sinnlosen Sterbens“ in Russland mit noch im Krieg inserierten Todesanzeigen abzulenken versucht, stellt sich die Frage, ob dadurch das Sterben für ihn sinnvoll wird.

          Gerade das, was Surminski mit seinem literarischen Rahmen versucht, wirkt ausschließlich durch die Feinarbeit an der Sammlung von Totenerinnerungen. Die Sachlichkeit der realen Schreckensgeschichten von Zivilisten wie Soldaten, von Frauen, Männern und Kindern hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Ein Gefühl, das sich bis in den Alltag des Lesers erstreckt. Denn dieser beginnt auch bei seiner Zeitungslektüre Anzeigen mit den Augen Warneckes zu lesen. Der Roman ist ein Plädoyer für den Frieden. Und zwar nicht mit dem Blick in die Vergangenheit durch Vergangenes, sondern durch anhaltende Trauer bis in unsere Zeit, die diesen Friedenswunsch so stark und wichtig macht.

          Arno Surminski: „Von den Kriegen“. Roman. Langen Müller Verlag, München 2016. 160 S., geb., 18,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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