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Kranker Vogel Jugend

Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg lebt wild und schreibt darüber

Er ist erst 34 und hat schon mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben. Große Romane und kurze, brutale Erzählungen. In seinen Geschichten geht es um Männer, die mit dem Leben und der Liebe nicht zurechtkommen, die viel zuviel Bier und Wein und Schnaps trinken und mehrmals in der Woche ins Bordell rennen, weil sie sich ständig nach fremden Frauen und neuen Reizen sehnen. Wer die Texte des niederländischen Autors Arnon Grünberg liest, stellt sich den Schriftsteller womöglich als grobschlächtigen, kaputten Typen vor, als schreibwütigen Spinner, der keine Frau abkriegt und seinen Frust literarisch kompensieren muß.

Dabei macht Arnon Grünberg in Wahrheit einen ziemlich harmlosen Eindruck. Er hat dunkelblonde Locken und trägt eine Hornbrille, deren Gläser so dick sind, daß die Augen dahinter fast verschwinden. Ganz höflich antwortet er auf alle Fragen, auf einem weißen Plastikstuhl vor dem Lettl sitzend, einem unscheinbaren Münchner Hinterhofhotel. Man darf sich von ihm jedoch nicht täuschen lassen. Er schlüpft gerne in Rollen, spielt mit Identitäten, maskiert sich, versteckt sich, gibt sich erst zu erkennen, wenn die Beweislage eindeutig ist, und wechselt dann den Namen, um in anderer Gestalt wieder an die Öffentlichkeit zu treten. Mal nennt er sich und seine Helden Arnon Grünberg, mal Marek van der Jagt, und vielleicht wird er eines Tages Christian Beck heißen. So wie der Protagonist seines gerade auf deutsch erschienenen Romans "Der Vogel ist krank".

Christian Beck hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Illusionen zu zerstören. Er ist der "große Maskenabreißer", wie es im Buch heißt, ein schonungsloser Realist, der sagt, was er denkt. Als Übersetzer für Gebrauchsanweisungen hat er seine Ansprüche so weit reduziert, daß eigentlich nichts mehr schiefgehen kann. Vom Schriftstellerdasein hat er sich ebenso verabschiedet wie vom Glauben, in der Liebe sein Glück zu finden. Sein Erfolgsrezept: ohne Erwartung keine Enttäuschung. Sein Motto: zuschauen. Seine Definition von Erwachsensein: lernen, den Verlust auszuhalten.

Dann passiert das Unerwartete. Die Nachricht kommt früh am Morgen. Draußen ist es drückend schwül, die Hitze der vergangenen Wochen staut sich in der kleinen Göttinger Wohnung. Christian Beck liegt neben seiner Freundin im Bett. Seit Jahren sind sie ein Paar, und seit Jahren läuft nichts mehr zwischen ihnen. Trotzdem sind sie noch zusammen. Die Frau, die er zärtlich "Vogel" nennt, ist Teil eines reibungslos funktionierenden Systems, in dem Gefühle keinen Platz haben. Es ist nur ein Flüstern, ein einfacher, gehauchter Satz aus ihrem Mund, der dieses System - sein Leben - erschüttert: "Der Vogel ist krank."

Mit diesen vier Worten beginnt der gleichnamige, großartige Roman von Arnon Grünberg. Sie geben den Ton und das Thema vor und verweisen auf die Schrecken der nächsten 496 Seiten. Auf den Verfall, das Ende einer Beziehung und die poetische Kraft, die Grünbergs schlichte Prosa entfaltet. Nur auf eins verweisen sie nicht: auf den slapstickartigen Humor und die üblen Überraschungen, die auf jeder Seite lauern.

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