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: Kolonialwaren der Seele

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Thomas Hettche ist ein methodischer Autor. Was ihn fasziniert, das lässt er so schnell nicht mehr los; hin und her gewendet, taucht es an fernen Stellen wieder auf. Das gilt auch für seine diversen Feuilletonbeiträge, die nun unter dem Titel "Fahrtenbuch" erschienen sind. Meist handelt es sich um ...

          Thomas Hettche ist ein methodischer Autor. Was ihn fasziniert, das lässt er so schnell nicht mehr los; hin und her gewendet, taucht es an fernen Stellen wieder auf. Das gilt auch für seine diversen Feuilletonbeiträge, die nun unter dem Titel "Fahrtenbuch" erschienen sind. Meist handelt es sich um Reiseberichte an geradezu museale Orte wie Sils Maria, Venedig und die Berliner Pfaueninsel, wo Vergangenheit hoch geschichtet ist und sich vor dem gebildeten Blick des Autors entblättert. An solchen historischen Stätten interessiert Hettche die Art und Weise, wie Kultur organisiert und überschrieben wurde: die kollektive Gedächtnisleistung, die sich in ihnen verbirgt. Dahin reist der Autor nicht wie seine Zeitgenossen, fiebrig, flüchtig und ruhelos, sondern eher wie ein Detektiv zum Tatort, einsilbig, aber hoch empfänglich, wohl wissend, dass jedes noch so kleine Detail womöglich für die Rekonstruktion des Geschehens unverzichtbar ist. Diese gründliche Neugier auf die materielle Verfassung des Fremden impliziert eine Dosis Polemik gegen das virtuelle Archiv, das heute alle anderen Memoria-Systeme der Menschheit zu verdrängen scheint: die "künstliche, koordinatenlose Ewigkeit" des Internets.

          Ein programmatischer Aufsatz am Ende des Buches gipfelt in der These, moderne Medien würden uns jener Transzendenz berauben, die erst durch das Ordnen und Interpretieren der Fakten möglich wird. Besonders schlecht ist Hettche auf die mediale Bilderflut zu sprechen, die für den Adorno-Schüler auf eine Rebarbarisierung des öffentlichen Raums hinausläuft. Als Frankfurter-Schule-Denker avant la lettre stellt er uns Augustinus vor. In einer Episode seiner "Bekenntnisse" erzählt der Kirchenvater von einem Studenten, der sich wider Willen zu einem Gladiatorenkampf zerren lässt, fest entschlossen, die Augen vor der Zerfleischung zu schließen. Als er sie dann doch einmal öffnet und das Blutbad gewahrt, "überkam ihn auch schon die Sucht nach der wilden Lust". Ein bloßer Blick, so Augustinus, hat den Zuschauer mehr verletzt, als es das Schwert je könnte. Die instinktive Abscheu versagt, und was bleibt, ist der Hunger nach mehr. Nach zweitausend Jahren sieht Hettche die ganze Welt aufgestachelt im Zirkus sensationeller Bilder sitzen: "Wieder scheint es keinen Standpunkt jenseits des eigenen Appetits mehr zu geben. Das Murren über die Brotverteilung ersetzt die Politik."

          Für das beste Mittel, sich aus dem Bildsumpf herauszuziehen, hält Thomas Hettche das Erzählen: "Jeder Roman eine Welt für Orte, wo nichts ist." Auch seine Feuilletons zielen auf das Jenseits der Bilder, auf Qualitäten, die nur mit allen Sinnen und an Ort und Stelle erfahrbar sind. In der Wüste von Texas und an der Baumgrenze des Engadins scheint er auf Visionen nach Art der Einsiedler zu spekulieren und findet sie doch in einem Zentrum der alteuropäischen Zivilisation, im Ratssaal der venezianischen Republik, nachdem "die letzten Besucher mit quietschenden Turnschuhen die riesige ,Sala del Maggior Consiglio' verlassen haben": Flimmernd und zitternd geht ihm das venezianische Licht auf und damit jenes Medium, durch welches das Sehen und die Bilder erst möglich werden. Als er sich zur Mittagsstunde plötzlich allein auf einem venezianischen Campo wiederfindet, packt den Erzähler ein panischer Schrecken. Von solcher Natur ist für ihn auch die gesichtslose Gewalt, mit der Katastrophenbilder den Westen seit dem 11. September hypnotisieren. Zu ihrer Überwindung empfiehlt der Autor die Lektüre der Krimis von Patricia Cornwell, in denen es zwei Protagonisten, den Profiler und die Pathologin, gibt. Während Ersterer dem Hunger nach einem Gewaltspektakel erliegt und sich in die Psyche des Täters einfühlt, rekonstruiert die Pathologin anhand der versehrten Körper das in ihnen "aufgespeicherte Leid". Dasselbe Verfahren wendet Hettches produktive Wahrnehmung bei seinen Ortsterminen an, ganz ausdrücklich, wenn er in Rom um den "Sterbenden Krieger von Agrigent" herumläuft und an der Gliederstellung die äußerste Energie des sich aufbäumenden Lebens nachvollzieht. Auch bei seinen Reisezielen bevorzugt er das Pittoreske, Dekadente, woraus der versiegte Kampf mit dem Verfall erst herausgelesen sein will. "Geschichten beginnen dort, wo Bilder die Wirklichkeit immer schon amputieren." In diesem Widerstand gegen das Starre, Formatierte, das Thomas Hettche nicht nur mit der Leiche, sondern auch mit der Warenwelt assoziiert, zeigt sich der Romantiker in ihm, für den die wahren Tropen keinen Breitengrad haben. Den Aufschwüngen seiner Phantasie, dem Echoraum seines Wissens und den Meilenstiefelschritten seiner melancholischen Gedanken verdanken wir so originelle Kurzschlüsse wie den zwischen dem weltweiten Netz und Bram Stokers Spinnweb-Thriller "Dracula" oder zwischen der wissenschaftlichen Erkundung des mutmaßlichen Ufo-Absturzes bei Roswell und dem Prozess der Heiligsprechung in der katholischen Kirche. Bei solchen wahrlich außerirdischen Purzelbäumen fängt für Hettche die Prosa erst an: "Geschichten sind die Kolonialwaren der Seele. Tausch- und Schmugglerware der inneren Ferne, Mitbringsel und Konterbande, herbeigeschafft aus den Wüsten unserer Sehnsüchte und über das Meer unserer Müdigkeit."

          INGEBORG HARMS

          Thomas Hettche: "Fahrtenbuch. 1993-2007".

          Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

          234 S., geb., 18,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2008, Nr. 178 / Seite 34

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