Home
http://www.faz.net/-gr4-omfh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kohlköpfe als Herzenstrost

Gustave Flauberts "Bouvard und Pécuchet", neu übersetzt

Bouvard und Pécuchet langweilen mich! & es wird Zeit, daß das ein Ende nimmt, wenn nicht, nehme ich selbst ein Ende . . .", schrieb Flaubert im Frühjahr 1880 an Turgenjew. Drei Wochen später überraschte ihn der Tod am Schreibtisch. Als schwaches Alterswerk wurde das Buch beim postumen Erscheinen 1881 eingestuft, um dann zu einem Grundtext der Moderne aufzusteigen. "Der Mann, der mit ,Madame Bovary' den realistischen Roman schuf, war auch der erste, der mit ihm brach", meinte Borges in seiner enthusiastischen Verteidigung des Werkes.

Grimmiger Antrieb von Flauberts Realismus war die Liquidation der Romantik. Der Autor wandte sich der ungeliebten Wirklichkeit zu, um sie in ihrer Banalität durch makellose Form zu bewältigen. In "Bouvard und Pécuchet" steigert sich der Wirklichkeitsekel zum Erkenntnisekel. Das Buch ist eine der nachhaltigsten Kollisionen von Wissenschaft und Literatur. Kein wissenschaftlicher Roman ist das Ergebnis, sondern einer, der sich mittels spröder Komik der zudringlichen Diskurse zu erwehren sucht. Flaubert gebärdet sich als Spötter in der Kirche des Fortschritts, zu der die Wissenschaft in seiner Zeit geworden war.

"Ich empfinde Haß auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Haß, die mich ersticken." Tatsächlich war er ein gründlicher Buchhalter seines Hasses. Sein wucherndes Archiv umfaßte Listen mit wissenschaftlichen Abstrusitäten, literarischen Stilblüten, Zitaten aus amtlichen Schriftstücken, politischer Feiertagsrhetorik und natürlich den legendären "Gemeinplätzen". Aus diesen O-Tönen ein Buch zu bauen, in dem der Autor kein eigenes Wort mehr sagen muß, nur noch höhnischer Arrangeur seiner Lesefrüchte ist, war Flauberts Ideal. In diesem Roman ist er ihm nahegekommen.

Die beiden Hauptfiguren sind zwei exzentrische "Biedermänner": der so strenge wie hagere Junggeselle Juste Romain Cyrille Pécuchet und der Witwer François Denys Bartholomée Bouvard, ein Freund sinnlicher Genüsse, der in seiner Jugend Schauspieler werden wollte. Der Blitzschlag der Freundschaft ereilt die beiden siebenundvierzigjährigen Kopisten auf einer Parkbank.

Eine großzügige Erbschaft ermöglicht es ihnen, dem Büro zu entkommen. Im Jahr 1838 ziehen sie sich nach Chavignolles aufs Land zurück, um dort die nächsten fünfundzwanzig Jahre ganz ihren Interessen gemäß zu leben. Allzu lange mußten sie dem Geldverdienen ihre geistigen Bedürfnisse opfern. Jetzt wollen sie das alles nachholen. In ihrem Alter seien "derartige Studien eigentlich nicht mehr geraten", scherzt der Arzt des Dorfes verletzend - als wäre Wissensdrang eine Jugendsünde.

Sie beginnen noch recht handfest mit Landwirtschaft, dabei von "religiöser Inbrunst ergriffen", Romantiker vorm Komposthaufen, denen in ihrer Einfalt und Ungeschicklichkeit alles schiefgeht. Die Desillusion, das große Thema und Strukturprinzip der "Erziehung der Gefühle", ist in diesem Roman zu einer parodistischen Mechanik von Euphorie und Enttäuschung geworden. Auf jeden Plan folgt unweigerlich das Mißlingen: "Ein Herzenstrost waren ihm einzig die Kohlköpfe. Vor allem einer machte ihm Hoffnungen. Er entfaltete sich, schoß auf, wurde schließlich riesig und völlig ungenießbar." Die Landwirtschaft führt sie zur Konservenbereitung. Als ihnen die Einmachgläser explodieren, geraten sie in die Chemie, von hier wiederum zur Medizin. So kommen sie von Gebiet zu Gebiet. Ihre Neugier schweift nicht wahllos, sondern immer motiviert.

Quer durch die Fakultäten

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mein liebster Buchladen (6) Dann schreiwe Se doch emol en Krimi in der Sparkass’

Das wahre Literaturleben spielt sich beim Besuch des Buchhändlers um die Ecke ab. Schriftsteller wissen das: Die Krimi-Autorin Ingrid Noll stellt ihre Lieblingsbuchhandlung vor. Mehr Von Ingrid Noll

18.02.2015, 13:16 Uhr | Feuilleton
Buchmessen-Gespräch am F.A.Z.-Stand Wolfgang Matz über Die Kunst des Ehebruchs

Effi Briest, Anna Karenina, Madame Bovary: Mit diesen Großromanen der Weltliteratur kam der Ehebruch, lange Zeit ein Adelsprivileg, auch im Bürgertum an. Wolfgang Matz hat darüber ein Buch geschrieben. Am F.A.Z.-Stand befragt ihn Jürgen Kaube. Mehr

08.10.2014, 13:21 Uhr | Feuilleton
Türkischer Schriftsteller Friedenspreis-Träger Yasar Kemal ist tot

Yasar Kemal, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ist am Samstag nach längerer schwerer Krankheit gestorben. Kemal wird zu den wichtigsten Romanautoren der Türkei gezählt. Mehr

28.02.2015, 17:32 Uhr | Feuilleton
Quiz Wie gut kennen Sie den Comic-Roman Sechs aus 49?

Nach der Winterpause geht unser Comic-Roman Sechs aus 49 in die neunte Staffel. Wie gut kennen Sie sich aus? Testen Sie Ihr Wissen mit sechs Fragen. Mehr

12.01.2015, 09:28 Uhr | Feuilleton
Pariser Dächer Graublaues Kulturerbe aus Zink und Schiefer

Die Pariser sind stolz auf ihre Dachlandschaft. Sie könnte bald als Unesco-Welterbe kandidieren – doch die Bürgermeisterin Anne Hidalgo ist nicht begeistert von der Idee. Einig sind sich jedoch alle darin, dass die Dächer zugänglicher gemacht werden sollen. Mehr

20.02.2015, 14:39 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.01.2004, 12:00 Uhr