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Kleiner Bär, großer Komplex

Justine, Tochter von Bernard-Henri Lévy, wäscht schmutzige Wäsche

"Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig" - so etwas hat man schon lange nicht mehr auf den Vorsatzblättern von Romanen gelesen. Justine Lévy, die Tochter des französischen Meisterdenkers Bernard-Henri Lévy, verschmäht solche Feigenblätter. Sie schreibt einen Schlüsselroman, zu dem im Lieferschein der Schlüssel gleich mitgereicht wird. Dort erfahren wir nicht nur, wes Geistes Kind die "berühmte Tochter" ist, sondern auch, daß der "weitgehend autobiographische Hintergrund" von ihrem "Exmann Raphael Enthoven", einem "ebenfalls prominenten Philosophen und Verlegersohn", sowie von Justine Lévys Nebenbuhlerin, der "schönen Carla Bruni, Chanson-Star und früherem Topmodel", zehrt. Womöglich sollen all diese einschüchternden Fakten verhindern, daß "Nicht so tragisch" zunächst einmal als Buch gewürdigt und nicht umgehend seiner eigentlichen Bestimmung als Schlüsselloch zugeführt wird.

Voyeuristen wurden, als der Roman letztes Jahr in Frankreich erschien, reichlich bedient und durch keinerlei literarische Raffinessen von ihrem Interesse abgelenkt. Den Skandalerfolg verdankte die Autorin nicht zuletzt den Haßtiraden und distanzlosen Schuldzuweisungen einer Erzählerin, die von ihrem Mann für eine "Blutsaugerin" verlassen wurde. Louise heißt sie, "kleiner Bär" wird sie von ihrem Ex genannt, doch man könnte sie genauso gut mit "mein Name ist Hase, ich weiß von nichts" titulieren. Das Buch beginnt mit der Beerdigung der Großmutter, bei der Louise durch das Tragen einer Jeans schockiert: "Ich dachte an etwas anderes, als ich mich anzog, ich weiß nicht mehr an was." Danach, erzählt sie, gibt es eine Party, aber "Party ist nicht der richtige Ausdruck, ich weiß nicht, was der richtige Ausdruck ist". Sie fährt nicht mit zu dem, was man ohne größere Umstände als Trauerfeier bezeichnen könnte. Statt dessen befiehlt sie dem Taxifahrer: "Fahren Sie los, aber wohin? Keine Ahnung."

So ungefähr geht es dann weiter. Auf zweihundert Seiten wirft Louise den üblichen Verdächtigen das Ende ihrer heilen Welt vor: zunächst dem Ex-Mann Adrien, der sie für seine Schwiegermutter verlassen hat. Einem kindlichen Erklärungsmuster treu, gibt sie Paulas "Männerfresserblick" die Hauptschuld daran. Doch der Leser wird den Verdacht nicht los, daß die Trennung des sich rastlos balgenden und an den Nasen ziehenden Pärchens mit einem unvermeidlichen Reifeprozeß und auch ein wenig mit Louises Amphetamin-Sucht zu tun gehabt haben könnte, die sie wechselweise ihrem Mann und ihrem Vater in die Schuhe schiebt. Aufputschmittel habe sie genommen, weil sie dem Papa ein perfektes Töchterchen sein und mit den brillanten Freunden ihres Mannes mithalten wollte. Daß beide ihre Sucht lange nicht geahnt haben, läßt sie besonders schlecht dastehen. Und dann ist da noch die Abtreibung eines Embryos, von dessen Heranwachsen eine Ärztin Louise im fünften Monat informieren mußte: mein Name ist Hase.

Ärzte werden mit Vorliebe als "Arschlöcher" bezeichnet, besonders einer, der den werdenden Eltern ungebeten das Geschlecht des Kindes verrät. Abtreibung "unmöglich, zu spät, absolut verboten, Schutz des Lebens, kriminell", echauffiert sich Louise, um ein paar Seiten später zu bekennen: "Ja, ich wollte sterben, als wir unser Kind getötet haben, aber letztendlich bedaure ich dieses Kind, das wir nicht gehabt haben, auch nicht so sehr. Ich glaube, man muß nicht um die Toten trauern. Und noch weniger, wenn sie keine Zeit hatten, Lebende zu sein."

Das einzige Kind, das wirklich bedauert wird, ist Louise selbst. Von den eigenen Gemütserschütterungen bleibt sie so restlos fasziniert wie eine Dreijährige von ihren Schürfwunden: "Ich habe die Tränen verloren, wie andere das Augenlicht oder die Stimme." Kitsch und Geschmacklosigkeiten sind kein Hindernis, wenn es um die Umleitung aller Pathosreserven an den ganz persönlichen Krisenherd geht: "Versetzt, verlassen, ausgekotzt, der Schock hat mich tschernobylisiert." Vom geschiedenen Vater zur süßen Tyrannin aufgepäppelt, wirft sie ahnungslose Liebhaber mit einem kurzen "Zisch ab" aus dem Bett, steckt Adrien den Finger in den Mund, wenn er spricht, und wirft als Lektorin vor Wut über ihr privates Unglück die Manuskripte hoffnungsvoller Autoren haufenweise in den Müll: "Das mit den Manuskripten durfte ich vielleicht nicht, aber egal, ich fühle mich besser." Dieser therapeutische Effekt stellt sich vermutlich auch ein, als sie en detail von den Schönheitsoperationen ihrer Konkurrentin, dem Drogen- und Frauenkonsum ihres Vaters und den narzißtischen Komplexen ihres geschiedenen Mannes handelt.

Es wird viel schmutzige Wäsche gewaschen, nur die eigene nie. Wenn es so etwas wie eine Geschichte gibt, dann ist das Louises Wiedergewinn der Liebesfähigkeit durch einen neuen Partner. Allerdings ist es verräterisch, daß dieser kraftstrotzende Bilderbuchmann Paolo heißt und damit zu einem Double der "Hexe" Paula wird. Zum Schluß bleibt der schale Eindruck, daß die literarische Plattform ein weiteres Mal gekapert wurde, um Medienprominenz zu ertrotzen. Der Rachefeldzug geht auf Kosten der lieben Verwandten, doch die scheinen das gewohnt zu sein.

INGEBORG HARMS

Justine Lévy: "Nicht so tragisch". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. Kunstmann Verlag, München 2005. 207 S., geb., 16,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2005, Nr. 206 / Seite 34

 
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Veröffentlicht: 05.09.2005, 12:00 Uhr