Es ist nützlich, eine allgemein akzeptierte Terminologie zu haben, aber das hat sich als unmöglich erwiesen“, antwortete der englische Dichter Bob Cobbing einmal auf die Frage nach dem Verhältnis von Poesie und Poetik und kam zu der Schlussfolgerung: „Was zählt, ist, was gemacht worden ist, nicht, wie es genannt wird.“ Anderen hingegen ist die genaue Benennung für die Rezeption von Literatur unabdingbar bis hin zur Verabsolutierung von Begriffen wie dem der Struktur, was einen neuen Nominalismusstreit heraufbeschwören könnte.
Nicht selten wurden die Poetiken von den Autoren selbst entwickelt und eingeführt, teils parallel zur dichterischen Praxis und in wechselseitiger Referenz aufeinander. Für die rhetorikbasierten normativen Gattungspoetiken des Barock war dies sogar die Regel. Deskriptive Poetiken stellen oftmals die Möglichkeit einer allgemeinen theoretischen Beschreibbarkeit von Literatur in Frage, was deren theoretisch fundierte Analysierbarkeit jedoch nicht ausschließt. Ihre Chance, nicht zuletzt, was ihren kritisch-dokumentarischen Wert anbelangt, besteht unter anderem in der Konstituierung einer historischen, das heißt retrospektiven Typologie von Gattungen und Genres, die gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen integrieren kann.
Produktionsästhetik und Gattungsgeschichte auf kreative Weise verbindend, hat nun der visuelle Poet und Literaturwissenschaftler Klaus Peter Dencker eine Bestandsaufnahme derjenigen Poesie vorgelegt, die er in Analogie zur „Akustischen Poesie“ und im Anschluss an den Literaturwissenschaftler Ulrich Ernst „Optische Poesie“ nennt. Mit diesem analytisch tragfähigen und aufgrund seiner Unbelastetheit angemessenen Leitbegriff hat er nicht versucht, eine normative Gattungspoetik inklusive Ausschlussverfahren und produktiven Anweisungskanons zu restituieren. Vielmehr ist es ihm gelungen, im Filiationsdschungel der spätestens seit dem Barock auseinanderdriftenden Gattungs- und Genrevielfalt der „Optischen Poesie“ historische Orientierung zu schaffen. Und das war überfällig, hat die multi- und intermediale Extension dessen, was unter den Begriff „Poesie“ zu fassen ist, doch zunächst einmal eher mit Produktionsästhetiken vertraute Medientheoretiker auf den Plan gerufen, als dass die Literaturwissenschaft diesen erweiterten Poesiebegriff nachvollzogen hätte. Die Stilblüten der schweres Geschütz auffahrenden Rezeptionsabwehr dieser Poesie dokumentiert Dencker ebenso wie ihre Theoriegeschichte (darunter Dick Higgins, Ferdinand Kriwet, Franz Mon oder Gerhard Rühm als Dichtertheoretiker).
Der Film in der Sprache
Zwar lässt der Untertitel des gewichtigen Buches, „Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart“, einen archäologisierenden Regressus in infinitum historischer Ursprungsmythen der „Optischen Poesie“ bis hin zur Reklamierung von Schöpfungsmythen der Sprache und der Schrift als ihren Initiatoren befürchten. Aber Dencker ist dieser Gefahr nicht erlegen. Unter den von ihm beschriebenen Dokumenten medialer und synästhetischer Grenzüberschreitungen aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern finden sich Belege für zum Teil sehr frühe Konzeptualisierungen, die, so Denckers mediengeschichtliche Spekulation, spätere Entwicklungen vorausdachten, ohne dass ein geeignetes Medium für die Realisation zur Verfügung gestanden hätte. Sie allein schon lohnen die Lektüre dieses Buches.
So spricht Jean Paul in der „Vorschule der Ästhetik“ davon, dass die „fließende Phantasie“ eingesetzt werden müsse, wenn die Sprache zur Darstellung des Sichtbaren nicht mehr ausreiche, denn erst wenn sichtbare Dinge ins Vorgangshafte gerieten, sehe man etwas. Diese Umsetzung des Statischen ins Dynamische ist Dencker zufolge „die Definition der Filmform schlechthin“. Mit ihr habe Jean Paul Positionen des italienischen Futuristen Marinetti vorweggenommen.
Die Schrift als Bild
Ist die „Optische Poesie“ in Spezialbereichen wie dem Figurengedicht oder der Konkreten Poesie wissenschaftlich geradezu durchröntgt worden, so fehlte bislang ein systematisierender, begriffskonsistenter Gesamtüberblick, der sowohl historisch als auch international ausgerichtet ist und die einzelnen Erscheinungsformen komparatistisch gruppiert. Neben Ulrich Ernst erweist sich Dencker hierbei als der bedeutendste Kenner der Materie. Der eigenen Maxime folgend, hat er dabei sehr wohl beachtet, dass „selbst bei starken formalen Ähnlichkeiten der Blick für ganz eigenständige Ausdrucksformen nicht verstellt werden darf, die gerade nicht unter ein und demselben Begriff zu subsumieren sind“. Unter diesem Aspekt hat er die Musikalische Grafik, Kinetische Poesie und die visuellen Partituren der Akustischen Poesie als eigenständige Sparten mit unterschiedlicher ästhetischer Funktion behandelt.
“Konkrete“ und „Visuelle Poesie“ bilden folgerichtig den Schwerpunkt seiner Untersuchung. Hervorzuheben sind hier insbesondere die kulturgeschichtlichen und poetologischen Ausführungen zu den Komplexen „Schriftsysteme“ (Rebusschrift, Labyrinthe, Hieroglyphik) und „Text als Figur - Text im/als Bild“. Dieses thematische Zentrum der Arbeit führt den Leser von den Technopägnien (300 bis 200 vor Christus) bis zum Comic; er lernt die Genres „Gitter-“, „Linien-“, „Bild-“ und „Architekturgedicht“ kennen und folgt den Crossovers „Schrift als Bild“ und „Lingualisierung des Bildes in der Kunst“ (Paul Klee), wobei er einen Zeitraum von der Antike bis zum zwanzigsten Jahrhundert mit Rolf Dieter Brinkmanns visuellen Pop-Collagen, dem Spatialismus eines Pierre Garnier oder Hanne Darbovens Zeitschreibprojekt „Schreibzeit“ durchmisst. Hier unternimmt Dencker auch eigenwillige Einordnungen, wenn er etwa Carlfriedrich Claus mit seinen „Denklandschaften“ als den wohl „wichtigsten Vertreter der Skripturalen Malerei“ bezeichnet, während dieser selbst seine Arbeiten als Literatur verstanden hat.
Sachdienliches für Innovationsnarzissten
Trotz der enzyklopädisch zu nennenden typologischen Systematik mit ihrer Bestandsaufnahme internationaler Exempla entsteht nirgends der Eindruck einer bloß additiven Anhäufung von Beispielen. An ihnen demonstriert Dencker vielmehr mediale und ästhetische Differenzqualitäten, die das lineare Lesen ergänzen um die Wahrnehmungsmodi des Starrens, wandernden Schauens oder punktuellen Entzifferns und die mittels visueller Mehrfachkodierung mit dem Verstehen und der Dekonstruktion von Verstehen „spielen“, eine rezeptive Fokussierung verweigern oder dem Leser die Arbeit der relationalen Zuordnung der Zeichen überlässt. Der Buchstabe ist hierbei ein Codierungsmittel unter vielen anderen wie zum Beispiel dem Piktogramm, dem Ikon, der Fotografie oder der Zeichnung. Text- respektive bildgenerische und mediale Kombinatorik haben das Feld der „Optischen Poesie“ um multi- und intermediale Gestaltungsformen erweitert. An Medien und Projektionsmaterialien dokumentiert Dencker beispielsweise Film, Fernsehen, Computer und dreidimensionale Visualisierungen (Hologramm und andere), deren Einsatz veränderte Kommunikationsformen der Rezeption wie Vernetzung und Interaktivität zur Folge hatte.
Die zuweilen fehlende theoretische und analytische Tiefenschärfe erklärt sich aus der Fülle des angeführten Materials und ist kein Mangel, sondern ein Angebot, sich eingehender mit dem Gegenstand und seinen Teilaspekten zu beschäftigen. Getrübt wird die Freude an Denckers typologischer Ordnung allerdings durch zwei Störungen ebendieser Ordnung: Zum einen ist das Personen- und Sachregister hinsichtlich der Angabe der Seitenzahl nicht immer zuverlässig, zum anderen wurde unerklärlicherweise auf eine Bibliographie selbst der zitierten Primär- und Sekundärliteratur verzichtet, was das Auffinden der Quellenangaben zitierter Arbeiten extrem erschwert. Wird von derselben Autorin, demselben Autor zudem aus verschiedenen Arbeiten zitiert, gerät die Suche nach dem angegebenen Ort (“a. a. O.“) zum Rätselraten. Hier könnte der Zugriff auf supplementäre Online-Dateien, wie dies von wissenschaftlichen Verlagen schon länger praktiziert wird, Abhilfe leisten.
Denckers Bestandsaufnahme ist eine Pionierleistung, ein Muss für innovations-narzisstische Autoren und Künstler, die staunen werden, was alles bereits nicht von ihnen erfunden wurde, ein Muss auch für alle geistigen Anstalten zur orientierenden Entrümpelung. Dem um eine sachdienliche Bibliographie erweiterten Referenzwerk ist zu wünschen, dass es bald schon heißt: „Schlag nach bei Dencker.“