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Klaus Merz: Die Lamellen stehen offen Latente Formen und Farben meiner selbst

 ·  Der Schweizer Schriftsteller Klaus Merz ist ein Meister des Understatements, dem literarische Moden völlig fremd sind: Jetzt ehrt ihn eine auf sechs Bände angelegte Werkausgabe.

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Weitschweifig, gar geschwätzig ist Klaus Merz nie gewesen. Kleine Formen sind seine Disziplin: kurze, lakonische Gedichte, deren Verknappung oftmals japanischen Haikus ähnelt, und vor allem pointierte Erzählungen, die auf wenigen Seiten überraschende Einblicke in den Alltag ihrer Figuren eröffnen oder in kondensierter Form komplette Lebensverläufe entstehen lassen.

“Latentes Material“ hieß 1976 programmatisch ein Erzählungsband des 1945 in Aarau geborenen Autors. Die Titelgeschichte beschreibt eine diffizile Spurensuche: Ein Fotograf ist ums Leben gekommen, die Gründe dafür liegen im Dunkeln. Aus den Tonbandaufzeichnungen, die er hinterlassen hat, entstehen schemenhaft die Konturen eines pflichtbewussten Mannes, der im heimischen Dorf gewissenhaft seine Aufträge erfüllte und doch von größeren Aufgaben träumte. Wie die unentwickelten Filme im Fotolabor aber blieben die Träume „latentes Material“, denen die Realisierung versagt blieb.

Drei Bände fehlen noch

Es ist erstaunlich, wie wenig sich im Laufe von fast fünf Jahrzehnten die Poetik des Lyrikers und Erzählers verändert hat, und fast noch erstaunlicher und bewundernswerter ist die große Stil- und Formsicherheit, über die Klaus Merz bereits in seinen Anfängen verfügte. „Tief in den Särgen / erkennen wir schon / das eigene Mumienhaupt“, lautet die existentialistische Quintessenz eines Museumsbesuchs. Zusammen mit knapp vierzig anderen Jugendgedichten erscheint dieses Aperçu nun erstmals in der Werkausgabe, mit der der Haymon Verlag Klaus Merz als einen seiner bedeutendsten Autoren ehrt.

Drei der insgesamt sechs Bände sind bislang erschienen. Noch steht also die Wiederveröffentlichung jener Werke aus, mit denen Klaus Merz weit über seine helvetische Heimat hinaus bekannt wurde. Dazu gehört die autobiographische Erzählung „Jakob schläft“ (1997). Mit ihr setzte Merz seinen Familienangehörigen ein literarisches Denkmal, insbesondere seinem an Epilepsie erkrankten Vater und seinem jüngeren Bruder Martin, der mit nur dreiunddreißig Jahren gestorben ist, nachdem er sein kurzes Leben lang an einem Hydrocephalus, einem „Wasserkopf“, gelitten hat. Von solchen Familiensorgen erzählte Merz ohne Voyeurismus und erst recht ohne Wehleidigkeit.

Behutsame Wahrnehmungen und Empfindungen

Die Werkausgabe nun lässt erkennen, wie stark den Dichter die Leitmotive dieser Familiengeschichte schon früh beschäftigt haben. Der 1988 erschienene „Report“ schildert mit sanfter Ironie, wie einem Journalisten die geplante drastische Dokumentation über einen Schlachthof entgleitet. Statt blutiger Anekdoten aus dem Berufsleben rezitiert ein Arbeiter im „weißen Gummischurz“ unversehens Gedichte, die - so die Fiktion - sein Bruder hinterlassen hat. Ein Nachsatz erklärt, dass es sich dabei tatsächlich um Gedichte von Martin Merz, dem verstorbenen Bruder des Autors, handelt. An die Stelle arrangierter Schlachthofliteratur tritt also die Authentizität des poetischen Wortes, dessen Wahrhaftigkeit für Klaus Merz mehr wiegt als vermeintliche Erfordernisse des Literaturbetriebs.

Das gilt besonders, wo er Verletzungen und Beschädigungen seiner Figuren beschreibt. Die Erzählung „Im Schläfengebiet“ (1994) erkundet behutsam die Wahrnehmungen und Empfindungen eines Mannes, den seine wiederkehrenden epileptischen Anfälle zum misstrauischen Einzelgänger haben werden lassen. Wieder geht es Merz nicht um spektakuläre äußere Ereignisse, vielmehr wahrt er als geduldiger Beobachter wohltuende Distanz zu seinen Figuren, denen er auch dort ihre Würde lässt, wo er ihre Versehrtheiten schildert.

Ein Text mit unvermuteter Leichtigkeit

Die 2009 erschienene, vielfach gelobte Novelle „Der Argentinier“ setzte souverän ein anderes Thema fort, das Klaus Merz seit seinen dichterischen Anfängen beschäftigt: das beklemmende „Binnengefühl“, das die Schweizer immer wieder hinaus in die Welt drängt, wo sie aber, so die dialektische Einsicht, wiederum von der Heimat träumen. Bereits 1982 beschrieb „Der Entwurf“ den Versuch eines Ausbruchs aus kleinbürgerlicher Enge. Doch statt ins Ungewisse aufzubrechen, wie er sich seine Freiheit ausgemalt hatte, wird der Familienvater Dubois Opfer eines Autounfalls. Im Krankenhaus bespricht er, angetrieben von der Ungewissheit über die Schwere seiner inneren Verletzungen, Stunde um Stunde sein Diktiergerät. Das obsessive Erzählen wird zur Garantie des Überlebens. Diese Überzeugung von der sinnstiftenden, ja lebenserhaltenden Kraft der Literatur zieht sich durch Merz’ gesamtes Schreiben, das trotz des Gewichts seiner Themen nie schwerfällig oder behäbig wird.

Überraschende Pointen und surreale Einfälle verleihen den Texten unvermutete Leichtigkeit. Eine unerwartete „Fusion“ steht im Zentrum eines frühen Gedichts, das den lebensfernen Don Quijote zurück ins Erwerbsleben führt: „Der wider Windmühlen / antrat, der mutige Krieger / hat sich seinen Feind / zum Freund gemacht / und wurde Müller.“ Solch wundersame Metamorphosen der Kunst sind auch Thema der Skizze über den Maler Heinz Egger, der seit langem die Bücher von Klaus Merz illustriert.

Im Wechselspiel der Künste entsteht ein elegantes Doppelporträt: „Aus dem Farbendunkel tritt mir mein eigenes Abbild entgegen, das gar nicht mich selber zeigt, sondern nur die latenten Formen und Farben meiner selbst.“ So wird für den Dichter sogar die eigene Existenz zum latenten Material, dem erst die Kunst seine wahre Gestalt verleiht. Über Jahrzehnte hinweg ist Klaus Merz ein Meister des Understatements geblieben, der unbekümmert um alle literarischen Moden der stillen Kraft seiner Worte vertraut.

Klaus Merz: „Die Lamellen stehen offen“. Frühe Lyrik 1963 - 1991. Werkausgabe Band 1.

Hrsg. Markus Bundi, Haymon Verlag, Innsbruck und Wien 2011. 240 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z.
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