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Kim Thúy: Der Klang der Fremde : Saigon, mon amour

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Kim Thúy erinnert sich an ihre Flucht nach Kanada. Das Buch folgt einer bestimmten Erinnerungsarbeit, es sucht nach den Bildern, „die hinter geschlossenen Lidern weiterleuchten“.

          Kim Thúy ist zehn, als sie mit der Familie aus Saigon flieht. Sie tauscht Art-déco-Fauteuils gegen Flüchtlingslager. Kommunistische Inspektoren hatten nach Abzug der Amerikaner eine Wand durchs Haus gezogen. Die Familie musste plötzlich zusammenrücken. Irgendwo auf dem Weg von Vietnam über Malaysia nach Kanada, wo Kim Thúy heute mit zwei Kindern lebt, schnurrte ihr Leben und das der anderen Überlebenden zusammen auf einen winzigen Punkt, bevor es sich wieder weitete. Jetzt hat sie über diese Zeit ein Buch geschrieben, ihr erstes - im französischen Original schon ein Bestseller, dem man auch hier viele Leser wünscht.

          Die Splitter ihrer Wirklichkeit sind unterschiedlich groß, manche erzählen vier Seiten lang eine Geschichte, andere reichen nur über vier Zeilen. Ein Splitter beschreibt den ersten Übergangsraum: das Warten im Bauch des Bootes, das die Flüchtlinge außer Landes bringt. Kim Thúy sitzt einer Frau mit krankem Baby gegenüber, die Luft stinkt nach Erbrochenem. In diesem Laderaum des Schiffes greifen Hölle und Paradies ineinander. Es gibt den Traum vom neuen Leben. Und es gibt Ängste, „die Angst vor Piraten, Angst, zu verhungern, Angst, sich mit dem motorölgetränkten Zwieback zu vergiften, Angst, zu wenig Wasser zu haben, Angst, nie wieder aufstehen zu können, Angst, in den roten Topf urinieren zu müssen, der von Hand zu Hand ging“.

          Ihn rettet der Blick in den Himmel

          Kim Thúy hat die Gabe, Dinge klar zu benennen und sie neben Sätze zu stellen, die wie Schattenbilder neben dem Privaten das Allgemeine aufscheinen lassen. Beharrlich holt sie den Vorgang der Flucht ans Licht. Auf dem Weg von Saigon nach Kanada, von der Muttersprache, die sie vergisst und neu lernen muss, bis zum ersten, bitter erlernten französischen Wort, mag vieles an Gegenständen verlorengegangen sein. Geblieben ist die Fähigkeit, Erinnerungen zu konzentrieren. „Der Klang der Fremde“ ist ein Debüt, in dem das Leben selbst Sätze wie eine Schneise schlägt.

          Kim Thúy beschreibt nicht nur Leid und Glück, sondern die Konfrontation mit einem Bilderwechsel. Ho Tschi Minh, der geistige Führer, prangt von einem Tag auf den anderen statt der Ahnenfotos an jeder Wand. Nachts legen kommunistische Rebellen Minen im Land, die amerikafreundliche Soldaten tagsüber räumen. Sie erzählt von den verlorenen Kindern. Und von Menschen wie Herrn An, der mit der Familie Thúy im Autobus Kanada erreicht. Er war Richter, dann kam er ins Umerziehungslager. Jetzt putzt er Fußböden in einer Fabrik. Ihn rettete der Blick in den Himmel.

          Eine dichte, bildstarke Prosa

          Eine fein differenzierende Wahrnehmung prägt nun das Schreiben der Autorin. Es folgt einer bestimmten Erinnerungsarbeit: Kim Thúy sucht nach den Bildern, „die hinter geschlossenen Lidern weiterleuchten“. Ereignisse also, die „einen inneren Kitzel, einen Taumel, mein Scheitern, mein Zögern, meine Verwandlungen, meine Verfehlungen“ zeigen. Und so legt sich diese Lebenserzählung zart, aber zugleich zielgerichtet um Empfindungen und Wegbegleiter. Thúy nennt die Menschen der ersten Stunde „Armee der Engel“. Am Anfang steht Anh Phi, ihr persönlicher Held, der die in braunes Packpapier eingewickelten Goldblätter und Diamanten entgegennahm - die Eltern hatten sie für die geplante Flucht heimlich in stundenlanger Arbeit aus den Badezimmerkacheln herausgelöst. Sicherlich gehört auch der junge Mann dazu, mit dem die Mutter in der Lagerleere zwischen Löchern voller Exkremente einen Englischkurs organisiert. „Der Klang der Fremde“ ist auch das Lied der Fliegen, das die Zehnjährige beim Toilettengang in kalten Übergangsnächten auswendig lernt, um den Ekel abzuwenden. Es ist die Geschichte der Bilder und Vorstellungen, die leben helfen.

          Kim Thúy schreibt mit allen Sinnen eine dichte, bildstarke Prosa. Mit der gleichen Intensität, wie sie vom Verlust des Bodens unter den Füßen erzählt, schildert sie die Lust, sich in der Fremde neu zu erfinden - etwa mit Tanz, den die strenge Mutter sich schließlich doch noch jenseits der fünfzig gönnt, weil er ihr als Gymnastikersatz unterbreitet wird. Die Form erlaubt Kim Thúy, Vergangenheit und Gegenwart aneinanderzuschmiegen. Sie zeigt Risse, aber auch feine Verästelungen der Kulturen, die einander gerade in der Differenz berühren können.

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