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Veröffentlicht: 19.09.2015, 11:28 Uhr

Neuer Roman Gebt Salman Rushdie den Nobelpreis!

Sein neuer Roman „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ ist schwach und bietet bloß verquere Mythen- und Zahlenspielerei. Doch Salman Rushdies wichtigste Bücher sind Weltliteratur und verdienen allerhöchste Ehre.

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© Caro / Waechter

Nein, für den neuen, mittlerweile zwölften Roman, der nun unter dem Titel „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ erscheint, darf Salman Rushdie weder Lob noch Preis erwarten. Es handelt sich um literarisches Allotria, bei dem der Autor seiner im vergangenen Jahrzehnt offenbar unbändig gewordenen Lust aufs ganz große und ganz freischwebende Fabulier- und Fantasyspektakel wieder ungezügelten Lauf lässt und damit den ob der unentwegten Handlungs- und Konstruktionskapriolen sehr rasch ermüdenden elften Roman, „Luka und das Lebensfeuer“ (2011), durchaus nicht übertrifft.

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Für die Obsession, es einem Tolkien oder einer Rowling, zumindest aber Hollywood-Epen wie „Ghostbusters“, „Krieg der Sterne“ oder „Krieg der Welten“ einigermaßen gleichzutun, wirft Rushdie – es grenzt an Mutwillen, ist aber nicht untypisch für Nebenwerke – vieles von dem über Bord, was seine vier großen Romane – „Mitternachtskinder“ (1983), „Scham und Schande“ (1985), „Die Satanischen Verse“ (1989) und „Des Mauren letzter Seufzer“ (1996) – ebenso auszeichnet wie die vor drei Jahren publizierte Ausnahme-Autobiographie „Joseph Anton“ und nicht wenige der glanzvollen Essays – jüngst etwa das eminente Werk- und Charakterporträt des 2014 gestorbenen Jahrhundertautors Gabriel García Márquez.

Repräsentant unserer Zeit

Ihnen allen gemein ist die Maßgenauigkeit des Schreibens angesichts der Maß-, Fassungs- und Formlosigkeit des Mitzuteilenden, ist die emphatische Verankerung der mythischen wie magischen Einfälle und Erzählschichten in der Realität einer heillos verworrenen, dafür desto luzider dargestellten und reflektierten Gegenwart und schließlich die Brillanz eines Stils, dessen Sprach- und Formenreichtum stets auf den Grundton einer so duldsamen wie streitbaren Humanität gestimmt bleibt.

Es sind diese Werke, die den gerade 68 Jahre alt gewordenen Salman Rushdie zum repräsentativen Schriftsteller unserer Zeit machen. Ihretwegen hat er in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche, darunter höchst renommierte Preise erhalten, weshalb es besonders auffällt, dass der repräsentativste und trotz der Dauerskepsis gegenüber seiner Auswahl- und Vergabepraxis auch renommierteste von allen, der Nobelpreis für Literatur, nicht unter ihnen ist. Es ist an der Zeit, dass die Schwedische Akademie Salman Rushdie damit ehrt. Am besten: jetzt gleich, in diesem Herbst.

Im Schatten der Schande

Längst haben die „Mitternachtskinder“ Klassikerstatus erlangt. Die Geschichte von Saleem Sinai und den Seinen, von ihm selbst erzählt, war zum Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens für westliche Leser – aber keineswegs nur für sie – etwas ungeheuer Neues. Der indische Subkontinent, poetisch präsent, aber auch nostalgisch verklärt etwa durch Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, Hermann Hesses „Siddhartha“ oder E.M. Forsters „Auf der Suche nach Indien“ gewann hier eine ganz eigene, unmittelbar gegenwärtige und radikal anti- wie postkoloniale Stimme. Rushdie, der sie ihm lieh, hatte seinerseits von den Vorbildern, zumal von García Márquez und Günter Grass, eine epochemachende Erzählweise adaptiert und originär fortentwickelt: den Magischen Realismus.

Zum Virtuosen des Genres aus ganz eigenem Recht wurde er nach der Zwischenstation des heftigen und harten Pakistan-Romans „Scham und Schande“ dann just mit den „Satanischen Versen“. Deren literarische Genialität nahm man zunächst kaum wahr, dann stand sie sehr lange im Schatten des Skandals und der Schande, die im Februar 1989 mit der Todes-Fatwa des Ajatollah Chomeini begannen, Rushdies japanischen Übersetzer das Leben kosteten, dessen italienischen Kollegen und den norwegischen Verleger des Buchs schwerverletzt überleben ließen und den Autor selbst in ein zehnjähriges Abtauchen unter den Schutzschirm des britischen Geheimdienstes nötigten.

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