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Undatierte Porträtaufnahme von Mascha Kaléko Bild: Picture-Alliance

Thalbach liest Mascha Kaléko : Der Kummer trägt jetzt Uniform

Von süß über zartbitter nach herb: Katharina Thalbachs Stimme verleiht den Gedichten von Mascha Kaléko einen altersweisen Klang.

          Das Leben soll ja wie eine Pralinenschachtel sein – zumindest ist es genau so durcheinander. Im Werk von Mascha Kaléko chronologisch zu lesen, das ist hingegen wie eine Stange Pralinen zu essen, und zwar streng nach Reihenfolge: von süß über zartbitter nach herb. Am Anfang spricht da eine vor Leben und Gefühlen sprühende junge Frau, deren Melancholie und Sorge jedoch immer wieder durchschlägt: Jetzt ist die Verliebtheit groß, doch wie wird das enden? Was wird von mir übrig bleiben, wenn die Liebe vergangen ist?

          Später klingt die in Berlin erfolgreich gewordene Dichterin nicht mehr besorgt, sondern regelrecht düster. Da hatte die Tochter jüdischer Eltern aus Galizien von den Nazis Berufsverbot erteilt bekommen und war erst in die Vereinigten Staaten und später nach Israel emigriert. Die Veränderungen in ihrem Werk werden immer deutlicher: Da sprüht nichts mehr. Allenfalls brodelt es noch.

          Das Hörbuch „Solo für Frauenstimme“ zieht nun durch die Stimme von Katharina Thalbach eine neue Deutungsebene ein: Die Berliner Theaterschauspielerin hat einen derart herben, brüchigen Sound, dass sie zu den späten Gedichten perfekt passt. „Das ist die Zeit der Raben / Schwarz krächzt es durch die Wälder“, heißt es im morbiden „Zeit für Krähen“. Man kann sich niemanden vorstellen, der das besser lesen würde als Katharina Thalbach. Von den frühen Gedichten kann man das nicht behaupten, da wünschte man sich doch einen helleren Klang.

          Katharina Thalbach im Oktober 2016

          Doch der verblüffende Effekt dieser anfänglichen Diskrepanz ist, dass die Gedichte im Verlauf des Hörbuchs gleichsam in die Stimme hineinwachsen. Die Liebeserklärungen des Anfangs, in denen Träume, singende Vögel und pochende Herzen tragende Rollen spielen, bekommen den Beigeschmack des längst Vergangenen, als würde eine ältere Frau in ihren Tagebüchern aus jungen Jahren lesen. Einerseits ist das schade, denn ihr Ungestüm und ihre Lebenslust bleiben auf der Strecke. Andererseits setzt es die Sätze ins Verhältnis – womöglich in genau das Verhältnis, mit dem Mascha Kaléko später auf sie geblickt hat.

          „Selbst der Kummer trägt ein schönes Kleid“, liest Katharina Thalbach also mit ihrer rauhen Stimme aus „Zärtliche Epistel“, einem der ersten Gedichte auf der CD. Und plötzlich ist dieses Bild keine Gegenwart mehr, sondern nur noch eine Erinnerung. Denn später ist der Kummer hässlich, und er trägt eine Uniform anstatt eines Kleides. Nachdem Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann und dem gemeinsamen Sohn 1938 nach New York geflohen war, verfasste sie Werbetexte, um Geld zu verdienen. Ihre klare Sprache und ihre Begeisterungsfähigkeit, die schon ihre Gedichte verschönert hatten, retteten ihre Existenz. Doch Kaléko war nicht nur geographisch entwurzelt, sondern auch künstlerisch.

          Genau von dieser Stelle an füllen die Gedichte Katharina Thalbachs Stimme ganz aus. Ein bisschen Humor ist noch da bei Mascha Kaléko, die Klarheit verlässt sie nie, aber die Einsamkeit ist doch übermächtig. Katharina Thalbach ist heute vierundsechzig Jahre alt und damit kaum jünger als Mascha Kaléko, als diese starb – im Januar 1975 auf einer Europareise in Zürich war das, nachdem sie bereits jahrelang gesundheitliche Probleme hatte. Sie hat viel hinterlassen.

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