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Katharina Hacker: Alix, Anton und die anderen Schicksal ist der Schuldzusammenhang von Lebendigem

20.11.2009 ·  Wahlverwandtschaften in einem Berliner Winter fast ohne Sonne: Mit dem philosophischen Roman „Alix, Anton und die anderen“ über eine kinderlose Freundesgesellschaft beginnt Katharina Hacker einen epischen Zyklus.

Von Patrick Bahners
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Wer den neuen Roman von Katharina Hacker aufschlägt, betritt eine Welt unter dem Zeichen des Todes. Auf den zehn Seiten des ersten Kapitels wird berichtet über eine tödliche Fischvergiftung, einen Autounfall mit zwei Todesopfern, einen als Unfall getarnten Mord und den Tod eines von der Mutter getrennten Mädchens. Ferner wird erörtert, was ein Arzt zu Patienten sagen soll, die ihm anvertrauen, dass sie sterben müssen. Ein Tierkadaver wird ins Bild geholt, eine „erlegte Taube“, deren Eingeweide eine Krähe „gierig“ zerteilt.

Die Krähe ist die Todesbotin, die über dem weiteren Verlauf des Romans ihre Kreise ziehen wird. Sie macht gleich zu Anfang „den Eindruck der Friedfertigkeit zunichte“, obwohl der Sonntag der Taubenschlachtung ohnehin schon „einer derjenigen Tage“ war, „an denen der Wald schütter und städtisch das Wasser umgab und jede Illusion zerstörte“. Die Stadt ist Berlin, der Wald der Grunewald, der See der Schlachtensee. Die Illusionen der alten Dame, die „die abschüssige Straße, eigentlich nur ein asphaltierter Weg, zum See hinunter“ läuft, können an dieser Stelle nicht mehr zerstört werden. Sie sind hier zerstört worden, vor mehr als vierzig Jahren. Der Tote, dessen Tod man die Urkatastrophe des Romans nennen könnte, wenn das Verhängnis nicht auch die Vorfahren des Romanpersonals im Griff gehabt hätte, ist im ersten Kapitel in Ankündigungen schon gegenwärtig.

Im Wasser liegt nichts Gutes

Die ganze Stimmung, die Katharina Hacker aufbaut, führt auf die Offenbarung dieses Unglücks zu, die abschüssige Straße der Romaneröffnung hinab. Denn abschüssig war der Garten des ersten Hauses gewesen, das Clara und Heinrich Barnow, die Eltern der im Romantitel genannten Alix, am Schlachtensee bewohnt hatten, und diesen abschüssigen Rasen hinunter war, kaum dass er laufen konnte, der kleine Friedrich gelaufen, der Sohn der Barnows, in dem Moment, da seine Eltern sich gerade im Liebesakt verstrickt hatten. Er hatte das Törchen im Zaun geöffnet, dessen Riegel eigentlich noch zu hoch für ihn war, und war ertrunken.

Es mag seltsam erscheinen, dass die Eltern mit der nachgeborenen Tochter in ein neues Haus in Sichtweite des alten gezogen sind, das lediglich ein paar Meter weiter weg vom Wasser liegt. Aber noch seltsamer wäre in der Sicht des Romans wohl die Vorstellung, dass die verwaisten Eltern an einem anderen Ort Abstand zu diesem Ereignis gewinnen könnten. Der Mann, der an der Fischvergiftung gestorben ist, war Claras Vater: „von der Geburt eines Enkels erfuhr er eben noch, erleichtert, daß es ein Junge war, dann starb er“. In geradezu komödiantischer Zuspitzung illustriert dieser Tod die naturgegeben scheinende Idee der Generationenfolge. Der Großvater überzeugt sich noch davon, dass den Kindern gelingt, was den Eltern gelungen ist, dann hat er seine Funktion erfüllt und kann abtreten. Aber makabre Ironie zersetzt selbst diese Vignette der Erinnerung an einen heilen Weltablauf. Dem erleichtert sterbenden Großvater blieb erspart, vom tödlichen Unfall des Enkels zu erfahren, und seine Todesursache ist ein Vorzeichen der Unglücksumstände: Im Wasser liegt nichts Gutes.

Ein Schöpfer nach dem Bilde von Thilo Sarrazin

Mit der Folge des plötzlichen Todes des Großvaters für die Großmutter wird ein weiteres Leitmotiv des Romans eingeführt: Claras Mutter verlor das Gedächtnis. Noch im ersten Kapitel wird der Leitmotivcharakter an einer Nebenfigur einer Nebenhandlung verdeutlicht, in jener absichtlichen Überdeutlichkeit des Schicksalsmusters, die man von W. G. Sebald kennt. Als Jan, der Ehemann von Alix, nach dem Unfalltod seiner Eltern das elterliche Haus verkaufte, übernahmen die Käufer das Haus mit dem gesamten Hausrat, „ein Gespensterhaus“, angefüllt mit Erinnerungen, die ihnen nichts bedeuteten - „und als zehn Jahre später Jan sich dafür interessierte, was aus ihnen geworden war, fand er heraus, daß der Mann kurz nach dem Einzug an Alzheimer erkrankt war“.

Die Tode, die Katharina Hacker ihren Figuren in so grotesker Häufung unglücklicher Anlässe auf den Hals schickt, müssten in der Ökonomie der Schöpfung, wofern man sich den Schöpfer nach dem Bilde von Thilo Sarrazin vorstellen wollte, durch gesteigerte Kinderproduktion ausgeglichen werden. Genau das geschieht nicht, und mit dieser Leerstelle schließt sich der Kreis der Leitmotive: Alix und ihre Freunde sind in dem Alter, in dem sie sich eingestehen müssen, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach keine Kinder mehr in die Welt setzen werden, beziehungsweise sich darüber klarwerden müssen, was es bedeutet, wenn sie meinen, das immer so gewollt zu haben.

Das Verhängnis der Kinderlosigkeit

Natürlich darf man fragen, ob die 1967 geborene Autorin damit etwas über ihre Generation und über unsere Gesellschaft sagen will. Aber zuerst muss man feststellen, dass das mehr oder weniger freiwillig ins Auge gefasste Verhängnis der Kinderlosigkeit die vielfältig und kunstvoll, eher durch Verdoppelungen als durch Gegensätze ausdifferenzierte Gesellschaft des Romans zusammenschließt - und dass diese Gesellschaft sich gegenüber der Außenwelt abschließt. In dieser Außenwelt, jedenfalls in dem Schöneberger Kiez, den Bernd, der Schwule unter den Freunden, durch das Fenster seines Buchladens sieht, nimmt die Zahl der Kinder zu.

Für die Motivverknüpfung in Katharina Hackers Roman, die Verbindungen, die er herstellt zwischen dem, was die Personen tun oder lassen, und dem, was ihnen zustößt, gilt der Satz aus Walter Benjamins Aufsatz über Goethes „Wahlverwandtschaften“: „Schicksal ist der Schuldzusammenhang von Lebendigem.“ Auch in Goethes Roman knüpft sich die Schuldfrage an das Ertrinken eines Kindes. Wenn Benjamin darlegt, es müsse von natürlicher Schuld die Rede sein, „in die Menschen nicht durch Entschluss und Handlung, sondern durch Säumen und Feiern geraten“, ist damit das Gesetz umrissen, unter dem Katharina Hackers Figuren stehen. Alix und ihr Mann Jan, ihre Freunde Bernd und Anton treffen sich jeden Sonntag bei Clara und Heinrich zum Essen. Sie feiern das nüchterne Glück der von Erwartungen unbelasteten Arrangements, die Wahlverwandtschaft als ein nicht mit Geschichtsphilosophie belastetes und gerade in dieser Unaufdringlichkeit verführerisches Gegenmodell zur Familie. Mit der Zeit sucht sie die Frage heim, ob nicht dieses Ritual mit den anderen Riten ihres Freundschaftsbundes ein einziges großes Säumen gewesen ist.

Beobachtungen vom Rand aus

Eine Kellnerin erinnert sich daran, dass Heinrich Barnow mit seinen Kindern in ihrem Lokal gewesen sei. Selbstverständlich schließt sie aus der familiären Vertrautheit in der Sechserrunde, dass jeder der drei etwa vierzigjährigen Männer Sohn oder Schwiegersohn des älteren Ehepaars gewesen sein muss - selbstverständlich, denn Mai Linh ist eine Vietnamesin, die ihren Schluss vor ihrem Migrationshintergrund zieht beziehungsweise vom Migrationsrand der Romangesellschaft aus. Neben einem vietnamesischen gibt es auch einen türkischen Nebenfigurenkreis. Es liegt nicht auf der Hand, dass in diesen Gemeinschaften bei näherem Hinsehen wirklich ein anderes Gesetz gilt als im Kreis um Alix.

Nicht nur diese Figuren machen manche Beobachtungen buchstäblich vom Rand aus, im buchgestalterischen Sinne: Katharina Hacker lässt den Romanbericht in zwei Strängen nebeneinander laufen, folgt beispielsweise nach dem zufälligen Wiedersehen zwischen Heinrich und Mai Linh links den Schritten des alten Mannes und rechts den Gedanken der nicht sehr viel jüngeren Frau. Dieser zweispaltige Umbruch, der in der schlichtesten Weise die Frage nach der Alternative vor Augen stellt, erweist sich als elegantes Mittel, das dem Roman jene Dimension der philosophischen Reflexion wieder erschließt, die die Höhepunkte der Gattung auszeichnet. Über die verformende Kraft der gestauten Zeit, den unvermeidlichen Gestaltwandel eines scheinbar in herrlicher Freiheit geführten Lebens, glücken Katharina Hacker Passagen von ungeheurer Kraft. Mit Alix, Anton und den anderen geht der Leser durch das halbe Jahr eines präzise beschworenen Berliner Winters. Das Sonnenlicht, das, wie Benjamin beobachtete, an keiner Stelle über der Seelandschaft der „Wahlverwandtschaften“ liegt, kommt am Ende durch. Denn dieser Roman von Katharina Hacker ist der erste Teil eines auf mehrere Bände angelegten epischen Projekts, das zu den höchsten Hoffnungen berechtigt.

Katharina Hacker: „Alix, Anton und die anderen“. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 127 S., geb., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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