20.01.2012 · Katharina Geisers poetischer Roman „Diese Gezeiten“ erzählt anhand der Geschichte zweier Fotografinnen von der Zeit der Insel Jersey unter deutscher Besatzung.
Von Nicole HennebergEs ist der Traum jeden Erzählers, auf einen solchen Stoff zu stoßen: Während eines Aufenthaltes auf Jersey steht Katharina Geiser im kleinen Museum von St. Helier plötzlich vor den exzentrischen, erotischen Fotografien Lucy Schwobs. Sie erfährt, dass die Fotografin mit ihrer Lebensgefährtin Suzanne Malherbe vor den giftigen Dämpfen der nationalsozialistischen Politik auf die Insel geflohen war. Neben der Magie des Meeres und des Lichts suchten sie vor allem Ruhe, um schreiben und fotografieren zu können, und hätten es sich nicht träumen lassen, ausgerechnet hier ins Zentrum des politischen Orkans zu geraten.
In ihrem Roman „Diese Gezeiten“ erzählt Katharina Geiser leicht und filigran diese tragische Geschichte, und deckt gleichzeitig ein relativ unbekanntes Kapitel des zwanzigsten Jahrhunderts auf: Als Jersey 1940 von deutschen Truppen besetzt wurde, begann für die Einwohner, eigensinnige, normannische Fischer und Bauern, eine bittere Zeit der Tyrannei, wobei sie im letzten Kriegsjahr fast verhungert wären.
Auf der Insel stießen die beiden Künstlerinnen vielleicht brutaler und ungeschützter mit den deutschen Faschisten zusammen, als es in Paris geschehen wäre, wo sie sich im Kreis der Surrealisten bewegten, mit André Breton und Robert Desnos, Gertrude Stein und Man Ray befreundet waren und eine undogmatische, revolutionäre Gruppe gegründet hatten, um gegen den Faschismus zu kämpfen. Schon diese Vorgeschichte und Lucy Schwobs jüdische Herkunft ergäben eine tragische Ausgangslage für den Roman, doch Katharina Geiser wagt sehr viel mehr: Sie gräbt einen Zeittunnel in die Vergangenheit, der nicht nur die Geschichte körperlich fassbar macht, sondern auch einen Weg in die Wahrnehmung ihrer empfindsamen Heldinnen öffnet.
Das Geräusch der Blätter, die Farben und Gerüche des sorgsam komponierten Gartens, Begehren und körperliche Schönheit spielen in diesem mitreißenden Buch eine prägende Rolle, das von einer prekären, damals höchst provokanten Liebe und ihren zärtlichen Alltagsritualen erzählt. Lucy und Suzanne waren Stiefschwestern und gleichzeitig ein leidenschaftliches, symbiotisches Liebespaar, dessen Handschriften und Formulierungen in den akribisch geführten Arbeits- und Tagebüchern kaum zu unterscheiden sind. Dass sie jedes Detail ihres Lebens dokumentierten und alles aufhoben - Lucy hütet jedes Papierchen, als wäre es ein Stück ihrer Haut -, wurde ihnen später zum Verhängnis.
Selten hat eine Autorin so einfühlsam und leichthändig mit historischem Material und literarischer Imagination gespielt. Wie in einem Vexierspiel bewegt sie sich zwischen ihren heutigen Beobachtungen auf der Insel, der verbürgten oder erfundenen Sicht Lucys und Suzannes und den Aussagen von Freunden, Forschern und besonderen Zeitdokumenten, wie dem Tagebuch des deutschen Inselkommandanten, hin und her. Wobei jedes Detail, das neu in den Blick kommt, das ganze Spiel verändert und dem Erzählen eine neue Richtung oder einen neuen Klang gibt.
Jede Bucht und jede Fensterhöhlung auf der Insel erzählt Eigenes, aber auch jedes Foto, das von den Körperinszenierungen der Liebenden erhalten ist. Sie empfanden auch ihre Aktionen, mit denen sie die Besatzer bis aufs Blut reizten, als künstlerische Happenings: Flugblätter, die zum Desertieren aufriefen, klebten sie an Gestapo-Autos und wütende Antikriegscollagen an die Baracken der Kriegsgefangenen, die Jersey, als Teil des Atlantikwalls, zur Festung ausbauen mussten. Als sie 1944 denunziert werden, betreten sie, beide jenseits der fünfzig, das Gefängnis mit dem Selbstvertrauen von reifen Künstlerinnen, die Leben und Arbeit gleichsetzen und nicht bereit sind, auch nur ein Detail davon zurückzunehmen.
Wie Alice in die Welt hinter den Spiegeln tauchen sie in diese Parallelwelt voller Geschichten, denn das alte Gemäuer ist bis in den letzten Winkel mit deutschen, englischen und russischen Flüchtlingen gefüllt. Ihre Odysseen müssen bewahrt und formuliert werden, und mit größter List und Hartnäckigkeit verfeinern die beiden Sprachbesessenen das verschlungene, aber zuverlässig funktionierende Nachrichtensystem des Gefängnisses. Ihnen gelingt das Kunststück, die eiskalten, angsterfüllten Flure offen und weit werden zu lassen, ja sie sogar momentweise in liebevolle und damit widerständige Orte zu verwandeln - etwa wenn die Häftlinge Jazzkonzerte veranstalten, pfeifend, singend und auf die Heizungsrohre trommeln. „Wortstolz“ und neugierig sind diese unbequemen Gefangenen, woran weder das verhängte Todesurteil (das erst in den letzten Kriegstagen aufgehoben wird) noch der Hunger etwas ändern. Nächtelang entwerfen sie Briefe und Fotografien, aus der Vergangenheit oder aus dem Gefängnisalltag, die sie in Gedanken auf die Zellenwand projizieren.
In den Netzwerken des Schmerzes und der Erinnerung gibt es Kreuzungen, „an denen einem plötzlich aufgeht, dass alles mit allem zusammenhängt und dass man sich deshalb um die Dinge kümmern muss“, hatte W.G. Sebald geschrieben, der wie ein Schutzheiliger über Geisers flirrenden Satzkaskaden schwebt. Die raffiniert verschränkten Erzählebenen bündeln die Verwirrungen des Zweiten Weltkrieges in der brutalen Arroganz der Besatzer, den Schicksalen der Deserteure und den Traumata der Inselbewohner.
Viele der ansässigen Juden wurden deportiert, die unsichtbaren Fäden reichen bis nach Theresienstadt, Bergen-Belsen und Ravensbrück und von dort zurück in die Gegenwart: „Auf den Gehwegen von St. Helier trittst du unversehens auf Wörter und Sätze. Sowohl durch die Flip-Flops als auch durch Ledersohlen klassischer Brogues ist die Unebenheit zu spüren. Gegossene, in den Asphalt eingelassene Zeugenaussagen und Erinnerungsfetzen.“ Für den, der zu lesen versteht, liegen hier - wie im Boden der Kapelle, der aus Steinen des abgerissenen Gefängnisses besteht - noch unzählige Geschichten verborgen, und die Erzählerin lockt den Leser auf dieses wippende Sprungbrett zwischen Historizität und Dichtung. Doch muss er bereit sein, jederzeit „einzugreifen und zu Hilfe zu kommen. Das ist der springende Punkt.“
Eine feine, sehr präzise Ironie prägt die Sätze von Katharina Geiser, die durchlässig und offen sind für Fundstücke aller Art, für Stimmungen und die Wahrnehmungen des Augenblicks. Mit dieser zarten Genauigkeit hat sie auch die Wirklichkeit hinter den beunruhigenden Fotos von Lucy Schwob (alias Claude Cahun) genauer und eindringlicher erfunden, als es die Realität für den Betrachter je sein könnte - sie passt perfekt zu der sinnlichen und androgynen, aber auch melancholischen Ausstrahlung der Künstlerin.