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Veröffentlicht: 10.08.2012, 12:05 Uhr

Karl Ove Knausgård: Lieben Ein Schriftsteller überwacht sich selbst

In Skandinavien ist Karl Ove Knausgårds autobiographischer Romanzyklus äußerst erfolgreich. Nun liegt der zweite Band „Lieben“ auf Deutsch vor - ein Buch für Freunde von Reality-Soaps.

von Ernst Osterkamp
© Verlag

Dieses Buch verlangt, wie das gesamte Leben, viel Geduld. Im Falle des Lebens lohnt sich die Geduld - aber auch bei diesem Buch? Da bin ich nicht so sicher.

Karl Ove Knausgårds sechs gewaltige Bände umfassendes autobiographisches Romanprojekt mit dem der deutschen Leserschaft unzumutbaren Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) ist in den skandinavischen Ländern ein Riesenerfolg: vielfach preisgekrönt und ein Bestseller zudem. Nun liegt nach „Sterben“ auch der zweite der 2009 erschienenen ersten drei Bände auf Deutsch vor: 763 lange Seiten, die wiederum Paul Berf so aufopferungsvoll wie zuverlässig aus dem Norwegischen übersetzt hat. Der Tatsache, dass „Min Kamp 2“ in Deutschland ausgerechnet in „Lieben“ umgetauft worden ist, wohnt natürlich eine gewisse Ironie inne, aber gerade diese Ironie charakterisiert das Buch nicht schlecht. Denn sein Autor liebt es, den wilden Mann zu spielen, und ist doch - ich kann es leider nicht anders sagen - irgendwie total süß. Genau diesem Umstand verdankt das korpulente Werk dieses Gefühlsberserkers seinen Erfolg. Es ist das Buch eines Mannes, der mit Hölderlin in der Linken und Hamsun, Mishima und Jünger in der Rechten gegen die Verweiblichung der Mittdreißiger antobt und doch akzeptieren muss, dass er „genauso verweiblicht war wie sie“. Diesem Mann wird jede Leserin ihr Baby anvertrauen können; er wird es lieben. Und gegen die Rolle wüten, die ihm da zugefallen ist. Er wird dabei natürlich den Kinderwagen weiter schieben; man muss ihn nur reden lassen, gern auch 763 Seiten lang.

Dem Leben so nahe wie möglich

Hatte „Sterben“ von Kindheit und Jugend des Autors und dem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, einem Alkoholiker, erzählt, handelt „Lieben“ nun von seiner Ehe mit Linda, dem alltäglichen Zusammenleben mit seinen kleinen Kindern Vanja, Heidi und John und dem schwierigen Versuch, als liebevoller junger Familienvater, der zugleich ein schreibbesessener Autor ist, den nötigen Freiraum zu gewinnen, um seine schriftstellerische Karriere voranzutreiben. War’s das? Das war’s. Es werden also viele Windeln gewechselt in diesem Roman und dabei wird sehr viel über die Literatur und das Leben nachgedacht. Das Resultat dieses Nachdenkens besteht in Knausgårds Buch im Verlust des Glaubens an die Literatur und einem Ekel gegenüber den in Serie gegangenen Erfindungen und Fiktionen, die das „Einzigartige“ jedes einzelnen Lebens verfehlen.

Am Ende des Romans findet Knausgård eine Lösung seines schriftstellerischen Problems in der Idee, „meinem Leben so nahe zu kommen wie möglich, also schrieb ich über Linda und John, die im Nebenzimmer schliefen, Vanja und Heidi, die im Kindergarten waren, die Aussicht aus dem Fenster, die Musik, die ich hörte“. Der Autor als sein eigener Big Brother: kein Wunder, dass „Min Kamp“ so erfolgreich ist. Es ist das ideale Buch für Leser, denen es peinlich wäre, sich so etwas im Fernsehen anzuschauen, die sich aber von einem preisgekrönten Autor gern erzählen lassen, wie er Windeln wechselt, sich mit seiner Frau über den Abwasch streitet, den Müll wegbringt, sich Jacke und Schuhe anzieht, um auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen und dann noch eine, und danach Pasta kocht, und denen es gar nichts ausmacht, ihn fünfzig Seiten lang auf einen todlangweiligen Kindergeburtstag zu begleiten und ihm 25 Seiten lang bei der Geburt seines ersten Kindes über die Schulter zu schauen: „Das Kind glitt aus ihr heraus wie eine kleine Robbe und direkt in meine Hände. ‚Ooooo!’, rief ich. ‚Ooooo!’“

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