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Karl Heinz Bohrer: Granatsplitter Abenteuerlich beherzt

 ·  In „Granatsplitter“ erzählt Karl Heinz Bohrer von einer Jugend, die die seine war. Doch wie er das tut, ist so anschaulich, dass Krieg und Nachkrieg Teil unserer eigenen Erfahrung werden.

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Der wichtigste Satz in Karl Heinz Bohrers am kommenden Montag erscheinenden Buch „Granatsplitter“ steht gar nicht im Text, sondern in einem Postscriptum: „Dies ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend.“ Damit tritt nach 315 Seiten dieser im Untertitel als „Erzählung einer Jugend“ apostrophierten Lektüre eine neue literarische Kategorie in Erscheinung: die der Phantasie. Ein Gedankenspiel also sollen wir gelesen haben, und in der Tat ist „Granatsplitter“ gedankenreich wie kaum ein zweites Buch. Doch welches Spiel hat Bohrer vorgeführt? Am ehesten ein Zauberkunststück, denn die Verzauberung beim Lesen ist so groß gewesen, dass die paradoxe Entzauberung durch die nachgereichte Verschiebung vom Realen ins Phantastische gar nichts von der Wirkung nimmt. „Granatsplitter“ ist ein Meisterwerk der Erinnerung, gerade weil das Buch „ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit“, wie Bohrer schreibt, befriedigen soll.

Das tut es. Aber dieser Effekt wird dadurch erzielt, dass die Darstellung die Vergangenheit verlebendigt, sie damit gegenwärtig macht, uns gewissermaßen Farbbilder vorstellt aus einer Welt, die wir immer nur in Schwarzweiß gesehen haben. Bohrer erzählt von Krieg und Nachkrieg, und man kann nicht von der Tatsache abstrahieren, das seine namenlose Hauptfigur, die vom Erzähler immer nur „der Junge“ genannt wird, in noch den letzten biographischen Details mit seinem Autor übereinstimmt. Der grobe Verlauf, von dem das Buch erzählt ist folgender: geboren 1932 in Köln, Trennung der Eltern im Krieg, Schulzeit seit 1943 im reformpädagogischen Internat Birklehof im Schwarzwald, unterbrochen durch Kriegsende und Heimkehr ins zerbombte Rheinland, Rückkehr 1947 ins Internat und später dort Abitur, schließlich erster längerer Auslandsaufenthalt in England 1953 als Student, aber nur zum Geldverdienen und Völkerverständigen. Das ist die Adoleszenz von Karl Heinz Bohrer, es ist auch die des Jungen seiner Erzählung.

Ein für den Leser rätselhaftes Genre

Und doch ist es viel mehr, denn im Mittelpunkt der Erzählung steht die Geschichte einer produktiven Befremdung. Aus dem Jungen wird ein kultivierter und vor allem neugieriger Mann, und alles, was zu dieser Erziehung des Geschmacks beiträgt, ist der Gegenstand dieses Buch, „nicht als Wahrheitspartikel“, wie Bohrer im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert hat (F.A.Z. vom 4. Juli), „sondern als Phänomen“.

Nun hätte Bohrer sich das Ganze leicht machen und „Roman“ drauf schreiben lassen können, wenn es ihm um die klare Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion, Autor und erzählter Figur gegangen wäre. Doch der Großmeister der deutschen Literaturkritik und Ästhetiktheorie ist viel zu gewieft für ein solch durchschaubares Manöver. Die von ihm gewählte Kategorie der Erzählung ist zwar literarisch im Deutschen auch wohldefiniert, aber im allgemeinen Sprachverständnis umfasst sie noch anderes, vor allem den erinnernden Bericht. Bohrer hat also ein Genre gewählt, das zwar den Germanisten kein Rätsel aufgibt, allen anderen Lesern aber umso mehr.

„Nichts Erhabenes, nichts Erhebendes“

Dass er sich dennoch bemüßigt fühlt, die enge Definition von „Erzählung“ eigens in Anspruch zu nehmen, zeigt das Missbehagen des Ästheten, sein intendiertes Doppelspiel könnte doch fehlgedeutet werden. Denn natürlich erzählt Bohrer hier von sich. Aber nicht, wie es die einzig vergleichbare autobiographische Phantasie in deutscher Sprache, Elias Canettis Trilogie aus „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr und „Das Augenspiel“, über ihren Verfasser tut - obwohl auch sie fragmentarisch, obwohl auch sie radikal subjektiv, obwohl auch sie grandios erzählt ist. Nein, Bohrer schreibt ohne die Suggestion einer Kenntnis dessen, was nach 1953 (als „Granatsplitter“ beim Abschied von England endet) mit dem Jungen geschehen wird.

Nun wissen wir, was mit Bohrer nach 1953 geschah: Abschluss des Studiums in Göttingen, Lektor am Deutschen Zentrum in Stockholm, Promotion in Heidelberg, Leiter des Literaturblatts dieser Zeitung, deren Kulturkorrespondent in London, Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Bielefeld, Herausgeber des „Merkur“. Nichts in „Granatsplitter“ weist explizit auf eine dieser Lebensphasen voraus, doch es wimmelt darin von Beobachtungen des Jungen, die aus dem Wissen des Lesers um den Lebensweg des Autors besonderen poetologischen Reiz entwickeln. Wie sollte man das lapidare Fazit „Nichts Erhabenes, nichts Erhebendes“, das der Junge nach dem Besuch eines theaterwissenschaftlichen Seminars zieht, anders verstehen denn als grundlegendes Evidenzerlebnis im Vergleich mit dem Theater an sich, dem Bühnenspektakel? Und so wird eine Passion vorbereitet, die aus der ästhetischen Unmittelbarkeit entsteht, von der jedoch der Junge des Buches selbst noch nichts ahnt und der Autor des Buches vornehm schweigt.

Proustsche Wiedergewinnung der Zeit ist Bohrers Sache nicht

Dennoch passt sich „Granatsplitter“ durchaus ein ins große ästhetische System, das Bohrer in seinen „Merkur“-Aufsätzen über drei Jahrzehnte hinweg entwickelt hat und in der Monographie „Ästhetische Negativität“ von 2002 zwischenzeitlich gipfeln ließ. Die Kunst, so sein Credo, arbeitet als die tiefstmenschliche Bestimmungsgröße aufs Verschwinden hin - wie der Mensch selbst. Es ist kein Zufall, dass es der Moment der Abreise aus England und nicht die sich anschließende Rückkehr nach Deutschland, dass es also ein Abbruch ist, der dieses Buch beschließt. „Dass etwas für immer endgültig verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal.“ Auch aus diesem Erlebnis entstand der Mann, der nicht mehr der Junge, sondern Karl Heinz Bohrer sein würde.

Die Proustsche Intention einer Wiedergewinnung der Zeit ist Bohrers Sache dementsprechend nicht, auch nicht als Erzähler, sosehr es auch in „Granatsplitter“ geradezu epiphanische Erlebnisse gibt. Das erste verschafft der Erzählung gleich ihren Titel: Auf den Kölner Straßen liegen nach der ersten Bombennacht die Spuren des Angriffs: „Die Granatsplitter waren das Schönste, was man sich ausdenken kann. Manche waren von dunkel leuchtendem Rot und schwarz an den Rändern, andere hatten eine bläulichweiße Färbung, und wieder andere waren von gleißendem Gelb oder Silber. Es war wie ein Märchen - man war der Held eines Märchens, der etwas Wunderschönes, sehr Fremdes, sehr Seltsames fand, das ihm das Gefühl gab, fortan Glück zu haben.“ Und erst von dieser Stelle an, im Augenblick der frühesten ästhetischen Grunderfahrung, individualisiert sich aus der Schar spielender Kinder, die bis hierhin im Buch „die Jungen“ hießen, ein einzelner, eben „der Junge“ heraus. Hier ist das Proprium eines jeden Kunstliebhabers angesprochen: die Sucht und Suche nach dem noch Unbekannten, das dann in die eigene Erfahrung eingeht.

Der Junge entwickelt ein abenteuerliches Herz

Eine passendere Metapher als die Granatsplitter lässt sich für das poetische Projekt der Erzählung nicht denken. Auch sie schillert, lässt sich auf keine feste Form bringen, verbirgt unter der äußeren Schönheit scharfe Kanten. Und sie birgt Gefahr. Bohrers Buch wirft etwa in seinem kindlich bedingten Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus brisantere Fragen auf, als es die auf allen Kanälen banalisierte Alltagsweltlichkeit von Hitlers Frauen, Männern, Bauten, Hunden tut. Nachdem die Familie des Jungen nach Berlin gezogen ist, beschimpft dort ein SA-Mann das dunkelhaarige lebhafte zweijährige Kind als „Judenbengel“. Das empört die Großmutter, die sich dagegen verwahrt, dass ihr Enkel jüdischer Abstammung wäre. Als der Vater das hörte, so erzählt er später dem Jungen, habe er wiederum die Großmutter gescholten, dass es in dieser Sache doch gar keinen Unterschied ausmache, ob ein Kind jüdisch sei oder nicht. „Als der Junge diese seltsame Geschichte vom Vater hörte, wusste er genau, dass das Wort Jude auf etwas Furchtbares hinwies.“

Solche kindliche Hellsicht lässt den Jungen die „metallische Atmosphäre“ eines fanatischen Wehrmachtoffiziers identifizieren - mit all der in dieser Bezeichnung impliziten Bedeutungsvielfalt, die natürlich auch von den Granatsplittern repräsentiert werden. Im Gegensatz zur „seit dem Krieg angeregten Phantasie von Außerordentlichem oder Gefährlichem“, die den Jungen später begleiten soll und ihre Befriedigung in Nachkriegszeiten zum Beispiel durch die griechische Sprache findet, steht das Behaglich-Familiäre, das bei Rechts wie Links in der Zeit des Nationalsozialismus als „zu bürgerlich“ und damit allzu bequem galt. Genau das aber war für den Jungen „alles, was ihm gut gefiel“, darunter auch der Lateinunterricht. Und so nähert sich über die Faszination für alte Sprachen das Bürgerliche dem Gefahrvollen: Der Junge entwickelt das, was Ernst Jünger „abenteuerliches Herz“ genannt hat.

Eine Einladung, sich von der erzählten Zeit befremden zu lassen

Das hat Bohrer zeit seines späteren Lebens besessen; er hat es heute noch, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, wie seine Schriften beweisen. Er verstand sich stes als Kritiker, aber das war als Berufsbezeichnung gemeint, nicht als Beschreibung eines ästhetischen Bewertungsverfahrens, wie es die Kritische Theorie im Nachkriegsdeutschland etablierte. Die Lebensgeschichte von Bohrer ist auch eine Geschichte des Widerstands vom Klassischen gegen dieses kritische Bewusstsein. „Granatsplitter“ kann als Prolegomenon dazu dienen.

Es sind verschiedene Gründe, die den Ausschlag geben, ob ein künstlerisches Werk gelungen ist oder nicht. Inhaltliche, vor allem aber formale. Bohrers „Granatsplitter“ erfüllt alle Kriterien fürs Gelungene. Es ist ein elegantes, wortmächtiges, kluges und vor allem schönes Buch, eine Einladung, sich so von der erzählten Zeit befremden und befruchten zu lassen, wie es dem Jungen widerfahren ist. Daraus entsteht das, was die Kunst an- und ihr die Egozentrik austreibt: Faszination. Das haben alle, die sich heute in Deutschland als Kritiker verstehen, von Karl Heinz Bohrer lernen können - wenn sie es wollten. Der erste Satz dieses letzten Absatzes stammt von ihm, aus seinem 2004 erschienenen Aufsatz „Die Kunst des Rühmens“. Über mehr als diese Kunst muss man angesichts des literarischen Kunstwerks „Granatsplitter“ gar nicht verfügen.

Karl Heinz Bohrer: „Granatsplitter“. Erzählung einer Jugend.
Hanser Verlag, München 2012. 317 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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