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Theodor Storm erforschen : Der Immensee? Direkt vor Fontanes Nase

Keine Spur von Husumerei: Karl Ernst Laage widmet dem Dichter Theodor Storm zum 200. Geburtstag einen Aufsatzband und weitet unseren Horizont.

          Dass Emil Hansen, der sich später nach seinem Geburtsort Nolde nannte, eine Lehre als Holzschnitzer absolvierte, bevor er sich der Malerei zuwandte, ist nicht ohne Spuren geblieben. Offenbar dauerte es eine Weile, bis er im vierten Lehrjahr endlich vorzeigbare Arbeiten schuf. Dann aber setzte ihn sein Meister, der Flensburger Möbelhersteller Heinrich Sauermann, für einen besonderen Auftrag ein. Denn in Kiel hatten sich Verehrerinnen des greisen Theodor Storm zusammengefunden, um dem Dichter zum siebzigsten Geburtstag ein Geschenk zu machen. Bestellt wurde passenderweise ein Schreibtisch, verziert mit geschnitzten Rittern und Lorbeerblättern, die verschiedenen Wohnorte des Autors wurden ebenso ins Holz geritzt wie die Namen einzelner Novellen, die den Damen offenbar besonders am Herzen lagen (die wüsteren Texte wie „Der Herr Etatsrath“ oder „Waldwinkel“ fehlen bezeichnenderweise), und schließlich sind unter den Mittelschränken, die sich über der Schreibtischplatte erheben, vier zauberhafte Eulen, wohl als Mahnung an den Autor, im poetischen Schwung nicht die Stimme der Weisheit zu überhören.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Eulen sind das Werk des damaligen Lehrlings Hansen. Dass sie heute jeder betrachten kann, der in Storms Heimatstadt Husum reist, ist das Werk von Karl Ernst Laage. Ohne ihn, so viel ist sicher, gäbe es das Storm-Museum in Husum nicht, das in jenem Haus eingerichtet ist, das Storm zwischen 1866 und 1880 bewohnte und in dem er einen großen Teil seiner Novellen schrieb. Auch die verblüffend authentische Einrichtung des Hauses mit zahlreichen Möbeln, Bildern, Büchern oder Porzellan aus dem Besitz Theodor Storms ist im Wesentlichen Laage zu verdanken, der als langjähriger Sekretär, Präsident und später Ehrenpräsident der Storm-Gesellschaft diese Stücke mit Geschick und Beharrlichkeit von den vielen Nachkommen des Dichters erworben oder sie für die Gesellschaft als Geschenk erhalten hat.

          Mit Interesse, aber ohne gelehrten Anspruch

          Welche Impulse der 1920 in Kiel geborene, am vergangenen Dienstag gestorbene Laage, der eigentlich Architekt werden wollte und nach dem Krieg in Husum Lehrer wurde, der Storm-Forschung verlieh, davon zeugt nicht zuletzt die Werkausgabe, die er zusammen mit Dieter Lohmeier 1988, zum 100. Todestag des Autors, im Deutschen Klassiker Verlag vorgelegt hat und die seither als Referenzausgabe gilt.

          Laage hat zahlreiche Aufsätze und Bücher zu Storm veröffentlicht. Nun ist zum bevorstehenden 200. Geburtstag des Dichters ein Band erschienen, der 25 ältere und ganz neue Arbeiten Laages bündelt und nun ungewollt zu einer Art Vermächtnis geworden ist. Zehn Jahre zuvor hatte Laage im Erich-Schmid-Verlag einen schmalen Band vorgelegt, ebenfalls mit Aufsätzen zu Theodor Storm, dabei aber inhaltlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Der Untertitel „Neue Dokumente, neue Perspektiven“ dieses früheren Bandes ist wörtlich zu nehmen, schließlich finden sich dort auf knapp über hundert Seiten insgesamt 35 zuvor unveröffentlichte Briefe, von Akten und anderen Archivalien ganz abgesehen. Wurden aber 2007 vorwiegend Einzel- bis Spezialaspekte zur Dichterbiographie beleuchtet, etwa seine juristische Tätigkeit auf der Insel Nordstrand oder seine leider Fragment gebliebene „Sylter Novelle“, so richtet sich der jetzt vorgelegte Sammelband entschieden an ein Publikum, das sich dem Autor mit Interesse, aber ohne gelehrten Anspruch nähern möchte. Laage berichtet von Storms Schulzeit in Lübeck ebenso wie von seinen beruflichen Anfängen als junger Anwalt in Husum, er weist eindringlich auf die immense Rolle hin, die das Exil des Autors im thüringischen Heiligenstadt für seinen Blick auf die Heimat und das Schreiben darüber einnimmt. Laages besondere Liebe gilt den Örtlichkeiten in Husum, die mit Storm in Verbindung stehen, den erhaltenen ebenso wie den inzwischen abgerissenen, und Laages Trauer über den Verlust der letzteren teilt sich mit.

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