Home
http://www.faz.net/-gr4-zne9
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kafkas Sätze (24) Die schönste Liebeserklärung der Weltliteratur

31.07.2008 ·  Kafkas Botschaft an Felice vom 26. November 1912, eingebettet ins Erschrecken und ins Sterben, ist von melodiöser Eleganz - und zugleich, wie Sprachexperte Wolf Schneider meint, perfekt konstruiert.

Von Wolf Schneider
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Ich erschrecke, wenn ich höre, dass Du mich liebst, und wenn ich es nicht hören sollte, wollte ich sterben.“

Kafka schrieb es an Felice am 26. November 1912, und der Satz ist darauf zu prüfen, ob er einer jener „falschen Sätze“ wäre, über die er am 19. November 1913 sagte, sie „umlauern meine Feder, schlingen sich um ihre Spitze und werden in die Briefe mitgeschleift“. Es ist ein richtiger.

Zum einen ein Satz von melodiöser Eleganz: eine unangestrengt konstruierte, eine hingegossene Hypotaxe: zwei Wörter Hauptsatz - zwei voneinander abhängige angehängte Nebensätze, zusammen nur sieben Wörter lang - sieben Wörter vorangestellter Nebensatz - in drei Wörter Hauptsatz mündend: bewegte Ruhe.

Zum andern: nicht im Unglück badend, wie so viele von Kafkas Sätzen („Meine elende Natur, die nur dreierlei kennt: Losspringen, zusammenfallen und hinsiechen“, 21. Januar 1913), sondern, ins Erschrecken und ins Sterben eingebettet und damit Kafkas würdig, die schönste Liebeserklärung der Weltliteratur.

Wolf Schneider, Jahrgang 1925, ist Journalistenausbilder und Sachbuch-Autor, mit fünf Büchern über klares, schönes Deutsch.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen