25.07.2010 · Ferdinand von Schirach legt seinen zweiten Band mit Justizgeschichten vor: „Schuld“ ist noch besser als das hochgelobte Erstlingswerk. Auch das Verhältnis des Erzählers zu seinen Figuren ist differenzierter.
Von Georg M. Oswald„Was will der jetzt noch schreiben, nach so einem Buch?“ Diese Frage stellte vor ziemlich genau einem Jahr am Rande einer Lesung ein Verleger auf den Stufen des Münchner Literaturhauses. Er blies den Rauch seiner Zigarette in den nächtlichen Sommerhimmel und sah in die unter ihm versammelten Gesichter einiger Autoren und Kritiker, die sachverständig nickten. Man war sich einig: Ferdinand von Schirach war mit seinem Erstling „Verbrechen“ ein enormer Coup gelungen. Der außergewöhnliche Erfolg bei Medien, Kritik und Publikum hatte etwas geradezu Beunruhigendes. Erzählbände von Debütanten gehören normalerweise nicht zu den verkaufsträchtigen Titeln, doch dieser hier war gerade dabei, alle Rekorde zu brechen: seit Wochen auf der Bestsellerliste, Lizenzen in fünfundzwanzig Länder vergeben, Filmrechte verkauft.
Woran lag das? Wenn eine junge schöne Frau über ihr atemberaubendes Sexleben schreibt, wird sich niemand über glänzende Verkäufe wundern. Schreibt ein Rechtsanwalt in seinen Vierzigern über seinen Beruf, klingt das weit weniger prickelnd. Aus den Mündern von Juristen, Ärzten, Architekten und Angehörigen anderer sehr ehrenwerter Berufsgruppen hört sich der Satz „Irgendwann schreib' ich auch noch mal ein Buch“ für gewöhnlich wie eine Drohung an. Weitschweifiges, Selbstverliebtes, Abgedroschenes steht zu befürchten. Diese Gefahren, da stimmten selbst Neider zu, hatte Schirach glanzvoll vermieden. Er hatte elf sehr respektable Storys verfasst. Doch das konnte nicht der einzige Grund sein. Bald einigte man sich auf Folgendes: Schon die Wortkombination „von Schirach“ (Geschichte!) und „Verbrechen“ (geht immer!) war sensationell genug, um jeden Journalisten der Republik in Bewegung zu versetzen. Die Wucht dieser Überraschung aber war nun verbraucht. Vermutlich also würde es bei einem One-Hit-Wonder bleiben. Dennoch, die Frage des eingangs zitierten Verlegers klang auch ein bisschen bang, so als wolle er sagen: „Der wird doch nicht noch mal . . .?“
Nun ist sie beantwortet. Anfang August erscheint „Schuld“, Ferdinand von Schirachs zweite Sammlung von Storys. Fünfzehn Geschichten, alle überschrieben mit knappen, schlagkräftigen Titeln. Und? Wie sind sie? Ähnlich wie die in „Verbrechen“. Nur besser. Schirach geht jetzt freier mit der so einfachen wie wirkungsvollen Form um, die er in seinem Erstling gefunden hat. Sie erinnert in manchem an juristische Urteile. Zuerst kommt die Fallerzählung, dann die rechtliche Würdigung. An der Schnittstelle dieser beiden Teile tritt Schirachs schillerndste Figur auf, jenes „Ich“ des Strafverteidigers, das für gewöhnlich ohne Namen bleibt. Es ist nicht zu leugnen, ständig stellt man sich als Leser die Frage, wie viel vom „echten“ Ferdinand von Schirach in diesem Ich steckt. Da er auch eine öffentliche Figur ist, bietet er genug Projektionsfläche.
Tritt er zum Beispiel bei einer Preisverleihung auf, erscheint er leicht underdressed, begrüßt Damen mit Handkuss und verteilt auf zurückhaltende Art Komplimente. Eine irgendwie abgründige Liebenswürdigkeit umgibt ihn. Bei der Entgegennahme des Preises erzählt er jene Anekdote, nach der Flaubert bei einer Abendgesellschaft als Schriftsteller in der Runde gebeten wurde, eine Grußkarte an einen kranken, abwesenden Freund zu verfassen. Flaubert zog sich in ein Nebenzimmer zurück und blieb dort über eine Stunde, bis er schließlich erschöpft das Ergebnis präsentieren konnte. Auf die Karte hatte er „Gute Besserung“ geschrieben.
Es ist nicht verwunderlich, dass Schirach diese Anekdote gefällt. Er glaubt nicht an sprachlichen Schmuck, an Manierismen. Wie Flaubert sucht er nach dem „mot juste“ und schreibt lieber einen Satz weniger als ein Wort zu viel.
Böse Überraschungen
Offen bleibt, wie viel der Strafverteidiger in Schirachs Büchern mit ihm selbst gemein hat. Nur einmal, ganz am Ende von „Schuld“, wird sein Name genannt. Nicht von ihm selbst jedoch, und ausgerechnet in einer Situation, in der es um fragliche Identitäten geht. Schirach weiß über den starken Effekt dieses Spiels Bescheid. Es trägt absolut zur Unterhaltung bei, dass er seine Mittel wie seine Grenzen sehr genau kennt.
Der Strafverteidiger ist also ein durch und durch verlässlicher Erzähler, allerdings kein berechenbarer. Seinen Geschichten stellt er ein Motto von Aristoteles voran: „Die Dinge sind, wie sie sind.“ Das ist nahe an der unfreiwilligen Komik, aber richtig gelesen bedeutet es: Unsere Erkenntnismöglichkeiten sind mehr als beschränkt.
Schirach wurde vorgeworfen, seine Figuren seien nicht tief genug, nicht psychologisch ausgeleuchtet. Und wirklich, mit dem Innenleben seiner Figuren hält er sich nicht auf. Ist das ein Mangel an Literarizität? Nein, es ist eine philosophische Entscheidung. Schirach glaubt nicht daran, dass es uns gegeben ist, extreme menschliche Verhaltensweisen zu „verstehen“. Das Verhalten der Menschen ist irrational. „Es war einfach da gewesen, es gab keine Erklärung“, heißt es einmal.
Die Geschichten in „Schuld“ sind variantenreicher als die in „Verbrechen“, auch das Verhältnis des Erzählers zu seinen Figuren ist differenzierter.
Für das ärmste Schwein das beste Ende
„Der Schlüssel“ ist ein meisterhaft geschriebenes Noir-Glanzstück, in dem die ganze Sympathie des Erzählers den beiden Gangstern gehört. Der Strafverteidiger spielt darin kaum noch eine Rolle, dafür umso mehr der Schriftsteller Schirach, der offenkundig einen Riesenspaß daran hatte, seine Protagonisten bei der Abwicklung eines Drogendeals durch die Hölle zu schicken. Das ist Jean-Patrick Manchette und Charles Willeford und Reservoir Dogs und Josh Bazell, und es ist noch viel mehr als das, denn Schirach schreibt nicht an diesen vermeintlichen Vorbildern entlang, sondern verlässt sich ganz auf seine eigene Story und verleiht ihr durch eine geradezu liebevolle Schlusswendung, die für das ärmste Schwein das beste Ende bereithält, unverhoffte Größe.
Schirach hat Freude an Splattereffekten, und es liegt ihm viel an bösen Überraschungen. Wenn man lange genug liest, lässt einen ein harmloser Satz wie „Er war liebevoll, sie glaubte ihn zu kennen“ unweigerlich flehen: „Oh nein! Bitte nicht!“ Selbst schwarzer Humor ist ihm nicht fremd, wenn er etwa den Leser seitenlang auf eine falsche Fährte lockt: Ein junger Mann, von sadistischen Gewaltphantasien besessen, plant einen Mord - und sieht sich plötzlich mit einem unerhörten Ereignis konfrontiert.
Doch es gibt auch die andere Seite, die des verantwortungsvollen Strafverteidigers, der, wenn es fachlich wird, Strafgesetzbuch, Straftatbestände und Verfahrensregeln erläutert wie ein pädagogisch geschickter Jurist. Das könnte belehrend wirken, doch Schirach wechselt nie ins rechtswissenschaftliche Seminar, sondern verkneift sich, was nicht nötig ist, um die Geschichte besser zu verstehen.
Mehr als man nach Aristoteles hoffen darf
Zum Ritual des öffentlichen Umgangs mit Straftaten gehört es, die Guten und die Bösen auseinanderzudividieren. Doch die Menschheit teilt sich nicht in Täter und Opfer, ein Straftäter ist nicht aus anderem Stoff als ein unbescholtener Bürger. Sicher, wir wissen das, aber wir wollen es nicht glauben. Wenn ein Verbrechen passiert, ist es das „Warum?“, das uns am meisten quält. Strafrechtler wissen, dass es auf diese schmerzlichste aller Fragen nur in den seltensten Fällen eindeutige und deshalb beruhigende Antworten gibt. Warum wird ein netter junger Mann, der sich in eine Frau verliebt, sie heiratet, ein Kind mit ihr bekommt, eine Wohnung kauft, gewissenhaft arbeitet, plötzlich zum prügelnden und vergewaltigenden Sadisten? Schirach macht gar nicht erst den Versuch, diese Frage zu beantworten. Doch immerhin glaubt er, ein Gerichtsverfahren könne mehr leisten, als nur einen Schuldigen zu finden. „In fast jedem Schwurgerichtsprozess gibt es diesen einen Moment, in dem plötzlich alles klar wird.“ Das ist schon fast mehr, als man nach Aristoteles hoffen darf.
Eine andere Frage ist, ob es erlaubt ist, diese Fälle, die ja auch immer individuelle Lebensgeschichten sind, für Unterhaltungszwecke zu verwenden. „Henrys Eltern würden die Schule nicht verklagen, sie wollten nicht, dass der Fall ihres Sohnes öffentlich würde“, heißt es in einer Story, die den grauenvollen sexuellen Missbrauch an eben jenem Henry erzählt. Man fragt sich, was Henrys Eltern sagen würden, läsen sie Schirachs Buch. Das könnten sie allerdings nur, wenn es sie tatsächlich gäbe.
Der Realität liegt nichts daran, plausibel zu erscheinen
Die Frage, ob ein Autor reale Kriminalfälle, an deren Aufarbeitung er als Strafverteidiger beteiligt war, als Vorlage verwenden darf, stellt sich in einem juristischen und in einem moralischen Sinn. Ist es erlaubt, extremste Schicksale, Morde, Vergewaltigungen, Kindstötungen, Missbrauchsfälle, Körperverletzungen, Drogendelikte, Verstümmelungen, fürs Entertainment zu benutzen? Die Frage ist umso drängender, als Schirachs Geschichten ihren besonderen Reiz gerade aus ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Authentizität beziehen. Viele Leser fassen sie auch so auf. „In seinem Buch beschreibt Ferdinand von Schirach elf Kriminalfälle, die er in seinem Leben als Anwalt bearbeiten musste“, heißt es in einer Amazon-Rezension. Wenn es sich so verhielte, wäre Schirachs Methode juristisch und moralisch äußerst zweifelhaft.
Schirach selbst sagt, er mische, verfremde, verändere Orte, Zeiten, Details. Kurzum, er wendet all jene literarischen Verfahren an, die aus juristischen Sachverhalten literarische Destillate entstehen lassen.
Die Tatsache, dass er es versteht, einen schon nach wenigen Sätzen für oder gegen Figuren einzunehmen, nur um diesen Eindruck in einem weiteren Schritt wieder zu untergraben, beweist nicht seine „Nähe zur Realität“, sondern seine Erzählkunst. Zu jeder guten Geschichte gehört, dass man sie für „wahr“ halten darf. Schirach ist ein Meister darin, uns dies glauben zu machen. Er sagt: „Wenn jemand die Unwahrheit sagt, werden die Geschichten oft sehr dünn, auch zu logisch.“
Der Realität liegt nichts daran, plausibel zu erscheinen. Die Gründe für große literarische Erfolge sind so schwer zu benennen wie die für große Verbrechen. Die Dinge sind, wie sie sind. „Schuld“ ist ein großes Buch.