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Junot Díaz' neuer Roman : Bloß nicht als Jungfrau sterben

  • -Aktualisiert am

Für diesen Roman hat Junot Díaz den Pulitzer-Preis gewonnnen, Schriftstellerkollegen und die amerikanische Kritik waren begeistert. Jetzt liegt „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ in deutscher Übersetzung vor - und das Ergebnis ist ernüchternd.

          Auf den letzten Seiten schafft es der Titelheld dann endlich doch noch, mit einer Frau ins Bett zu gehen. Ein Wochenende lang darf er sich dazu fröhlich an einem Strand in der Karibik suhlen, bevor die Bande der lokalen Machos ihn ins Zuckerfeld entführt und dort erschießt. Denn seine Auserwählte, eine alternde Hure mit mütterlichem Hang zu dicken Knaben, in der er nach langen Jahren der entbehrungs- und enttäuschungsreichen Suche die Liebe seines Lebens sieht, gehört schon einem anderen, der sich nicht grundlos capitán nennt und ihr selbstverständlich keinen jüngeren Gespielen gönnt. Schon einmal hat er dies gewaltsam klargestellt. Beim zweiten Mal wird daher nicht gefackelt, und der Held stirbt seinen Liebestod.

          Diesen Ausgang der Geschichte darf man deshalb hier getrost verraten, weil schon der Titel des Romans – „Das kurze, wundersame Leben des Oscar Wao“– uns auf das Ende vorbereitet. Man hat es längst herbeigesehnt. Nach nahezu vierhundert Seiten pubertär aufgedrehter Testosteronprosa im übersteuerten Ton eines großspurigen Erzählers tut die Ruhe nach dem Ende richtig gut. Eine Familiensaga über drei Generationen zwischen der Dominikanischen Republik und New Jersey mit großem Aufgebot an Personal und ausschweifenden Handlungsbögen, präsentiert vor der bewegten historischen Kulisse eines guten halben Jahrhunderts, soll uns hier offenbar geboten werden. Doch was den Erzähler letztlich interessiert und was daher die Spannung durch sämtliche Abschweifungen halten muss, ist die schlichte Frage, ob der Titelheld das alte Sprichwort widerlegen kann, dass noch kein Dominikaner als Jungfrau gestorben sei. Nach dem Gesetz der Serie müssen dem übergewichtigen Nerd, der ganz in der virtuellen Welt der Fantasy, der Rollenspiele und Sciencefiction lebt, daher eine Reihe von erträumten und misslingenden Beziehungen widerfahren. Die aber sind, bis er mit dreiundzwanzig endlich seine sexuelle Initiation und finale Gnade findet, so absehbar wie trist.

          Viele Geschichten führen ins Nichts

          Die langen Zwischenstrecken, die das simple Handlungsgerüst bietet, werden mit Geschichten aufgefüllt, etliche eigentlich anrührend und hochdramatisch, von denen jedoch keine sich wirklich entfaltet. So lesen wir vom Krebsleiden der Mutter wie von ihren erotischen Verstrickungen in jungen Jahren auf der Insel, vom Foltertod ihres politisch unliebsamen Vaters wie vom schmerzhaften Aufbruch ihrer Tochter in ein selbstbestimmtes Leben – wie auch von vielen sonstigen Geschicken, die das Thema der bedrängten Suche nach einer erfüllten Existenz auf immer neue Weise variieren. Doch nichts davon gewinnt Prägnanz, geschweige denn Spannung, weil alles hier im Dröhnen eines hochtourigen Schwadroneurs, der vor Kraftausdrücken kaum erzählen kann, verlorengeht.

          Dabei wird mächtig aufgeboten, was exotische Kulisse und amerikanisches Getto-Idyll offenbar verlangen, von ständigen spanischen Einsprengseln in der Rede bis zur karibischen Folklore, die das Deutungsmuster für den Schicksalsfluch der geplagten Familie abgeben muss. Hinzu kommen geschwätzige Fußnoten in der Manier von David Foster Wallace sowie bemühte literarische Anspielungen, die der Autor wohl seiner Position als Associate Professor am renommierten MIT zu schulden glaubt. Sein Eifer aber, alle Hoffnungen auf street credibility wie zugleich auf postmodern bezeugte Erzählerfiktion zu bedienen, führt nur zu wirren Wechseln der Erzählchronologie sowie -figuren und treibt immer wieder Stilblüten hervor: „ihre Brüste gleichen unter der Haut gefangenen Sonnenuntergängen“ heißt es an einer Stelle; etwas später ist von einer Situation die Rede, „wo mir die Muschis schon aus den Ohren kamen“. So verrutscht der maskuline Kraftausdruck oft ins hilflos Pubertäre, zur präpotenten Macho-Pose.

          Díaz, der multikulturelle Vorzeige-Autor

          Ein gutes Dutzend Jahre ist es her, dass Junot Díaz, Jahrgang 1968, mit „Abgetaucht“ debütierte, einem schmalen Band von kleinen Adoleszenz-Erzählungen, einige davon nicht ohne Witz und Lakonie dem Doppelleben zwischen Drogenstrich und Freibad abgetrotzt. Von der amerikanischen Kritik hochgejubelt, wurde der Band schnell zum Vorzeigebuch multikultureller Milieus ausgerufen. Lange, viel zu lange wurde seither von dem großen Wurf geredet, den der Autor seinem Erstling folgen lassen würde. Doch wenn man den Roman nun liest, fragt man sich zum Ende nur noch, was man mehr bedauern soll: das quälend Bemühte oder prahlend Selbstverliebte, das sich gleichermaßen darin mitteilt. Das wundersame Erfolgsleben des Autors Junot Díaz währte jedenfalls nur kurz. Dass er letztes Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist ganz sicher kein gutes Zeichen.

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