http://www.faz.net/-gr3-7jlh9

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville : Was für ein Schlamassel

  • -Aktualisiert am

Bild: Wagenbach Verlag

Der indiskrete Charme der Bourgeoisie: Julia Decks Romandebüt „Viviane Élisabeth Fauville“ über eine neurotische Pariserin ist vor allem in seiner Sprunghaftigkeit konsequent.

          Die Geschichte der französischen Nachkriegsliteratur ist untrennbar mit einem Verlag verknüpft: den Éditions de Minuit. Dort erschienen die Werke des Nouveau und des Nouveau nouveau Roman: Im Anschluss an die Vorkriegsavantgarden verabschiedeten sie „realistische“ Konventionen und modernisierten die französische Prosa. Seitdem hat das Haus einen Ruf - auch den, nicht immer leicht zugänglich zu sein, ob für Autoren oder für Leser. Scheinbar im Gegensatz dazu pflegt Minuit eine kuriose Vorliebe: Romane mit Krimihandlung. Seien es die Spionageromane von Alain Robbe-Grillet, die lakonisch ins Leere laufenden Popgeschichten von Jean Echenoz oder, in jüngster Zeit, die wunderbar bösartigen bretonischen Provinzpossen eines Tanguy Viel - der Bezug auf das populäre Genre ist offenbar ein Komplement zum Anspruch, hochreflektierte Texte zu publizieren.

          Einen spät- oder nachavantgardistischen Krimi legt nun die Journalistin Julia Deck, geboren 1974, vor. „Viviane Élisabeth Fauville“ ist ein Erstling und erzählt die Geschichte der gleichnamigen Heldin, zweiundvierzig Jahre alt, einer bourgeoisen Pariserin, die von einem Schlamassel in den nächsten gerät. Eigentlich ist die Mutter einer drei Monate alten Tochter in einer beneidenswerten Lage: Nach einem erfolgreichen Studium hat sie einen guten Job als Kommunikationsbeauftragte der Firma Bétons Biron; sie besitzt eine große Wohnung im richtigen Arrondissement, sprich: ist Millionärin.

          Kreuz und quer und durcheinander

          Aber aktuell steckt Viviane nicht nur mitten in einer Scheidung, die einer „zweijährigen Ehehölle“ ein Ende setzt, sondern ist auch der festen Überzeugung, Doktor Sergent, ihren Therapeuten, erstochen zu haben: „Sie sind am 15. Oktober ausgezogen, haben eine Kinderfrau gefunden, Ihren Mutterschaftsurlaub aus gesundheitlichen Gründen verlängert, und am 16. November, also gestern, haben Sie Ihren Psychoanalytiker umgebracht. Sie haben ihn nicht symbolisch umgebracht, wie man irgendwann den Vater umbringt. Sie haben ihn mit einem Messer der Marke Henckels Zwilling, Serie Twin Perfection, Modell Santoku, umgebracht.“ Der Ausschnitt belegt nicht nur, dass Deck einen flotten, trockenen, fast möchte man sagen: schnittigen Stil beherrscht. Es fällt noch eine Besonderheit auf: Der Roman ist meist in der dritten Person Plural erzählt, wie der bekannte Nouveau Roman „Paris-Rom oder Die Modifikation“ aus dem Jahr 1957 des Minuit-Autors Michel Butor. Deck jedenfalls wechselt später die Erzählperson, und so reizvoll das ist, es scheint mitunter beliebig.

          Konsequent ist die Sprunghaftigkeit in einer Hinsicht: Sie spiegelt die Verwirrung der Heldin. Viviane wird verhört, irrt durch Paris, trifft ihren Exmann Julien und schnüffelt den Protagonisten des Mords nach, vor allem der schicken Witwe des Ermordeten, die nur noch eine Scheinehe führte, und seiner Geliebten, einem schwangeren Provinzmädel; immer im Schlepptau ist der Säugling, der gelegentlich mit Beruhigungsmitteln stillgestellt wird. Anfangs gelingt es Viviane, ein Alibi vorzuflunkern, dann jedoch stoßen die Ermittler auf Unstimmigkeiten. Das Netz zieht sich zu, es kommt zu einer dramatischen Szene: „Sie wissen nicht mehr, was was ist, wo unten und wo oben, ob Sie es sind, hier draußen, ob es eine andere ist oder ein Traum und ob Sie je wieder daraus zurückkehren werden. Sie hören auf zu atmen, Sie fallen nieder.“ Auf den Zusammenbruch folgen Geständnis und Psychiatrieaufenthalt.

          Mut zur Unvollkommenheit

          Wäre „Viviane Élisabeth Fauville“ ein banaler Krimi, dann hätte es damit sein Bewenden. Tatsächlich kommt nun ans Tageslicht, was Indizien angedeutet hatten: Die Heldin, die bereits vor drei Jahren einen Zusammenbruch hatte, ist nicht zurechnungsfähig und ihrem Bericht nicht zu trauen. Zentral in dieser und in manch anderer Hinsicht ist das Verhältnis zu ihrer Mutter: Angeblich ist sie seit acht Jahren tot, hat Viviane aber vor zwei Jahren ein Hochzeitsgeschenk gemacht - eben das Messerset, aus dem die Tatwaffe stammt; der Leser wird stutzig, und tatsächlich holt die Mutter Viviane am Ende aus der Psychiatrie ab. Verdrängung, im Zusammenhang mit der eigenen Mutterschaft? Auch dann bleiben Ungereimtheiten, weil die Polizei die Version des Todes vor acht Jahren bestätigt.

          Bei aller Liebe zum Vexierspiel, Deck treibt es ein bisschen weit, lässt etwas viel im Vagen - das nimmt dem Romanschluss jene Klarheit, die nach der Phrenesie nötig wäre. Der Makel rückt die Qualitäten allerdings erst recht ins Licht: Der Roman ist fast durchweg mitreißend erzählt, Deck schafft eine packende und zugleich poetische Atmosphäre. „Viviane Élisabeth Fauville“ ist ein faszinierender Erstling, dessen Mängel einem lieber sind als die Perfektion vieler anderer Texte.

          Julia Deck: „Viviane Élisabeth Fauville“. Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber. Wagenbach Verlag, Berlin 2013. 144 S., geb., 16,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Ilse Aigner vor bayerischer Landschaft: Ist sie die Frau von morgen?

          Bayerische Mentalitäten : Auf doppeltem Boden

          Angeblich rückt Bayern heute dem Rest von Deutschland noch ein Stückchen näher. Kann es aber sein, dass sich Bayern zugleich von sich selbst entfernt?
          Der Unternehmenssitz des Spezialmaschinenbauers Aixtron

          Börsenstars 2017 : Der Tec-Dax hängt alle ab

          Kennen Sie Firmen wie Siltronic und Aixtron? Sollten Sie. Denn sie locken mit hohen Gewinnen. Auch generell lohnt sich ein Blick auf den Tec-Dax.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.