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Roman von Juli Zeh : Wo geht’s zum Abgrund?

Juli Zeh in Brandenburg Bild: action press

Das Prinzip Juli Zeh – und wie es funktioniert: „Leere Herzen“, ihr neuer Roman, schaut in eine dunkle Zukunft. Mehr als gute Unterhaltung ist das aber nicht.

          Wenn man auf die Romane zurückblickt, die in den vergangenen Jahren erschienen sind, stellt man schnell fest, dass die interessantesten, besten und aufreibendsten unter ihnen Visionen der nahen Zukunft entworfen haben. Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin schilderte in seinem Zukunftsmärchen „Der Tag des Opritschniks“ eine düstere Vision des Jahres 2027, die zugleich die Zeit Iwan des Schrecklichen wiederauferstehen ließ. Der algerische Autor Boualem Sansal zeichnete, angelehnt an George Orwell, in seinem Buch „2084“ das totalitäre Reich einer islamistischen Diktatur, in der individuelles Denken abgeschafft worden ist, eine Elite unter der Führung von Abi dem Entsandten die Ideen steuert und abweichendes Handeln unterbindet. Der Franzose Michel Houellebecq erzählte in „Unterwerfung“ von der Machtübernahme einer gemäßigt islamischen Partei und deren Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes im Jahr 2022. Und der Amerikaner Dave Eggers verwickelte uns in „Der Circle“ in die bereitwillige Selbstüberwachung eines Googlegleichen Unternehmens.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie alle sprachen, über den Umweg in die Zukunft, von den Abgründen der Gegenwart. Sie benutzten das, was der Science-Fiction-Autor H. G. Wells „The Shape of Things to Come“ genannt hat, „Die Gestalt der zukünftigen Dinge“, um die jeweilige Gesellschaft zu analysieren, in der sie lebten – ob in dunklem, gefälligem oder zutiefst ironischem Ton. Und wenn jetzt Juli Zeh kommt, die seit ihrem Roman „Unterleuten“ die wohl erfolgreichste deutsche Schriftstellerin ist, in 35 Sprachen übersetzt, und genau dieses Genre wählt – die Vision einer nahen Zukunft –, dann ist das natürlich interessant. Gleich hat man allerhand Erwartungen, weil die Autorin sich in so prominente literarische Nachbarschaft begibt. Und man hat, da man zu denen gehört, die mit „Unterleuten“ nicht viel anfangen konnten, auch die Hoffnung, dass dies nun der erste Juli-Zeh-Roman ist, der einen wirklich fesseln wird.

          Bundeszentrale für Leitkultur

          „Leere Herzen“ heißt das Buch. Es spielt in Deutschland, genauer gesagt in der Umgebung von Braunschweig, in einer Zeit nach dem Rücktritt von Angela Merkel. Die ist zurückgetreten, nachdem die sogenannte „Besorgte Bürger Bewegung“ bei den Bundestagswahlen ein so starkes Ergebnis erzielt hat, dass die langjährige Bundeskanzlerin vor die Kameras trat, noch einmal die Hände zur Raute formte und „in ihrer unterkühlten, leicht lispelnden Art“ erklärte, dass sie in dem Wahlergebnis nicht nur eine Katastrophe für Deutschland, sondern das Scheitern ihrer persönlichen Laufbahn sehe. „Unter den Buh-Rufen einiger anwesender Journalisten“, wie es in „Leere Herzen“ heißt, „brach die selbstbeherrschte Fassade der Ex-Kanzlerin schließlich zusammen“: Eine Träne lief ihr über das Gesicht, während sie, die Zwischenrufer übertönend, ins Mikrofon rief: „Ich wünsche unserem Land, ich wünsche uns allen viel Glück!“ Dann verließ sie mit hochgezogenen Schultern das Podium und „wirkte dabei plötzlich wie eine alte Frau“.

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