http://www.faz.net/-gr3-12162

Juli Zehs neuer Roman : Geruchlos im Hygieneparadies

Juli Zeh Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Diktatur der Vorsorge als Enteignung der Gegenwart: Mit ihrer negativen Utopie „Corpus Delicti“ rührt Juli Zeh an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft.

          Ein Wort, so unendlich menschenfreundlich und vernünftig: Prävention. Wer wollte sich schon dem Gedanken der Vorsorge widersetzen? Es wird Zeit, das totalitäre Potential der Präventionsidee sichtbar zu machen: Vorsorge ist prinzipiell unbegrenzt. Es gibt nichts, was unter dem Vorwand der Vorsorge nicht einklagbar wäre. Im Nu steht man rechtelos im Hemd da, wenn an eine bessere Zukunft appelliert wird, der man sich - so die Präventionsrhetorik eines jedes Krisenregimes - im Ernst ja wohl nicht widersetzen wolle. So aber wird schrittweise eine Enteignung der Gegenwart im Zeichen der Zukunftsvorsorge betrieben. Obwohl immer mehr Lebensbereiche von der Prävention durchherrscht werden, liegt die Kulturkritik dieser Herrschaftsfigur brach. Erst recht gibt es bisher keinen erzählerischen Versuch, hinter dem Vorsorgeanspruch den permanenten Ausnahmezustand sichtbar zu machen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist mit dem Buch "Corpus Delicti" nun schlagartig anders geworden, ein Buch, das an den Nerv unserer zutiefst verängstigten Gesellschaft rührt. In grundstürzender Krisenzeit ist es um die Kritik der Prävention, um Kritik überhaupt schlecht bestellt. Man kuscht, hält still, verharrt im Totstellreflex. Krisenzeiten sind Hochzeiten des Opportunismus. Figuren, auf deren Widerständigkeit man früher schlafwandelnd vertrauen konnte, werden über Nacht zu Vorbildern der Willfährigkeit. Wie es im Buch der Journalist Heinrich Kramer ausdrückt, leitender Redakteur des Medienorgans "Gesunder Menschenverstand": "Gibt man dem Freiheitskämpfer Macht und Einfluss innerhalb der verhassten Maschinerie, wird er sogleich still und werkelt fortan in aller Treuherzigkeit vor sich hin. Was lehrt uns das über die Menschen, Frau Holl? Sie tauschen gern ein X gegen ein U, wenn es nur dazu dient, ihre Eigenliebe zu befriedigen."

          Die Präventionsidee als Erzählstoff

          Juli Zeh tritt uns in ihrem neuen Werk als die Moralistin gegenüber, als die wir sie in "Adler und Engel" und "Schilf", aber auch durch manche aktuelle politische Stellungnahmen kennen. Die Juristin im Nebenberuf verfügt über den Scharfsinn und die Belesenheit, um ihre Einsprüche gegen den Zeitgeist so zu verfassen, dass sie nicht verlegen machen, sondern Wucht entfalten. Ungerührt düpiert sie das feintuerische Ressentiment, mit der eine nicht ironische Kulturkritik hierzulande noch stets zu rechnen hat. Juli Zeh gelingt es mühelos, die analytische Darstellung in die literarische Form hineinzuholen - hier, in "Corpus Delicti", geschieht das in der Kunstform der Utopie, die seit je dem Diskursiven gebührend Raum gibt. So gebiert Belletristik analytischen Verstand und umgekehrt: Erzählen und Argumentieren sind eins. Darauf kann man sich bei dieser Autorin verlassen.

          Juli Zeh hat aus der Präventionsidee einen Erzählstoff gemacht, sie schildert eine geruchlos-klare Gesundheitsdiktatur in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts. In dieser Diktatur stellen die Chefideologen die rhetorische Frage: "Was sollte vernünftigerweise dagegen sprechen, Gesundheit als Synonym für Normalität zu betrachten? Das Störungsfreie, Fehlerlose, Funktionierende: Nichts anderes taugt zum Ideal." In dieser Diktatur hält man sich zugleich zugute, "keine verstiegenen Ideologien" zu propagieren, sondern nur den blanken Naturalismus, das nackte Leben: "Wir gehorchen allein der Vernunft, indem wir uns auf eine Tatsache berufen, die sich unmittelbar aus der Existenz von biologischem Leben ergibt." In dieser Diktatur kann jemand gerichtlich vorgeladen werden, der sich folgender Vergehen schuldig gemacht hat: "Vernachlässigung der Meldepflichten. Schlafbericht und Ernährungsbericht wurden im laufenden Monat nicht eingereicht. Plötzlicher Einbruch im sportlichen Leistungsprofil. Häusliche Blutdruckmessung und Urintest nicht durchgeführt."

          Hygienische Vorzeigehäuser

          Mehr als durch das, was diese negative Utopie positiv gebietet, entmenschlicht sie durch das, was sie zum Verschwinden bringt: einen existentiellen Fragebedarf. Alle Fragen sind klinisch entsorgt, alles Widerständige ist desinfiziert, alle Thetik geruchlos wie destilliertes Wasser. Ein Gemeinwesen, in dem es um nichts mehr geht. Erfahrungen sind als unwillkommene Überraschungen zu meiden, Baumhäuser als Verletzungsgefahr, Haustiere als Ansteckungsrisiko. Dagegen lehnt sich bis zum letzten Blutstropfen Moritz Holl, Bruder der Hauptfigur Mia, auf, der lieber frische Fische jenseits des Sperrzauns vom Hygienegebiet angelt, statt Proteinkonserven zu essen. Der auf das Gutschreiben von Bewegungskilometern verzichtet, weil er es nicht mag, wenn der Chip in seinem Oberarm mit den Sensoren am Wegrand kommuniziert.

          Wie betreibt dieser Überwachungsstaat das Geschäft des Durchregierens? Werfen wir einen Blick ins Innere der sogenannten Wächterhäuser. Was sind Wächterhäuser? Hygienische Vorzeighäuser, Keimzellen der Vorsorge-Gesellschaft: "In Wohnkomplexen, deren Hausgemeinschaft sich durch besondere Zuverlässigkeit auszeichnet, können Aufgaben der hygienischen Prophylaxe von den Bewohnern in Eigenregie übernommen werden. Regelmäßige Messungen der Luftwerte gehören ebenso dazu wie Müll- und Abwasserkontrolle und die Desinfizierung aller öffentlich zugänglichen Bereiche. Ein Haus, in dem diese Form der Selbstverwaltung funktioniert, wird mit einer Plakette ausgezeichnet und erhält Rabatte auf Strom und Wasser. Die Wächterhaus-Initiative feiert auf allen Ebenen die größten Erfolge. Der Fiskus spart Geld bei der Gesundheitsvorsorge, und die Menschen entwickeln Gemeinschaftssinn."

          Im Genre „Brave new world“

          Hier wird ein Strebergeist gezüchtet, der am Ende ohne Alternative bleibt, will das private nicht mit dem öffentlichen Wohl kollidieren. Dass es sich bei der Prävention um eine latent erpresserische Idee im Zeichen der Vernünftigkeit handelt, wird unübertroffen deutlich in den Worten, mit denen die Richterin die angeklagte Mia Holl anherrscht: "Wenn wir vernünftig denken, schuldet die Gemeinschaft Ihnen Fürsorge in der Not. Dann aber schulden Sie der Gemeinschaft das Bemühen, diese Not zu vermeiden. Ist das nachvollziehbar?"

          Not zu vermeiden ist ein tendenziell uferloses Unternehmen. Infolgedessen hat, wer als Notvermeidungspolizist auftritt, einen grenzenlosen Zugriff auf den Bürger. Nichts anderes schildert "Corpus Delicti" am Beispiel der Gesundheitsidee, einer Gesellschaft als Hygieneparadies. Diese neue Ausgabe aus dem Genre "Brave new world" führt uns die Verselbständigung einer Idee zum Wahn vor Augen, dergestalt, dass unterwegs die Frage abhandenkommt, zu welcher der Wahn die Antwort sein möchte.

          "Wie die Frage lautet" ist denn auch die Fundamentalkritik überschrieben, in welcher Mia Holl, die Anormale, die Rebellin gegen die Gesundheitsdiktatur, in schneidendem j'accuse mit der präventiven Methode abrechnet, deren Opfer ihr Bruder und sie selbst werden: "Ich entziehe einer Zivilisation das Vertrauen, die den Geist an den Körper verraten hat. Ich entziehe einem Körper das Vertrauen, der nicht mein eigenes Fleisch und Blut, sondern eine kollektive Vision vom Normalkörper darstellen soll. Ich entziehe einer Normalität das Vertrauen, die sich selbst als Gesundheit definiert. Ich entziehe einer Gesundheit das Vertrauen, die sich selbst als Normalität definiert. Ich entziehe einem Herrschaftssystem das Vertrauen, das sich auf Zirkelschlüsse stützt. Ich entziehe einer Sicherheit das Vertrauen, die eine letztmögliche Antwort sein will, ohne zu verraten, wie die Frage lautet."

          In der entideologisierten Gesellschaft

          Dass es geschichtlich so weit kommen konnte, wird in "Corpus Delicti" nicht einfach einer Dialektik der Aufklärung zugeschrieben. Sondern paradoxerweise der flächendeckenden Entideologisierung einer Gesellschaft, die in ihrem Utopieüberdruss eine "große Epoche der Abschaffung" eingeläutet hatte und nun "nah am Naturzustand" ins Schlottern gekommen ist. "Es war übersehen worden, dass auf jede Abschaffung eine Neuschaffung folgen muss", sagt der Sozialtechnologe Kramer in diesem fulminanten Buch. Seitdem sitzt man zivilisationsgeschichtlich in der Klemme und behilft sich mit einem Provisorium: gesund und sauber bleiben.

          Weitere Themen

          Auf Kosten der künftigen Generationen?

          Demographie : Auf Kosten der künftigen Generationen?

          Der demographische Wandel ist keine Floskel. Die Alterung der Bevölkerung wirkt sich auf viele Bereiche von Gesellschaft und Staat aus. Das ist jedoch kein Grund zu verzagen. Denn wer stets nur negative Szenarien darstellt, der gestaltet nicht die Zukunft. Ergreifen wir die Chancen.

          Topmeldungen

          Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt

          Digitaler Marktplatz : Wie die Deutsche Bank von Amazon und Airbnb lernt

          Internetkonzerne bauen eigene Bezahlsysteme auf – und sind damit Vorbild und Bedrohung zugleich. Die Deutsche Bank gibt sich aber nicht geschlagen und arbeitet an einer eigenen Finanzplattform, die mehr als die eigenen Produkte zeigen soll.

          Brexit-Verhandlungen : Schlichtweg inakzeptabel

          Die Zurückweisung auf dem EU-Treffen in Salzburg hat die Briten schockiert. Premierministerin Theresa May reagiert trotzig. Die Gegner ihres Plans im Land sehen sich aber bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.