25.09.2009 · Ahoi, Karaoke: Diana Krall ist ihm zu reglos, seine Katze zu willensstark, und die Buchmesse hält er für ein Gouvernanten-System: Der Artikulations-Komplex in Jürg Laederachs irrwitzigen „Depeschen nach Mailland“ hat eine ungeheure Sogkraft.
Von Katharina TeutschJürg Laederach ist dem deutschsprachigen Literaturbetrieb seit den siebziger Jahren als Experimentalautor und Maurice-Blanchot-Übersetzer bekannt. Sein Herausgeber präsentiert ihn jetzt gewissermaßen ungewaschen. Das, was der Durchschnittswahrnehmer „Wirklichkeit“ heißt, scheint dieses monstre sacré der freien Rede nämlich noch im Draufblick zu transzendieren. Der Laederachsche Artikulations-Komplex, man muss Michel Mettler heftig zustimmen, hat eine ungeheure Sogkraft, die noch Staubzuchten unter dem Kleiderschrank ein Familienleben andichtet. Doch was nützt einem das, wenn man den Stegreifritualen des Schweizers nicht beiwohnen kann, so oft und so lang man es braucht?
Ein Buch musste her, kein strukturiertes, mehr ein „quasimündliches“. Etwas Musengeküsstes und doch diesseitig Druckfrisches: Der E-Mail-Dialog empfahl sich als Gattung. So trug es sich zu, dass Michel Mettler mehr als zweihundertfünfzig Mitteilungen aus der Feder, pardon, dem Tastenkontakt seines Freundes Jürg Laederach bei Suhrkamp herausbrachte.
Ein vergleichsweise fossiles Medium führte die beiden 2002 musikalisch zusammen. Der Schweizer Rundfunk lud zu einer Diskussion über Jazz. Sie blieben in Kontakt, sie mailten sich bis zur Ausgabe der Druckfahnen fast wöchentlich, manchmal täglich ihre Gedanken zu diesem und jenem, wobei Mettler eher zu „diesem“ und Laederach zu „jenem“ neigte. Mettler entzog seine Mitteilungen der Veröffentlichung mit dem Argument, bloß Stichworte in den Laederachschen Bewusstseinsstrom gelegt zu haben. So ist Ersterer allenfalls diskret im Mailland enthalten.
Ein schlauer Fuchs
Ein schlauer Fuchs überhaupt, Freund Mettler – und auch ein Sündenbock. „Hör mir endlich einmail zu!“, platzt Laederach einmal der Kragen. „Du bist ein potentieller Überanpasser, ein Reinschlüpfli in deinen jeweiligen Gegenüber, gleichzeitig bist du wetterfest ichgegerbt und änderst dich nie, eben gerade weil du dauernd auf wen eingehst, das bist ja eben statisch du, falls man Statik in Bewegung sehen kann.“ Aber das Reinschlüpfli stichelt weiter und wird formvollendet abgestraft: „... du putzt das Klo, wo immer du dich befindest, und du willst da weg, du kletterst auf die Brille, dann zum kleinen Fensterchen hoch, du kommst sogar noch hindurch, indem du deinen Wurstkörper dünn machst, ein Hauch Frischluft schlägt dir entgegen, uff, geschafft, ahoi, Karaoke, du fällst von hoch zu Boden, befindest dich in einer neuen Klokabine.“ Deutlicher kann man nicht werden, das weiß auch Laederach und schiebt nach: „Excuse my paternalism.“
Schon gut, vergeben und vergessen. Let’s better talk about music! Der Raritäten-Tauschring der beiden Plattengurus muss von potlatschhaftem Ausmaß gewesen sein. „Svjatoslav Richter Bilder einer Ausstellung Sofia 1956, legendär, ausspeibarer Sound, Vladimir Horowitz, das Live-Tschaikowski Eins mit Schwiegervater Toscanini 1943 mit Weltkriegs-Drive.“ Das ist der Laederach-Ratrak-Sound. Jazzraunze Diana Krall, genannt „die Kralle“, rutscht als Erste unters Fahrgestell: Ob bei „Basie-Swing“ oder
Tolldreiste Überlagerung
„Stone-Sex“, immer sitze sie bloß reglos da „wie unter ca. zwanzig Lexotanils, absolut schwer sediert“. Eine Existenz als „reines Jazzzzitat (weiß nicht wie viele z’s)“ attestiert der Souldoc. Dieser Sound ist bernhardböse, aber zugegeben, er reizt kapital. Dass Laederach die Frankfurter Buchmesse als „autoritäres Gouvernanten-System“ beschimpft, juckt die Ketzerseele, aber welche Tretmine! Die Sicherheit der Kritiker, steht da geschrieben, sei ihre mangelnde Zitierwürdigkeit. „Man liest sie zu einem Buch, und da bleibt was hängen, am folgenden Tag bereits kackt alles auf sie; aber ihnen genügt der Moment vom Vortag.“
Nicht nur das, lieber Angreifer! Vergessen wir nicht die süße Vorfreude. Im Grunde muss man Ihnen zugutehalten, dass Sie nie beabsichtigten, Ihre Launen in Literatur zu transponieren. Das haben Sie Ihrem ehrgeizigen Freund zu verdanken. Der hat Ihnen diese „körperheiße Herausloderung“ abgerungen und die „tolldreiste Überlagerung von hoher und niederer Minne“ diesem irren Bändchen überlassen. Was äußerten Sie einst über Ihre Katze? „Ein liebes Tier, aber zu willensstark.“ Vielleicht muss man nicht gleich, wie im proseminaristischen Nachwort, die Literatur gegen die freie Rede ausspielen und in Mailland miteinander vermählen – musikalisch gesprochen, den symphonischen Laederach gegen den improvisierenden antreten lassen –, um zu solch anregendem Ergebnis zu kommen. Schreiben Sie ruhig weiter E-Mails, und schreiben Sie auch mal wieder Literatur, dieser klüngelnde Ton, dieses fehlende Gegenüber: Auf Dauer macht einen das ganz matt im Kopf. Excuse our paternalism!