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Jürg Amann: Die kalabrische Hochzeit Eros auf rostigen Gleisen

04.12.2009 ·  Wenn sich bei gleichzeitigem Wunsch nach Sicherheit Abgründe der Leidenschaft auftun, ist ein Happy End ausgeschlossen: Der Schweizer Jürg Amann erforscht ein Land und seine Liebe.

Von Beate Tröger
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Die Geschichte beginnt einfach: Emma, um die vierzig und Lehrerin in Norditalien, reist im Zug nach Kalabrien und erinnert sich an ihre Vergangenheit und die Liebe. Wenige Seiten der Lektüre von Jürg Amanns Roman „Die kalabrische Hochzeit“ genügen, um zu erfassen, worum dieser Text kreisen wird, und auch, um zu erahnen, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird. Doch da steht man bereits im Bann von Emmas Erinnerungen.

Mit Anfang dreißig ist sie in der Disco dem sieben Jahre jüngeren Kalabrier Lorenzo begegnet, der sorglos in den Tag hineinlebt, mit Drogen handelt und sie konsumiert, während sein Studium auf Eis liegt. Ein Blickwechsel, eine weitergereichte Telefonnummer, der Funke ist entfacht. Doch der erotische Rausch und der flüchtige Charakter der entstehenden Verbindung lassen sich mit Emmas Suche nach Halt nicht vereinbaren. Nicht Lorenzo, sondern der Dichter Carlo scheint ihr diesen Halt zu geben, ihn heiratet sie, mit ihm bekommt sie ein Kind, mit ihm fühlt sie sich sicher. Doch die Substanz der Ehe bröckelt schnell, da Carlo den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen ist. Als Lorenzo, der inzwischen seinen unsteten Lebenswandel aufgegeben hat, sich zehn Jahre später wieder meldet, bedeutet Emma die Ehe mit dem Träumer Carlo längst nichts mehr. Dennoch ist sie, nicht zuletzt durch das Kind, nicht mehr leicht aufzulösen.

Kurze, abgehackte Sätze

Der 1947 geborene Schweizer Autor Jürg Amann, dessen Texte unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis ausgezeichnet wurden, findet in „Die kalabrische Hochzeit“ eine Sprache, um aus der Perspektive der Protagonistin das Schwanken zwischen dem Wunsch nach Sicherheit einer geregelten Verbindung und nach den Abgründen und Abenteuern einer leidenschaftlichen Liebe einzukreisen. Die kurzen, häufig abgehackt wirkenden, teilweise repetitiven Sätze geben direkt den Blick auf Erinnerungen, Ängste und Träume der Protagonistin frei, die ihre eigene Labilität nicht gefühlsduselig aufbläht, sondern nüchtern bilanziert. In dieser sprachlichen Kargheit bekommt jedes Wort ein Gewicht, das der Schwere dieser Geschichte angemessen ist und doch Distanz wahrt. Besondere Bedeutung hat in Amanns Roman auch Italien als Schauplatz der Handlung: Die Nordhälfte mit ihren geschichtsträchtigen Städten wie Venedig, Bologna und Triest und die Kargheit und Hitze des Südens liefern hier nicht nur die klischeehaften Kulissen, vor denen sich das Denken der Protagonistin abspielt. Sie sind der Fundus, aus dem die Erzählung ihre Sprachbilder schöpft. Dies zeigt sich etwa an dem von der Vegetation des Landes inspirierten Gedicht, an das sich Emma zu Beginn und am Ende des Romans erinnert und dessen Verse in ihrem schroff-apodiktischen Duktus der italienischen Dichtung Leopardis, Paveses oder Ungarettis Reverenz erweisen.

Die Liebe zu Italien als eine von Gegensätzen geprägte Sprach- und Seelenlandschaft, Trauer über vergangenes Glück, das erst in seiner Abwesenheit erkannt wird, die unauflösbare Verschränkung von Eros und Thanatos sind Wegmarken dieser Hochzeitsreise, deren Vollendung auch ein Ende markiert. Jürg Amann hat in seinem Roman einen vertrauten literarischen Stoff in Worte gefasst, die überzeugend, introvertiert und uneitel dessen mythischen Gehalt freilegen, ohne die Individualität der Protagonistin in den Hintergrund zu drängen.

Jürg Amann: „Die kalabrische Hochzeit“. Roman. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2009. 128 S., geb., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
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