02.05.2009 · Seit ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ von 1998 und dem auch verfilmten Erzählband „Nichts als Gespenster“ gilt Judith Hermann als scheuer, stiller Star der deutschen Gegenwartsliteratur. Jetzt ist ihr drittes Buch erschienen. „Alice“ erzählt vom Tod.
Von Felicitas von LovenbergDer Tod ist in diesem Buch von der ersten Zeile an so präsent wie die stumme Frage, ob man nicht doch gegen ihn aufbegehren müsste, wenigstens mit den Mitteln der Sprache: „Aber Micha starb nicht.“ Noch halten ihn die seidenen Worte „aber“ und „nicht“, noch ist seine Hand, die Alice in die ihre nimmt, warm, vertraut wie das Leben. Doch was sie sieht, ist allein der Sterbende, ein beginnendes Vakuum in einer vor Gegenständen, Gegebenheiten und Praktikabilitäten blendenden Welt. „Die Zimmertür war angelehnt, das Quietschen der Schuhe der Krankenschwestern tröstlich, das Klingeln des Telefons in der Schwesternstation, das Rumpeln des Fahrstuhls, Flüstern und Gelächter, andauernde Geschäftigkeit, der Essenswagen rollte am Zimmer vorbei, manchmal kam eine der Nonnen rein.“ Den Tod aber verscheuchen solche hilflos, nutzlos aneinandergereihten Übersprungsbeobachtungen, wie sie wohl jeder in Situationen extremer Anspannung schon gemacht hat, natürlich nicht.
Judith Hermann versammelt in ihrem neuen, dritten Prosaband fünf Geschichten vom Sterben. Obgleich sie in der Titelheldin alle dieselbe Protagonistin haben, fügen sie sich nicht zu einem Roman, wie überhaupt jegliche Gattungsbezeichnung konsequent verweigert wird. „Alice“ ist ein stilles Buch, in dem sich die Worte, Sätze und Bedeutungen in sich selbst zurückzuziehen scheinen. Statt dass der Tod alles mit Sinn auflädt, entlarvt die Alltagssprache aller Gedanken und Gespräche ihr ganzes banales Nichtgewachsensein. Von all den entgrenzenden Empfindungen, die der Verlust eines nahen Menschen auszulösen vermag, Trauer, Angst, Verzweiflung, Wut, zeigt sich hier vor allem die eine, die die Distanz wahrt: Ohnmacht, vielleicht auch schon Resignation.
Tote brauchen keine Adjektive
Jeder der fünf Männer, deren Namen – Micha, Conrad, Richard, Malte, Raymond – den Erzählungen ihre Titel geben, stirbt allein. Woran, ist so unwichtig wie ihr Beruf, ihr Nachname oder ihr Lieblingsgericht. Sie werden nicht plastisch gezeichnet, die Lücke, die sie hinterlassen, ist nicht konturiert; es bleibt dem Leser überlassen, sie mit Eigenschaften, Atem, persönlicher Relevanz zu füllen. Falls die Autorin jemandem ein Denkmal setzen wollte, so hat sie dazu kein Monument aus Stein gewählt, sondern eher Blumen, wie man sie lieben Menschen aufs Grab legt, auch wenn man weiß, dass sie welken werden. Der Blick der Geschichten ruht denn auch nicht auf den Toten, sondern auf der Lebenden: Alice. Mit ihr ist eine feine Chronologie in das Buch gewebt.
Was genau Alice jeweils in der unmittelbaren Nähe der sterbenden Männer tut, bleibt – bis auf die beiden letzten Geschichten – offen. Sie ist eine Freundin, die Grenzen zwischen Vertrautheit und Liebe sind fließend: Ein jeder Tod vermehrt zunächst die Bedeutung der eigenen Beziehung zu dem Gegangenen. Micha ist ein Geliebter von früher; Alice ist zu seiner Frau Maja und dem Kind gefahren, die ihre Totenwache in einem Krankenhaus in einer fremden Stadt halten müssen. Conrad, eine Art väterlicher Freund, stirbt überraschend, als Alice ihn und seine Frau gerade mit Freunden am Gardasee besucht. Richard, der in Berlin einen angekündigten Tod stirbt, ist ebenfalls ein älterer Freund.
Bloß nicht bewegen!
Judith Hermann beschwört jene diffuse Zeit des Übergangs, da weder die Toten noch die Lebenden dort angekommen sind, wohin der Abschied sie katapultiert. Die Regungslosigkeit ist dabei Programm. Denn gegen das, was geschieht, kann man sich nicht wehren, wie ein Bekannter Alice erklärt: „Die Planeten laufen langsam, aber sie machen ihre Transite, und dann ändert sich dein ganzes Leben, es ändert sich, ob du willst oder nicht.“ Diese Gewissheit bestimmt den Grundton der Geschichten, die sich für ihre Beschwörung des Modellfalls Tod gerne einer Art umgekehrten Babuschka-Verfahrens bedienen: „Alice sah zu Richards geschlossenen Fenstern hoch und dachte, in einem Bett in einem Zimmer in dieser Wohnung in diesem Haus in dieser Straße liegt einer, den ich kenne, und stirbt. Alle anderen machen was anderes.“ Dass sich hinter solchen Beobachtungen mehr als ein angestrengt zur Schau getragener Gleichmut verbirgt, mag man vermuten – die Sprache verrät es nicht. Alice enthält sich jedes Aufschreis, jeder Meinung, jeden Urteils, nicht einmal, als sie mit den Freunden am Gardasee ankommt, ist sie sicher, was sie davon halten soll: „Findest du das schön, fragte Anna. Ich weiß nicht, sagte Alice. Wahrscheinlich ist es sehr schön. Oder?“
An diesem winzigen und doch bedeutungsvollen „Oder?“ zeigt sich das Problem des Buches. Denn mit Judith Hermanns Prosa ergeht es einem wie mit den Gerichten von Maja: „Sie kochte absolut salzarm, ohne jeden Hokuspokus, eine Art biblisches Essen, man konnte es fade oder pur finden.“ Die Nüchternheit, mit der diese Schriftstellerin in bewährter und vielfach bewunderter Manier kurze, einfache Sätze aneinanderreiht, die Lakonie, von der so gern behauptet wird, damit treffe Hermann den Lebensgefühlston ihrer Generation, hat in „Alice“ etwas ungemein Angestrengtes und Künstliches, gerade weil ein entschiedener Ton, eine Erzählstimme, die Halt gibt, vermieden wird. Diese hochkonzentrierte, mit Symbolen aufgeladene Prosa ist bis zur Essenz abgeklopft, abgewogen und ausgewrungen – aber diese Reduktion führt zu keiner Steigerung, keiner größeren Tiefenschärfe, keiner existentialistischen Wucht. Sorgfältig vermeidet die Autorin jegliches Aufflackern von Emotion. Wenn überhaupt, dann sind es Gegenstände, die als Blitzableiter fungieren: ein Schlüsselanhänger, ein Foto, ein in einer Jackentasche vergessenes Mandelhörnchen. Ob man die Gleichförmigkeit der Geschichten angesichts des Themas wirkungsvoll und angebracht findet, hat mindestens so viel mit der Betriebstemperatur des jeweiligen Lesers zu tun wie mit dem Können der Autorin. Aber wer den Tod als die Verdichtung schlechthin begreift, tut sich mit der hochpolierten Glätte von „Alice“ doch sehr schwer.
Wer stirbt, der fehlt
Erst in den letzten beiden Geschichten löst sich die Starre ein wenig. Jahrzehnte nach dem Selbstmord ihres Onkels Malte sucht Alice das Treffen mit dessen einstigem Lebensgefährten Friedrich „und begriff verwundert, dass Malte ihr fehlte“. Da nimmt ihre kreisende Beschäftigung mit dem Tod endlich so etwas wie eine Richtung an: Sie ermöglicht es Alice, „etwas hinzuzufügen, einen Ring mehr um eine unkenntliche, beständige Mitte“. Der Tod führt in die Mitte, und weil er uns dort berührt, macht er diese Mitte, wo immer sie sitzt, kenntlich, und sei es nur für kurze Zeit. Der Tod mag das abgründigste Thema aller Literatur sein – zum tiefsten wird es erst, wenn auch die künstlerische Beschäftigung damit die Oberfläche verlässt.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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