Wie so manche Gewaltherrschaft hat der Nationalsozialismus nicht nur dort verheerend gewirkt, wo er Menschen tötete, sondern auch in entlegeneren Weltwinkeln, in die seine vergifteten Botschaften oft ungeplant, verzögert und zufällig gelangten. Einer dieser Weltwinkel ist Kolumbien. In den späten dreißiger Jahren trafen dort deutsche Juden, die vor dem Holocaust geflohen waren, auf einige ihrer Landsleute, darunter auch glühende Anhänger des Hitler-Staates.
Dem kolumbianischen Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez geht es in seinem Roman „Die Informanten“ weniger um politischen Fanatismus als um die fürchterlichen Folgen einer polizeibürokratischen Maßnahme: Unter dem Druck der Vereinigten Staaten führte Kolumbien 1941 eine schwarze Liste ein, mit der Sympathisanten des Nationalsozialismus erfasst werden sollten. Doch die ersten Restriktionen richteten sich unterschiedslos gegen alle „Bürger der Achsenmächte“ in Kolumbien. Man zwang sie, von der Küste ins Landesinnere umzuziehen. Später wurden die Verdächtigen in einem Hotel interniert. Ihre bürgerliche Existenz war zerstört.
Das Mahlwerk der „kleinen“ Geschichte
Auf diese Liste geriet man vor allem durch Denunziation. Doch wer denunzierte und mit welcher Absicht? Und welcher Tat musste man sich schuldig gemacht haben, um auf der Liste zu landen? Sympathisierte der Beschuldigte wirklich mit Hitler oder liebte er nur Beethoven und die deutsche Sprache? Wie ein Messer die Butter durchfährt dieses Thema die deutsche Exilgemeinde von Bogotá und beschwört dramatische Szenen herauf, in denen sich Vásquez als glänzender Beobachter und komisch begabter Tragiker erweist. Ein Abendessen im Jahr 1943 wird zum Kulminationspunkt schwelender Auseinandersetzungen, die am Ende eine Familie auseinanderreißen und einen Menschen in den Selbstmord treiben. Es sind Einzelschicksale, weiter nichts. Hier arbeitet das Mahlwerk der „kleinen“ Geschichte, nicht der großen, und wenn uns dergleichen interessieren soll, so muss es schon auf außergewöhnliche Weise erzählt werden.
Juan Gabriel Vásquez, der 1973 in Bogotá geboren wurde und seit langem in Barcelona wohnt, ist dieser außergewöhnliche Erzähler. Zweifellos hat er ein starkes Erbteil von den lateinamerikanischen Fabulierern und ein anderes von den lateinamerikanischen Theoretikern. Oder, um es plakativ zu sagen, seine Geschichte fließt so kräftig dahin wie bei García Márquez und besitzt so einen gewitzten Bauplan wie von Cortázar.
Geselligkeit statt Politik
Ein junger Mann, Gabriel Santoro, hat nach langen Gesprächen mit Sara Guterman, dem Spross emigrierter deutscher Juden, ein Recherchebuch über die Zeit der schwarzen Listen veröffentlicht. Darin ist auch vom Hotel „Nueva Europa“ die Rede, seinerzeit ein Treffpunkt der Deutschen in Bogotá, an welchem die Geselligkeit alles, die Politik nichts gelten soll. Doch gleich nach seinem Erscheinen wird das Buch vom Vater des Verfassers, einem bekannten Juristen und Rhetorikprofessor, gnadenlos verrissen. Der Sohn steht vor einem Rätsel. In den Jahren darauf fügt er in einer hartnäckigen Recherche Stück um Stück einer schlimmen Geschichte zusammen, aus der hervorgeht, dass Gabriel Santoro der Ältere etwas zu verbergen hatte.
Der Roman „Die Informanten“ gibt sich als überarbeitete und fortgeschriebene Fassung eines fiktiven Buches aus. Die immer kleiner werdenden Schachteln, in die Vásquez’ Story zurückweicht, muss man hier nicht aufzählen, doch der schöne Effekt soll benannt sein: Es ist wie die Suche nach einem Gespenst, das den Erzähler in verschiedene Räume, verschiedene Zeiten, verschiedene Bewusstseinswelten lockt.
Liebevoll gezeichnetes Figurentableau
Aufarbeitungsthemen, historische Rekonstruktionen und die Wiedergewinnung der Erinnerung sind in Mode im spanischsprachigen Roman; hier jedoch ist fraglos ein Könner am Werk, der seinen Stoff gefunden hat. Durch melancholische Stadtschilderungen und ein liebevoll gezeichnetes Figurentableau entsteht das Bild einer Welt, an der die Emigranten nur als Gäste teilnahmen, die jederzeit vor die Tür gesetzt werden konnten. Was leichter erklärbar macht, warum ihr Schicksal so lange unter Gleichgültigkeit und Schweigen begraben war. „Schon immer habe ich mich in der Einsamkeit wohl gefühlt“, sagt der eigenartig behutsame Erzähler über sich selbst, „und allein in einer fremden Wohnung zu sein ist eine meiner Leidenschaften, eine Art Perversion, von der man niemandem erzählt. Ich gehöre zu denen, die Badezimmertüren öffnen, um zu sehen, welches Parfüm, welche Schmerztabletten oder Verhütungsmittel andere benutzen, ich öffne Nachttischschubladen, inspiziere, mustere, suche jedoch keine Geheimnisse. Ein Vibrator oder Briefe eines Geliebten sind für mich nicht interessanter als eine alte Brieftasche oder eine Schlafmaske.“
Dies ist die eigentliche Hauptfigur des Buches, ein ratloser, etwas trauriger Sohn, der von seinem leeren Leben als Faktensammler berichtet, weil ihm etwas anderes nicht bleibt. Fast scheint es, er blühe auf bei der Betrachtung der damaligen Ereignisse, als Menschen aus Missgunst denunziert wurden und es unmöglich war, die Wahrheit zu beweisen, weil sich die Wahrheit immer woanders versteckte. Der Romantitel spricht also von verschiedenen „Informanten“ – denen, die uns aufklären, ob wir etwas damit anzufangen wissen oder nicht; denen, die aufs Tonband sprechen, damit die Einzelheiten nicht mit ihnen untergehen; und denen, die uns verraten.
Kleines Zittern der Erde
Schriftsteller wie Mario Vargas Llosa, John Banville und Colm Tóibín haben den 2004 im Original erschienenen Roman euphorisch gelobt, und in Susanne Langes musikalischer Übersetzung versteht auch der deutsche Leser, wieso. Zwar erzählen „Die Informanten“ nur von einem kleinen Zittern der Erde nach einem sehr fernen Beben. Doch sind die großen Themen gerade deshalb mit vollem Gewicht zu spüren: verdrängte Schuld, das ewige Abwägen zwischen Reden und Schweigen sowie die schwierigste Hinterlassenschaft, die zurückbleibenden Söhnen in die Hände fallen kann: der unstillbare Drang, die Wahrheit über den eigenen Vater zu erfahren. Mit Juan Gabriel Vásquez hat die lateinamerikanische Literatur eine neue, ungewöhnliche Stimme gewonnen.