01.12.2011 · Der Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig gehört zu den eindringlichsten Dramen des deutschen Exils: „Jede Freundschaft mit mir ist verderblich."
Von Katharina TeutschBereits im ersten Brief, den Joseph Roth im September 1927 an Stefan Zweig adressiert, fällt das Schuld-Wort. Gleich zweimal: „Ich fühle mich tief und kaum entschuldbar lange Zeit in Ihrer Schuld.“ Die beiden in der Donaumonarchie aufgewachsenen, in der Weimarer Zeit berühmt gewordenen und im Dritten Reich vernichteten Schriftsteller kennen sich bislang nur durch ihre Texte. Zweig hatte sich positiv über Roths großen Essay „Juden auf Wanderschaft“ geäußert. Roth fühlt sich durch die Anerkennung des um dreizehn Jahre Älteren geehrt. Doch er empfindet eben auch - Schuld.
Sie wird ein wiederkehrendes Motiv ihrer bis 1938 währenden Korrespondenz bleiben. In Form von Schulden, die der prasserische Roth nicht nur bei seinem kollegialen Mäzen Stefan Zweig macht. In Form von Vorwürfen, in denen Roth an die Pflichten des Freundes appelliert, ihn schuldig spricht, wenn dieser sich nicht prompt auf seine oftmals verzweifelten Nachrichten meldet und ihn von Schuld entlastet, wenn andere den Freund angreifen oder im Stich lassen wie dessen deutscher Verleger Anton Kippenberg, der die Arisierung des Insel-Verlags nicht verhindern kann oder will, woraufhin Zweig zu Herbert Reichner nach Österreich wechselt.
Roth ist empört. Über „die Insel“, aber auch über den Freund, dem er naive Menschenfreundlichkeit zum Vorwurf macht. „Sie können nicht die Flohgattung unter den Tucholskys zum Verleger haben. Bitte, bitte, das ist unwürdig.“ Wie sich herausstellt, ergeht diese Empfehlung nicht ohne Eigennutz. Roth hatte gehofft, Zweig dem niederländischen Exil-Verlag Allert de Lange zuführen zu können und von dieser Vermittlung selbst zu profitieren. Zweig schlug das Angebot aus, weil er in Österreich nicht als Vaterlandsverräter dastehen wollte. Nachzulesen ist dies alles in den 268 Briefen, die Roths Weggefährte im Exil, Hermann Kesten, 1970 erstmals herausgegeben hatte und die jetzt bei Wallstein in neuer Bearbeitung erscheinen, ergänzt durch einen vorzüglichen Anmerkungsapparat, aus dem die genauen Umstände juristischer Verstrickungen, die Wirkung des Zwangsschriftstellergesetzes auf jüdische Autoren sowie die genauen Hintergründe der familiären Tragödien hervorgehen.
Im Laufe der dreißiger Jahre werden die anfangs üppigen Vorschüsse an Roth zurückgefahren. Diverse Deals mit Auslandsrechten zerschlagen sich. Roth, der seit 1933 hauptsächlich als rastloser Hotelgast in Paris lebt, arbeitet wie ein Besessener, schreibt allein sechzehn Romane und neunzehn Novellen und Erzählungen in weniger als zwanzig Jahren, denn er muss, wie er immer wieder vorrechnet, acht Personen durchbringen.
Seine an Schizophrenie erkrankte Frau, die seit Ende der zwanziger Jahre alle Höllenkreise der damaligen Psychiatrie durchlebte und 1940 Opfer des NS-Euthanasie-Programms wurde. Roths neue Freundin Andrea Manga Bell, für deren Kinder er sich verpflichtet sah, das Schulgeld zu bezahlen. Darüber hinaus noch Hilfskräfte. Immerzu ist das Geld knapp; immer wieder steht der literarische Berserker am Abgrund; immer aufs Neue bettelt er bei Zweig um Gnade, um Geld - und um Vergebung. „Ich teile wahrhaftig nicht ein, sondern aus.“ Jedes Mal wird er erhört. Die tiefe Menschenfreundlichkeit seines Freundes, gegen die Roth so oft polemisiert hatte, kam nicht zuletzt ihm, dem großen Apokalyptiker des Exils, zugute.
Roth weiß nie, was in der nächsten Woche kommt - „Brod oder Tod“. Als Zweig ihm via Hermann Kesten eine kleinere Summe zukommen lässt, schreibt er dem Freund: „Ich schwanke zwischen Hemden und Anzug. Ich denke, ein gutes Leichentuch wäre eine gute Anschaffung.“ Was oft übertrieben, daher auch grotesk und nicht selten komisch klingt, hat bei Roth immer einen bitterernsten und deshalb ernstzunehmenden Hintergrund. Roth war ein Chaot, der seine persönliche Misere, die fast immer mit Geld und Alkohol zusammenhing, oft selbst verschuldete. Doch sosehr er ein Lebemensch war, der Geld, wenn er welches hatte, großzügig an Bedürftige verteilte, so war er auch ein Schmerzensmann, der die Last der sich anbahnenden Jahrhundertkatastrophe auf seinen schmalen Schriftstellerschultern zu tragen hatte.
Als viele Wiener Juden, darunter auch der in allem gemäßigte Freund Zweig, nicht wahrhaben wollten, dass es ein böses Ende auch mit ihnen und ihrem geliebten Österreich nehmen würde, war Roth schon bis zum Selbstmord verzweifelt. „Seien Sie auf der Hut“, schreibt er dem Freund einmal. „Ihre Klugheit ist groß, aber Ihre Menschlichkeit verhindert Sie, Schlechtes zu ,sehen’.“ Dann wieder schreckt Roth vor seiner eigenen Schwarzmalerei zurück und fürchtet seinen schlechten Einfluss auf das humanistische Gemüt des Freundes: „Ich mag die Harmonie nicht stören, die ein Bestandteil Ihrer Güte ist.“
Doch noch mehr als er selbst, da war sich Joseph Roth sicher, schadeten dem Freund die vielen Wasserträger, Bewunderer und Profiteure seines eigenen Erfolges. Roth regte sich über Zweigs notorische Nachsicht mit Arisierungsgewinnlern auf oder über seine Bemühungen, die zerstrittene Exilpresse zur Disziplin zu rufen. Er wollte ihn zur kompromisslosen Kontaktverweigerung ins nationalsozialistische Deutschland überreden. „Der Weltuntergang ist eine Sache und die private Schweinerei eine andere.“ Und die Schweinerei sei eben nicht mit der allgemeinen Verwirrung zu entschuldigen. Hier erweist sich Joseph Roth, der sich sein Leben lang aufrieb an der menschlichen Schwachheit (auch seiner eigenen) und der Niedertracht (die der anderen), als tragischer Moralist. So existentiell und dabei so wortgewaltig haben nur wenige unter Europas Niedergang gelitten. Vielleicht wollte Roth deshalb zur Monarchie zurück, weil eine hierarchische Welt immer noch besser war als eine aus den Fugen geratene. „Wenn Österreich-Ungarn geblieben wäre, wäre ich heute Major in Witkovitz und könnte ohne Vorschuss schreiben.“ Doch, wo Roth in politischen Dingen durchaus verquer dachte, moralisch war er unkorrumpierbar.
Ebenso in Freundschaftsdingen. Er gab alles - auch als Kritiker. „Ihr schöner Reichtum an Assoziationen tyrannisiert Sie manchmal.“ Er forderte alles. „Ich ließe mich in Stücke für Sie hauen, ganz wörtlich; innerhalb einer so ernsten, so tragischen Beziehung, wie es Freundschaft ist, gibt es nur das Bedingungslose.“ Roth war auch hierin absolut. Und Zweig, der in seinen wenigen erhaltenen Antwortschreiben stets auf Vermittlung aus ist, der Roth immer wieder gutgemeinte Ratschläge etwa zur Bekämpfung seiner Alkoholsucht gibt, zieht erstaunlicherweise mit, lässt sich vom Pathos des Freundes anstecken.
Roth, inzwischen vom Alkohol zerfressen, von Hoffnungslosigkeit zermürbt, todessehnsüchtig, macht Zweig Vorwürfe, ihn nicht mehr sehen, ihn nicht mehr verstehen zu wollen, ihm da Verbitterung vorzuwerfen, wo Roth moralisch im Recht ist. Und Zweig beginnt, um die Liebe des Freundes, der immer seltener antwortet, zu betteln: „Sie können gegen mich tun, was Sie wollen, mich privat, mich öffentlich herabsetzen oder befeinden, Sie kommen doch nicht davon los, dass ich eine unglückliche Liebe zu Ihnen habe.“
Zweigs letzte Worte verhallten. Sein empathisches „Erhalten Sie sich! Und bleiben wir beisammen, wir Wenige!“ findet seinen Adressaten nicht. Die Welt wird tatsächlich, wie Roth es 1927 vorausgesehen hatte, vom Teufel regiert. 1940 wandert Stefan Zweig über Umwege nach Brasilien aus und nimmt sich 1942 dort das Leben. Im Gegensatz zu seinem Freund Roth, der 1938 in einem französischen Armenspital im Delirium tremens zugrunde ging, war er - Irmgard Keun bestätigte es - zwar in der Lage zu trauern, aber nicht zu hassen. Vor dem viel zu frühen Verzweiflungstod haben beide Temperamente ihre Besitzer nicht bewahrt. Ihr Briefwechsel ist eines der eindringlichsten Dramen des deutschen Exils. „Es hilft Ihnen nichts, Roth“, schreibt Zweig zuletzt, „Sie können mich nicht abbringen von Joseph Roth.“