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Josef Winkler: Wortschatz der Nacht : Spiel mir das Lied vom Kärntner Tod

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp Verlag

Josef Winklers frühes Werk „Wortschatz der Nacht“ erscheint wie ein Gebet in höchster Not. Mit Sprachritualen werden hier traumatische Erfahrungen in einem katholischen Dorf gebändigt.

          Das einzige Mittel, dem Entsetzen zu entgehen, besteht darin, sich dem Entsetzen zu überlassen“, schrieb Jean Genet, und das kann als Motto über dem Werk Josef Winklers stehen. Die zwanzig Bücher, der er seit 1979 geschrieben hat, handeln alle vom Tod, von Todesangst und Todessehnsucht, Todesarten, Totenkulten und Todesanekdoten, das Entsetzen aber scheint stetig abgenommen zu haben. Es verwandelte sich schrittweise in ein beinahe entspanntes Genügen und Vergnügen am Anblick der Erscheinungen des Todes. Zuletzt zeigte sich schon in den Titeln - „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“ (2008) eine Tendenz zum profanierenden Jux, als wollte Winkler Walter Benjamins wandlungsfähiger Kurtisane nacheifern, die den Tod kitzelt und schon wieder eine andere ist, wenn der sich umdreht, um nach ihr zu schlagen.

          Parallel zu dieser Entwicklung hat Winkler die immanente Kritik an elterlicher und religiöser Macht und Repression nach außen gewandt. Zu aller Überraschung war er es, der die Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis 2009 erstmals zu einem krachenden Angriff auf die Kärntner Politiker umfunktionierte. Dass in Klagenfurt für alles mögliche Geld da war, nur nicht für eine Stadtbibliothek, musste allerdings gerade dem Absolventen der dörflichen Volksschule skandalös erscheinen, denn die Literatur von Weiss und Nizan über Green zu Camus und Genet war für ihn ein Medium des Entrinnens aus der als unerträglich empfundenen Kindheit und Jugend in Kamering. In Salzburg prangerte er 2012 nicht zufällig gerade den Totenkult um den „politischen Bankräuber“ Jörg Haider als „makabres Kasperltheater“ an.

          Schreiben, Gewalt, Leiden und Entkommen

          Winklers neues Buch führt zu den Anfängen seiner sprachrituellen Bewältigung der traumatischen Erfahrungen im katholischen Dorf zurück. Es handelt sich um die überarbeitete Fassung eines Texts, der 1979 unter dem Titel „Das lächelnde Gesicht der Totenmaske der Else Lasker-Schüler“ in der Grazer Avantgarde-Zeitschrift „Manuskripte“ erschienen war. Der neue Titel zeigt eine veränderte Wertigkeit des Textes auch für den Autor an. Die in wenigen Nächten rauschhaft herunter geschriebene Suada erscheint nun als ein Schatz, mit dem Winkler nachhaltig literarisch wuchern konnte. Die Sprache scheint leidenschaftlich hervorgepresst wie ein Gebet in höchster Not, doch ist diese Leidenschaft von vornherein barock stilisiert, äußert sich in einer rastlos sich überstürzender, fieberhaft alle Register ziehenden symbolistischen Verfahrensweise.

          Die für Winklers Werk charakteristische Verbindung von Schreiben, Gewalt, Leiden und Entkommen zeigt sich von vornherein in der Emblematik der elektrischen Schreibmaschine. „Denke ich an meine Kindheit, so klammern sich meine Finger, sofort, wie um Leben zu retten, an den Buchstaben des Kugelkopfs fest.“ So erscheint das Schreiben von vornherein als panisch angestrengte Erinnerungsarbeit, die einen transitorischen Bildersturm hervortreibt, in dem sich die krude Sichtbarkeit der bäuerlichen Lebenswelt in einer Sprache des Leidens mit den Angst einflößenden katholischen Ritualen und Symbolen vermischt. Das Blut der getöteten Tiere, Christi Blut, das Menstruationsblut der Pfarrköchin, das Blut, welches das Kind spuckt, das den Gekreuzigten liebt und hasst zugleich, vermischt sich im Fluss der Sprache mit den Ausscheidungen bedrängender und bedrückender Sexualität und Notdurft, fließt zusammen zum Ritual einer blasphemisch ersehnten Neugeburt, wie sie auch das „Orgien-Mysterien-Theater“ anstrebte.

          Ein Wunder der Literatur

          Die Schlüsselszene von Winklers Schreiben, der Selbstmord zweier Siebzehnjähriger aus seiner Gegend, erscheint im Mittelpunkt einer Welt der Allgegenwart des Todes, der Grausamkeit und des Leidens, einer Hölle auf Erden. Doch spart die katastrophische Erinnerung nicht aus, dass bald schon die Literatur wenn nicht Rettung, so doch Linderung des Leidens versprach. „Ein Wohlgefühl ging augenblicklich durch meinen ganzen Körper, als ich später den Satz des Dichters Paul Nizan las: Niemand denkt hartnäckiger an den Tod als die jungen Leute, auch wenn sie aus Scham nur selten darüber reden.“

          Bei allem grimmigen Ernst, mit dem der junge Winkler den Leser vom Titelbild des Buches anblickt, ist schon in diesem phasenweise trotzig pubertär anmutenden Text das Aufblitzen eines schrägen Humors nicht zu übersehen. Angesichts eines Satzes wie „In seiner Brust lag der blutbeschmierte Grabstein seines Herzens“ scheint in den Augenwinkeln des Jungautors ein feines Lächeln aufzublitzen. In der schamlosen Sprache sollen Angst und Schuld gebannt werden, um der Heiterkeit der Kunst willen, die dem stieren Ernst der bäuerlichen Lebenswelt entgegen gesetzt werden kann. Um aber schreiben zu können, musste oder wollte der Autor in der Vorstellung immer wieder zu der Hölle zurückkehren, von der er sich längst entfernt hatte.

          Noch der Bildungsroman des zum literarischen Weltreisenden gewordenen Kärntner Bauersohns „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär oder Die Wutausbrüche der Engel“ (2011) beginnt mit der kindlichen Angst und den Schuldgefühlen, die von der blasphemischem Beschimpfung des Gekreuzigten zugleich und blutrünstigem Beten unter mütterlicher Anleitung herrührten. Am morgigen Tag des Herrn wird Josef Winkler sechzig Jahre alt. Unter dem Eindruck der Lektüre seines frühen Werks wird das manch einem weniger als ein göttliches Gnadengeschenk, denn als Wunder der Literatur erscheinen.

          Josef Winkler: Wortschatz der Nacht.
          Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 110 S., geb., 15,– €.

          Quelle: F.A.Z.

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