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José Saramago: Kain : Der liebe Gott muss dringend in Therapie

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In typischer Science-Fiction-Manier springt Kain in der biblischen Geschichte vorwärts und zurück durch die Jahrhunderte und liefert dem - sich in der von Saramago gewohnten Manier ständig durch ironisch-ketzerische Kommentare zu Wort meldenden - Erzähler damit den Vorwand, jenseits gewohnter Ordnungsprinzipien eine durchgehende Hauptfigur im Schweinsgalopp durch den Pentateuch und die Prophetenbücher zu scheuchen: als Türhüter und Liebhaber von Lilith, beim Turmbau von Babel, mit Josua in Jericho, mit Lot in Sodom, mit Moses am Fuß des Sinai und mit Aaron beim Goldenen Kalb. Sogar kurz vor der Sintflut schmuggelt Kain sich ungewollt in den Bau von Noahs Arche und muss wohl oder übel mit an Bord genommen werden - um als Fruchtbarkeitsprotz auf Gottes Geheiß die Frauen an Bord zu vernaschen und schließlich seiner Rache an Gott endgültige Gestalt zu geben: indem er eigenhändig die übrig gebliebene Menschheit ausrottet.

Und Gott? Was sagt Gott dazu? Der hat gerade keine Zeit. Er ist „damit beschäftigt, das hydraulische System des Planeten zu überprüfen“ und darüber zu jammern, dass er sich in letzter Zeit „nicht so richtig wie ein Gott, eher wie ein Polier der Arbeiterengel“ fühlt, die wie Obelix oder die Superhelden mit bloßen Fingern riesige Nägel in den Rumpf der Arche versenken. Dass er von Kain zum Sündenbock für das Elend der Welt gemacht wird, empfindet der Herr als ungerecht: „Gott ist unschuldig, alles wäre genau so, wenn es ihn nicht gäbe.“ Vielleicht, so möchte man schließen, müssten Gott und Mensch sich einer gemeinsamen Paartherapie unterziehen. Denn vieles scheint verursacht durch Kommunikationsbarrieren: „Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn.“

Ist der Glaube so viel Elend wert?

Wohin allerdings führt all der blasphemische Spott? Denn auch Gotteslästern ist kein Alleinstellungsmerkmal. In puncto Meisterschaft im bibelschänderischen Witzereißen kann Saramago den Monty Pythons und dem „Leben des Brian“ nicht das Wasser reichen. Kains satirische Dialoge mit dem Herrn und seinen Engeln verblassen gegenüber dem trocken absurden Humor von Ahnes „Zwiegesprächen mit Gott“, seines Zeichens Mieter einer Einraumwohnung am Prenzlauer Berg. Und dass der Siegeszug des Monotheismus und seiner patriarchalischen Ideologie Unheil in die Welt gebracht hat, ist als Gedanke zuvor stringenter hergeleitet worden. Als Provokateur konnte Saramago mit seinem Roman allein auf der katholischen Iberischen Halbinsel einen kleinen Skandal hervorrufen. Hierzulande aber wird er allenfalls den Wählern der Partei Bibeltreuer Christen die Haare zu Berge stehen lassen.

Dennoch besitzt „Kain“ einen Charme, der Saramagos vorausgehenden Büchern abging: lakonische Eleganz. Stetig die Stilregister wechselnd, die Grenzbereiche von Ernst und Humor, von Nüchternheit und Agitation, von Reflexion und Erzählfreude auslotend, erreicht Saramago bei aller Polemik eine fragile Heiterkeit, die sich stets des drohenden Abgrunds bewusst ist. Was hat Hiob davon, wenn ihn der Herr für das entschädigt, was er ihm raubte, indem er ihm das Doppelte zurückerstattet? Kehren dadurch etwa die zehn getöteten Söhne wieder ins Leben zurück? Ist der Glaube so viel Elend wert? Dergleichen bohrende Fragen machen Kain zum Schutzpatron der Skeptiker, und somit auch zum Alter Ego des Autors, der sich stets als skeptischen Pessimisten charakterisiert hat.

„Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen“

Tatsächlich ist Pessimismus in „Kain“ allerorts spürbar. Wie Saramago selbst einmal äußerte, richtet das Buch sich nicht gegen Gott, sondern gegen die Menschheit, die ihn erfunden hat. Ob Christen, Juden oder Muslime: sie alle legten ihrem Glauben dasselbe anthropomorph-patriarchalische Scheusal zugrunde. Wer im Alter von fast neunzig Jahren, im Angesicht des nahenden Todes, dem Bankrott Gottes und seiner Heilsversprechen mit einer ähnlich unverschämten Gelassenheit entgegenblickt, hat zweifellos das epikureische Ideal der Ataraxie erreicht. Aus dieser angstlosen Ruhe heraus setzt Saramago bei den Wurzeln der abendländischen Überlieferung an und versucht, sie spielerisch zu dekonstruieren - um aufzudecken, dass die Seligkeit, die der monotheistische Gott verheißt, eigentlich die Hölle ist. Erst recht die Opfer, die sie kosten soll. „Die Geschichte ist zu Ende, mehr gibt es nicht zu erzählen“: Sarkastisch macht sich Saramago mit diesem Schlusssatz des Romans seinen eigenen Reim auf geschichtsphilosophische Spekulationen. Wenn die Menschheit schon auf Noahs Arche ums Leben kann, gibt es danach auch keine Literatur mehr. Schon gar kein Neues Testament. Zugleich aber ist dieser Satz Saramagos Testament: Es sollte der letzte seines gesamten OEuvres als Romancier bleiben.

José Saramago: „Kain“. Roman. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 176 S., geb., 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.

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