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Jonathan Littell: Notitzen aus Homs : Die Handys sind Museen des Schreckens geworden

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Bild: Verlag

Was kann die Literatur leisten, um Krieg verständlich zu machen? Einiges, wie Jonathan Littells „Notizen aus Homs“ beweisen.

          Anders als in Tunesien, Ägypten, ja selbst in Libyen findet die Arabellion in Syrien seit ihrem Ausbruch im März 2011 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Daran hat auch die Beobachtermission der Vereinten Nationen nur wenig geändert, denn diese Beobachter waren von Beginn an in ihrem Aktionsradius eingeschränkt. Der französische Schriftsteller Jonathan Littell - mit seinem umstrittenen Monumentalroman „Die Wohlgesinnten“ zu einigem Ruhm gekommen - war einer der wenigen, die sich ein knappes Jahr nach Ausbruch des Aufstandes in die Hölle Baschar al Assads gewagt haben.

          Im Auftrag der Tageszeitung „Le Monde“ ließ sich der Autor über den Libanon nach Homs einschleusen, zusammen mit einem Fotografen, der schon zuvor in Assads Reich gewesen war und in Littells Tagebuch unter dem Namen „Raed“ erscheint. Einem zweiten Gewährsmann gibt der Autor den Tarnnamen „Der Zorn“ (arabisch al Ghadab). Littell bewegte sich meistens im Schutz und Schatten der Freien Syrischen Armee (FSA); an Ort und Stelle teilte er Leben, Alltag und Entbehrungen der bewaffneten oppositionellen Aufständischen, aber auch der Zivilisten, die schon in jenen Tagen oft am meisten zu leiden hatten.

          Ein Zentrum des Widerstandes

          Sein Aufenthalt war relativ kurz: vom 16. Januar bis zum 2. Februar 2012. Mehr als eine historische Momentaufnahme in diesem nun schon fast anderthalb Jahre währenden Drama können deshalb Littells „Notizen aus Homs“ nicht sein. Am Ende seiner Aufzeichnungen ist dem Autor bewusst, dass alles, was er in den zwei Wochen erlebt hatte - und dies war schlimm genug -, noch harmlos gewesen war im Vergleich zu dem, was dann folgte: Am 3. Februar, einen Tag nachdem er Homs in Richtung Libanon wieder verlassen hatte, begann die syrische Armee mit systematischen Bombardierungen insbesondere des Viertels Baba Amr; dort blieb kein Haus heil, von den Toten und Verwundeten gar nicht zu reden. Im Nachwort gedenkt Littell jener Begleiter, die bei der Reinschrift und Drucklegung seiner beiden „carnets“ schon nicht mehr am Leben waren.

          Doch warum gerade Homs? Zusammen mit der ebenfalls am Nahr al Asi, dem antiken Fluss Orontes, gelegenen Schwesterstadt Hama ist Homs seit langem ein traditionelles Zentrum des Widerstandes gegen das Assad-Regime. Schon vor dreißig Jahren hatten in jener mittelsyrischen Region, die ziemlich genau zwischen der Hauptstadt Damaskus und dem heute heftig umkämpften Aleppo liegt, die Muslimbrüder einen Aufstand gegen Baschars Vater Hafiz al Assad angezettelt, den dieser brutal niederschlagen ließ. Doch dieses Mal gerät der Chronist in einen wirklichen Volksaufstand: „Das Volk will den Sturz Assads“, zitiert er einen der Protagonisten. Vom Armenviertel Baba Amr aus wird Littell zum Zeugen der verstörenden Ereignisse. Seine Begegnung mit den zivilen Kämpfern (“Aktivisten“), mit Ärzten, welche die Verwundeten und vom Regime Gefolterten und Verstümmelten in improvisierten Krankenstationen, Hospitälern und Unterständen versorgen, mit ehemaligen Armeeangehörigen, die nicht länger auf das Volk schießen wollen und zur FSA desertierten, zeichnet das Bild einer Schreckenskammer, zu der ganz Syrien geworden ist und in diesen Tagen noch viel mehr wird.

          Sympathie für die Aufständischen

          Man fühlt sich bei der Lektüre an das geteilte Beirut der siebziger und achtziger Jahre erinnert: Nur unter Lebensgefahr konnten Littell, der schon aus Kongo, aus Afghanistan, Tschetschenien und Bosnien berichtet hatte, und sein Gefährte Raed andere umkämpfte Stadtviertel wie Khaldije, Bajada oder die Altstadt (“Hier leben viele Christen“) aufsuchen: Die direkt auf die alte Zitadelle führende Straße wurde von der Bevölkerung in Scharia al maut (Straße des Todes) umbenannt. Littell notiert die Verbrechen der Armee und der schabbiha, jener alawitischen ursprünglichen Gangster-Miliz, die für zahlreiche Massaker an Zivilisten verantwortlich gemacht wird, detailliert und anhand einzelner, durch ihn nun exakt dokumentierter Fälle. Vor allem die Scharfschützen des Regimes, die nicht davor zurückschrecken, selbst Kinder und Behinderte zu töten, sorgten dafür, dass die Bewohner „seines“ Viertels bald zu den Eingeschlossenen von Baba Amr wurden. Auch dies erinnert an das Beirut des Bürgerkrieges; gelegentliche Ausbrüche der Oppositionellen forderten blutigen Tribut.

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