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Jonathan Littell: In Stücken : Hinter der Glaswand

Bild: Matthes & Seitz Verlag

Miniaturprosa zwischen Bedrohung und kalkulierter Gleichgültigkeit: Das neue Werk des französischen Autors.

          Nach nur ein paar Seiten Lektüre in dem neuen, sehr schmalen Buch von Jonathan Littell kommt einem dieser Brief in den Sinn, den Franz Kafka im April 1917 von einem gewissen Doktor Siegfried Wolff erhalten hat. Herr Wolff schrieb aus Berlin: „Sie haben mich unglücklich gemacht.“ Er habe die „Verwandlung“ gekauft und seiner Kusine geschenkt. „Die weiß sich die Geschichte aber nicht zu erklären.“ Auch die Mutter der Kusine und eine andere Kusine wüssten keinen Rat und hätten sich deswegen an ihn, Doktor Wolff, mit der Bitte gewandt, er möge ihnen helfen. „Aber ich bin ratlos. Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit dem Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg’ ich nicht.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist nicht so, dass auch wir hier im Schützengraben liegen. Aber die Fragen, die sich die Familie Wolff angesichts einer Erzählung stellte, die sich der raschen Deutung entzog, sind ähnlich grundsätzlicher Art wie jene, die auch das Buch „In Stücken“ von Jonathan Littell aufwirft: Woher stammt der namenlose Ich-Erzähler, der vor einer Horde lärmender Kinder Zuflucht in einem Haus sucht? Wo steht dieses Haus, ist es seines? Wieso verlässt er es in Richtung einer Wohnung, in der er die Nacht mit einer jungen Frau verbringt? Wer ist sie, und wer sind die Freunde, mit denen er auf eine Reise geht? Was ist die Grundlage all dieser Beziehungen, wer sind die Männer mit den dunklen Mänteln und den Sonnenbrillen? Wer kommt überhaupt woher und geht wohin? Und in welchem Bewusstseinszustand befinden wir uns, im Traum oder in der Wirklichkeit?

          Jonathan Littell hat schon einmal ein Buch geschrieben, das dem Leser diese (oder so ähnliche) Fragen aufdrängte. Es trug den Titel „Bericht über nichts“ und zählte nur 50 Seiten, stand somit genauso wie „In Stücken“ in krassem Gegensatz zu dem Mammutwerk „Die Wohlgesinnten“, das 2008 in deutscher Übersetzung erschien und Littell berühmt gemacht hat. Im Vergleich zu diesem riesigen Roman nehmen sich die beiden Büchlein natürlich wie Fingerübungen aus, zumal der Verlag Matthes & Seitz das edel gestaltete neue Buch nur in einer limitierten Auflage von 1000 Exemplaren herausbringt. Und doch zeigt gerade diese Prosaminiatur, dass man der Sache nicht gerecht wird, wenn man sie als Übung abtut. Das liegt vor allem an dem sehr fein gearbeiteten Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Doch dazu später mehr.

          Um dem wohl stellvertretend für viele andere Leser formulierten Wunsch von Siegfried Wolff zu entsprechen - so weit das überhaupt geht -, sei hier zunächst auf ein anderes Werk verwiesen, an das „In Stücken“ erinnert. An einer Stelle heißt es: „Ich betrachtete diese Menschen, die mich umgaben, betrachtete sie aufmerksam, aber sie blieben unerreichbar für mich, wie ein Bild, das man durch eine Glaswand sieht; vergebens presste ich mein Gesicht dagegen, ich kam nicht hindurch, konnte diese unsichtbare Fläche nicht zerbrechen oder, umgekehrt, nicht darin eintauchen wie in ein kaltes Gewässer, und dahinter fügten sich die Dinge - mit sich selbst identisch - zu einer großen stummen Stille ...“. Was der Erzähler hier wahrnimmt, sind jene zwei Seinsweisen, die einst den Ekel von Antoine Roquentin in Jean-Paul Sartres gleichnamigem Roman hervorgerufen haben. Anders als bei Roquentin aber provoziert diese Beobachtung Littells Helden zu gar keiner nennenswerten Reaktion, er verwandelt sie auch nicht in eine metaphysische Erfahrung. Im Gegenteil nimmt er ihr sowohl den Schrecken als auch das erkenntnistheoretische Potential durch die Gleichgültigkeit, mit der er ihr gegenübertritt. Jede Signalwirkung, für was auch immer, wird ihr mangels Interesse von vornherein abgesprochen.

          Nüchternheit und Bedrohung

          Dazu passt wiederum nicht nur, dass die zusammenhanglose Handlung der Erzählung und die fehlende psychologische Zeichnung der Figuren die Frage nach dem Sinn scheinbar ins Leere laufen lassen. Dazu passt auch die Sorgfalt, die Littell, wie schon erwähnt, auf seinen Stil verwandt hat: Sein Erzähler wirft einen nüchternen, aber sehr genauen Blick auf alle Dinge, begegnet ihnen mit fast kindlicher Naivität und vermag seinen Beschreibungen doch genau jenen poetischen Rhythmus zu verleihen, der die immer stärker werdende Bedrohung, die von Seiten des Plots ausgeht, konterkariert. In dieser Ambivalenz liegt der Reiz für den Leser. Es ist ein starker Reiz, geschrieben mit feinster Feder.

          Jonathan Littell: „In Stücken“. Aus dem Französischen von Heiner Kober. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2013. 60 S., geb., 14,90 [Euro].

           

           

          Quelle: F.A.Z.

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