Home
http://www.faz.net/-gr4-6k2sz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jonathan Franzen: Freiheit Der unausrottbare Glaube an das tiefere Glück

 ·  Es ist soweit. Neun Jahre nach den „Korrekturen“ und nach 9/11 legt Jonathan Franzen seinen neuen Roman vor: „Freiheit“. Die Erwartungen sind enorm. Hat das Warten sich gelohnt?

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Als Jonathan Franzen im Mai vergangenen Jahres nach Berlin kam, um in der American Academy das erste Kapitel seines neuen Romanmanuskripts vorzulesen, wirkte der Schriftsteller, der den medialen Rummel um seine Person so sehr verabscheut wie er sein Publikum liebt, ungewohnt entspannt, ja geradezu euphorisch. Jetzt wissen wir, warum. Weil er in seinem Element war: mitten in der Arbeit an einem Roman, der sich richtig anfühlte, der ihn trug. Die „Freiheit“, die schon der Titel des neuen Werks atmet, ist nicht zuletzt die Autonomie eines Autors, der sich von allen Vorbildern und Erwartungen – außer seinen eigenen – spektakulär gelöst hat.

Franzen hat sich immer, auch zu Zeiten, da ihm dies ökonomisch nicht leicht gefallen sein dürfte, Zeit mit seinen Büchern gelassen. In einem Literaturbetrieb, in dem viele Autoren im Zwei-Jahres-Rhythmus Buch um Buch heraushauen, sollte man ihm allein schon für diese Unabhängigkeit dankbar sein. Nach den „Korrekturen“ von 2001, die ihn zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller der Gegenwart machten, legt der Einundfünfzigjährige nun seinen vierten Roman vor, der nicht dadurch besticht, dass sein Autor etwas Neues versuchen würde – sondern gerade dadurch, dass er uns etwas Altes, Vertrautes, Geliebtes zurückbringt: den großen Familienroman. Wie sein legendärer Vorläufer ist „Freiheit“ umfangreich und trägt einen großen, programmatischen Titel. Erneut geht es um eine Familie, die man nicht eben glücklich nennen kann, um das, was Eltern und Kinder verbindet und was sie trennt, um Treue, Krankheit und das Streben nach Erlösung. Aber Amerika hat sich seit den „Korrekturen“ verändert – und indem es diesen großen Veränderungen bis in ihre intimen, kleinen Verzweigungen Rechnung trägt, ist das Buch auch ein gültiges Porträt unserer Zeit.

Wie ein Fotoalbum setzt der Roman ein

Mit „Freiheit“, das am kommenden Mittwoch erscheint, hat Franzen erneut ein Buch geschrieben, das den Leser gänzlich in seinen Bann zieht – und ihn zugleich auf sich selbst zurückwirft. Denn indem Franzen uns von den Berglunds erzählt, von dem Ehepaar Walter und Patty und ihren Kindern Joey und Jessica, von ihren Überzeugungen, Sehnsüchten, Unzulänglichkeiten und Ängsten, indem er uns für die Dauer der Lektüre und noch darüber hinaus zu ihren wahlverwandtschaftlichen oder zwangsadoptierten Familienmitgliedern macht, schildert er nicht nur eine amerikanische Mittelklassefamilie, sondern erzählt uns etwas über uns selbst. „Freiheit“ ist ein hochmoralisches, doch niemals moralisierendes Buch über die Macht der Gewohnheit und die Angst vor Veränderung, und zugleich eine Meditation über die erstaunliche Anpassungsfähigkeit in Beziehungen, Nachbarschaften, Gesellschaften. Der Roman fragt, für welche Werte wir stehen, und beobachtet teilnahmsvoll, wie oft wir dabei einknicken. Und wenn das Aufrappeln besonders schwer fällt, reicht es uns die Hand.

Nach den Lamberts, von denen insbesondere die Eltern Alfred und Enid unvergesslich geblieben sind, nun also die Berglunds. Stärker noch als in den „Korrekturen“ sind es die Mitglieder dieser Familie, die den Roman vorantreiben. Wie ein Fotoalbum setzt der Roman ein mit der perfekt ausgeleuchteten Aufnahme, die die Familie gleichsam im Silberrahmen auf der Kommode zeigt. Hier, scheint Franzen zu sagen, seht ihr Patty, die adrette Blondine und perfekte Hausfrau, „eine freundliche Biene, notorisch abgeneigt, gut von sich selbst oder schlecht von anderen zu sprechen“. Gleich daneben erblicken wir den großherzigen, freundlichen Walter, Angestellter bei 3M, Fahrradfahrer und „grüner als Greenpeace“. Dazwischen die beiden reizenden Kinder Joey und Jessica, und im Hintergrund die renovierte viktorianische Villa und der Familien-Volvo. Man schreibt die achtziger Jahre, und nicht nur unter „hyperschuldbewussten Liberalen“ wie den Berglunds in St. Pauls, Minnesota, ist es die Zeit und das Milieu brennender Fragen wie: „Waren die Pfadfinder politisch akzeptabel? War es möglich, beispiellos selbstbewusste, glückliche, hochintelligente Kinder großzuziehen, wenn man ganztägig arbeitete? Durfte man Bohnen für den Morgenkaffee schon am Abend vorher mahlen, oder musste das unmittelbar vor dem Frühstück geschehen?“

Hochglanz-Gesamteindruck

Diese Ouvertüre, in der Franzen Walter und Patty, ihre Nachbarn und engsten Freunde auf dem Gipfel ihres familiären Urgefühls vorstellt und zugleich jene neuralgischen Punkte, die noch Schmerzen und Sorgen bereiten werden, bereits anklingen lässt, ist großartig – wie großartig, lässt sich allerdings erst viel später ermessen, wenn man das Familienalbum ganz angeschaut hat. Denn von nun an, nach dem Hochglanz-Gesamteindruck, zoomt der Erzähler die einzelnen Familienmitglieder heran.

Wir sehen Pattys unglückliche Ostküsten-Kindheit als älteste Tochter einer „Berufsdemokratin“ mit jüdischen Wurzeln und eines hilfsbereiten, doch in Gefühlsdingen überforderten Anwalts; ihre Schulzeit als glänzende Basketballspielerin; am College hin- und hergerissen zwischen dem tüchtigen, biederen Walter und dessen coolem Zimmergenossen und bestem Freund, dem Musiker Richard Katz; nach der Hochzeit mit dem von ihrer auf Status und Ansehen bedachten Familie unausgesprochen als zweitklassig empfundenen Walter; beim Aufstechen der Winterreifen ihrer Nachbarn; beim Sex mit Richard Katz.

Daneben die Eindrücke von Walter, der sich das Jurastudium durch Arbeit auf dem Bau selbst finanziert und sich um seine kranke Mutter kümmert; der schon an der Universität Symposien zum Thema Überbevölkerung organisiert; Walter durch die Jahre mit seinem Freund Richard Katz; in Washington, wo er nach dem Umzug der Familie eine von der Ölwirtschaft finanzierte Umweltstiftung leitet, die zum Schutz einer bedrohten Vogelart Geschäfte mit Kohleunternehmen macht, deren Naturschutzaspekte indes nur Walter heilig sind.

Verlockung aus dem Reiz des Verbotenen

Und dann ist da Joey, wie er seine ersten sexuellen Erfahrungen mit dem Nachbarmädchen Connie macht; im dauernden Streit mit seinem Vater; wie er den Hörer beim Telefonat mit seiner unglücklichen Mutter aufknallt. Joey, wie er zuhause aus- und bei den Nachbarn einzieht; auf dem College mit seinem Kumpel Jonathan; immer wieder bei geheim gehaltenen Treffen mit Connie; im Taxi, als Connie ihm ihren aufgeschnittenen Arm zeigt; beim Einlösen eines Schecks über 50 000 Dollar; als Mittelsmann für einen Militärzulieferer für die amerikanischenTruppen im Irak; beim versehentlichen Verschlucken eines Eherings und zwei Tage später im Flieger nach Argentinien mit Jonathans bildhübscher Schwester.

Und dazwischen ein Manuskriptstapel mit der Aufschrift: „Es wurden Fehler gemacht – Patty Berglunds Autobiographie (verfasst auf Vorschlag ihres Therapeuten)“. Dies ist eine von Franzens besonders ausgeklügelten Ideen. Er lässt Patty in ihrer ganzen scharfsinnigen Selbstironie die Entwicklungen, die zu dem einen Ereignis führen, das sie in eine Depression stürzen und viel später noch ganz anderen Schaden anrichten wird, selbst erzählen – in der dritten Person. Zunächst scheint es nicht sehr glaubwürdig, dass eine ehemalige Athletin so gut schreiben kann wie Jonathan Franzen – aber wenn man sich Pattys Stimme überlässt (und irgendwann hat man gar keine andere Wahl, als das zu tun), erweisen sich die beiden langen Kapitel, in denen sie unerbittlich mit sich selbst ins Gericht geht, als die zentralen des Romans. Was Patty erzählt, sind zwei Liebesgeschichten; eine, die ihre Verlockung aus dem Reiz des Verbotenen und Unpassenden zieht, und eine, die aus der späten Erkenntnis erwächst, dass man den einen, wahren Gefährten nicht unbedingt mit dem Unterleib erkennt. Wie diese beiden Liebesgeschichte sich mit einer dritten und vierten kreuzen, soll hier nicht verraten werden.

Gleichberechtigtes Paralleluniversum

„Freiheit“ erzielt mit den jahrhundertelang erprobten Mitteln der Literatur – Tolstois „Krieg und Frieden“ wird mehrfach erwähnt – jene Wirkung, die heute vor allem Fernsehserien zugeschrieben wird, mit denen die Romane dadurch zunehmend in eine ungleiche Konkurrenz gezwungen werden. Dieses Werk würde ein solches Kräftemessen mit Leichtigkeit bestehen – weil es nicht zu Eskapismus, sondern zur Versenkung einlädt. Wer Leser dieses Buches in ihrer Lektüre stört, sollte sich auf unwirsche Reaktionen gefasst machen, und im Hause des Schriftstellers Ian McEwan soll es dem Vernehmen nach bereits Streit darum gegeben haben, wer das Vorabexemplar von „Freedom“ zuerst lesen durfte. Was die Zeit angeht, die man mit diesem Buch gerne verbringen wird, hält es ohnehin mit den meisten DVD-Serien mit.

Aber weil Literatur nach wie vor viel mehr Dinge zugleich vermag als das Fernsehen, das auf Darsteller statt Imagination angewiesen ist, lässt sich der Roman auf einer seiner vielen Ebenen auch als Reflexion darüber lesen, was die richtige – oder auch falsche, je nachdem – Lektüre zu gegebener Zeit anrichten kann. So bemerkt Patty, die in Büchern ein gleichberechtigtes Paralleluniversum entdeckt, an einer heiklen Stelle ihres Rückblicks in typisch lakonischer Manier: „Die Autobiographin wüsste gern, ob die Dinge sich anders entwickelt hätten, wenn sie nicht ausgerechnet an die Stelle gekommen wäre, wo sich Natascha Rostowa, die offenbar für den trotteligen und braven Pierre bestimmt war, in dessen großartigen, lässigen Freund Fürst Andrej verliebt. Darauf war Patty nicht gefasst gewesen. Pierres Niederlage entfaltet sich für sie beim Lesen wie eine Katastrophe in Zeitlupe.“ Umgekehrt könnte „Freiheit“ manchem, der an seiner Beziehung zweifelt, vor Augen führen, dass in der Dauer zwar die größere Anstrengung, letztendlich aber auch das tiefere Glück liegt als in der Abwechslung. Nicht nur in Beziehungen erweist sich der ständige Optimierungswahn als Fluch.

Politisches, ethisches Leitmotiv

Denn das Private ist bei Franzen, dem überzeugten Umweltschützer und Demokraten, immer politisch, und so zeichnet er in „Freiheit“ auch eine Chronik des ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends, in dem Amerika der Welt zeigen wollte, wo es lang geht. Nach den Anschlägen vom 11. September hat die Freiheit ihren verfassungsgemäß angestammten Platz vor dem Streben nach Glück zurückerobert – ein kleiner, doch wahrscheinlich nicht langlebiger Triumph der Gemeinschaft über das Individuum. „Die Leute sind entweder wegen des Geldes oder der Freiheit in dieses Land gekommen. Hat man kein Geld, klammert man sich desto grimmiger an seine Freiheiten“, doziert Walter einmal. „Man mag arm sein, aber das, was einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene Leben zu versauen, wie man will.“

Unangestrengt hat Jonathan Franzen sein politisches, ethisches Leitmotiv in die reiche Textur seines Romans gewoben, der die willkommene kleinen Freiheit der offenen Straße ebenso beschwört wie die Qual, sich für eine Partei, einen Beruf oder einen Menschen zu entscheiden. Für Joey bedeutet Freiheit, sich nicht festzulegen zu müssen, politisch, beruflich, sexuell. Für Patty hingegen ist die Freiheit, ihr Zuhause immer wieder für einige Zeit hinter sich zu lassen, eine Notwendigkeit, die sie zugleich krank macht.

War in den „Korrekturen“ Alfred der Kompass, an dessen Schicksal sich der Roman ausrichtete, bilden diesmal die Frauen den Maßstab für die Ambitionen, Sehnsüchte und Mittel der Männer. Aber anders als Patty, die ein halbes Leben braucht, um zu erkennen, was sie will, sind Lalitha, diese indische Lolita, und Connie vollkommen fixiert auf Walter und Joey und bedingungslos loyal in ihrer Liebe. Die weibliche Bereitschaft, sich den Wünschen und Erwartungen des Mannes zu fügen, mag man, je nach Temperament und Geschlecht, rührend, anziehend oder unwahrscheinlich finden; die auffällig breite Darstellung passt auf jeden Fall zu der Beobachtung, dass diese uneingeschränkte Bereitschaft in Pattys Generation dünner gesät ist als der nachfolgenden.

Franzen schreibt ohne Umschweife

Die einzige Figur, die der Autor vernachlässigt, ist Jessica, die gute, liebevolle Tochter, die ihren Eltern nie Kummer macht – und dafür im Gegenzug, wie unproblematische Kinder zumeist, wenig beachtet wird. Dass sie sich am Ende ins Literaturverlagswesen („eine an Boden verlierende, gefährdete und kaum profitable Branche“) geht, darf man vielleicht als Franzens Wiedergutmachung dafür verstehen, dass sie das unkomplizierteste und insofern literarisch unergiebigste Familienmitglied ist.

Schließlich reüssiert Franzen auch noch in der einen Abteilung, die die meisten Autoren ausgerechnet im Land von Saul Bellow, John Updike oder dem frühen Philip Roth zu unheimlich, unappetitlich oder unhygienisch geworden zu sein scheint: Sex. Franzen schreibt ohne Umschweife, Prüderie und Peinlichkeit so über Sex, wie er seit eh und je stattfindet, von pflichtschuldig bis leidenschaftlich, verschämt bis lautstark. Und nebenbei wird deutlich, dass die sexuelle Befreiung, wie alle Freiheit, zu immer höherem Erwartungsdruck führt.

„Freiheit“ ist die Fortführung der „Korrekturen“ mit souveräneren Mitteln. Jonathan Franzen schreibt lässiger, leichter, weniger offensichtlich auf Wirkung bedacht. Die Wirklichkeit, die er schildert, ist im vergangenen Jahrzehnt noch komplexer geworden. Franzen versucht gar nicht erst, die Bruchstücke unserer disparaten Gesellschaft wieder zusammenzuzwingen, aber er präsentiert uns ihre Splitter überzeugender denn je.

Jonathan Franzen: „Freiheit“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarkanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 730 S., geb., 24,96 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

Jüngste Beiträge