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John le Carrés Autobiographie : Er weiß, wie man seine Spuren verwischt

Begnadeter Erzähler, diesmal in eigener Sache: John le Carré. Bild: AP

Gerade erst ist eine Biographie über ihn erschienen, da zieht John le Carré seine Memoiren hervor. Muss der Meisterspion etwas zurechtrücken? Er will auf jeden Fall die besten Pointen selbst setzen. Und das tut er auch.

          Mehr oder weniger gleichzeitig mit dem Erscheinen der umfangreichen Biographie John le Carrés im vergangenen Jahr kam die Ankündigung, dass der bald 85 Jahre alte britische Spionageautor einen eigenen Erinnerungsband veröffentlichen werde. Die Biographie von Adam Sisman war zwar nicht autorisiert, le Carré hatte dem Verfasser jedoch Zugang zu seinem persönlichen Archiv gegeben und sich geschätzte fünfzig Stunden lang von ihm vernehmen lassen. Le Carré war allerdings nicht wohl bei der Sache. Umso verwunderlicher, dass sich dieser das Rampenlicht tunlichst scheuende Schriftsteller dem Offenbarungsprozess unterzogen hat.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Derart dicht auf Sismans Lebensdarstellung folgend, weckte die Meldung von den bevorstehenden Memoiren denn auch den Verdacht, le Carré wolle das Bild zurechtrücken. Für kleinliche Berichtigungen ist er jedoch viel zu souverän, selbst wenn er Sisman nicht das letzte Wort lassen will. In der Einleitung zum vorliegenden Band erwähnt er „eine vor kurzem veröffentlichte Biographie über mich“, die sich „ein, zwei der Geschichten“ widme, „die auch in diesem Buch vorkommen“. Es sei ihm, „ehrlich gesagt, ein Vergnügen, sie selbst zu erzählen und sie, so gut ich kann, mit meinen eigenen Empfindungen auszustatten“.

          Vergnügen auf jeder Seite

          Dieses Vergnügen vermittelt sich auf jeder Seite von „Der Taubentunnel“. Le Carré ist er ein begnadeter Erzähler mit ausgeprägtem Sinn für Komik und minutiöser Beobachtungsgabe. Allerdings muten die „Geschichten aus meinem Leben“ - so der Untertitel - eher wie eine Sammlung von pointierten Kurzgeschichten an als wie ein durchkomponiertes autobiographisches Werk, mehr Belletristik als Sachbuch. Der Text setze sich zusammen aus eigenständigen Episoden, die sich selbst genug seien, schreibt le Carré. Er erzähle sie „wegen der Bedeutung, die sie für mich gewonnen haben, weil sie mich erschrecken oder ängstigen, mich anrühren oder mitten in der Nacht wecken und zum Lachen bringen“.

          Zu den aus dem Zettelkasten der Erinnerung gegriffenen Stücken, von denen viele bereits anderswo zu lesen waren, gehören Betrachtungen über die Spionage, Reportagen von Rechercheabenteuern des Autors auf der Suche nach Figuren, Erlebnisse im Zusammenhang mit Filmprojekten sowie geschliffene kleine Skizzen, darunter die Szene, wie Joseph Brodsky im Beisein des Autors erfuhr, dass er den Nobelpreis erhalten hatte. Hier und da liefert le Carré Einblicke in seine literarische Verarbeitung von Stoffen aus der Wirklichkeit. Von besonderem Interesse sind aus deutscher Sicht die in den Roman „Eine kleine Stadt in Deutschland“ eingeflossenen Beobachtungen eines Anfang der sechziger Jahre als Diplomat getarnten Agenten des Auslandsgeheimdienstes MI6 über die doppelbödige Vergangenheitsbewältigung, die dieser unverhohlen angeekelt mit einem Adenauer-Zitat auf den Punkt bringt: „Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.“ Bei le Carré brodelt die Wut oft knapp unter der Oberfläche, etwa wenn er über den ehemaligen Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz schreibt.

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