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John Irvings neuer Roman : Heilige Jungfrau mit zornigem Blick

Stattet seinen Titelhelden Juan Diego mit Versatzstücken der eigenen Biographie aus: John Irving. Bild: dpa

Erzählen im Angesicht des Todes: John Irvings „Straße der Wunder“ ist ein Roman, über den man sich zunächst ärgert und später doch Abbitte leistet.

          Die dunkle Seite der Jungfrau Maria offenbart sich den Kindern Lupe und Juan Diego, als ihre Mutter die überlebensgroße Madonnenstatue in der Jesuitenkirche von Oaxaca reinigen will. Dazu steigt Esperanza auf eine Leiter, streckt den Arm mit dem Staubwedel aus, verliert den Halt und stirbt – nicht an dem Sturz, wie der Arzt Vargas später bei der Obduktion feststellt, sondern weil ihr Herz vor lauter Todesangst aufgehört hat zu schlagen. Den Grund für diese Panik haben auch die Kinder beobachtet: Als die freizügig gekleidete Prostituierte Esperanza der Jungfrau ihr üppiges Dekolleté ins Gesichtsfeld hielt, funkelten die Augen der Statue urplötzlich zornig auf.

          Ein tödliches Marienwunder? Tatsächlich schildert John Irving in seinem neuen Roman, der 2015 im amerikanischen Original und dieser Tage auf Deutsch erschienen ist, eine Gesellschaft, in der die Sehnsucht nach Wundern ebenso verbreitet ist wie die Enttäuschung darüber, wenn sie ausbleiben, in der Geisterseherei und radikaler Skeptizismus kein Widerspruch sind – so mag etwa der Arzt Vargas nichts von irgendwelchen religiösen Wundern hören und nimmt zugleich mit größter Gelassenheit hin, dass im Haus seiner verstorbenen Eltern regelmäßig unsichtbare Hände die dort ausgestellten Waffen der Konquistadoren zum Scheppern bringen, weiß er doch von dem hellseherisch begabten Mädchen Lupe, dass es ihm die Toten nicht nachtragen, dass er damals als Einziger das Flugzeug verpasst hatte, in dem der Rest seiner Familie verunglückte.

          Lebhafte Träume aus einer vergangenen Zeit

          „Straße der Wunder“, heißt Irvings Roman, der Titel weist auf die Calzada de los Misterios in Mexico City, in der eine Episode des Romans angesiedelt ist. Die Passage ist Teil jenes Handlungsstrangs, der rund ums Jahr 1970 und zumeist in der zentralmexikanischen Stadt Oaxaca spielt. Juan Diego ist vierzehn, Lupe dreizehn Jahre alt. Die Kinder leben auf dem Gelände der großen Müllkippe, wo ständig Feuer schwelen, um Abfall oder auch mal die toten Hunde der Deponie zu verbrennen – oder aussortierte Bücher aus dem Bestand der Jesuiten. Juan Diego zieht sie aus den Flammen und bringt sich mit ihnen Lesen bei, der Jesuitenpater Pepe wird auf ihn aufmerksam und fördert ihn, und als der Junge wenig später ganz allein dasteht, nimmt ihn der wundersüchtige ehemalige Priester Edward, der sich in die Transvestitin Flor verliebt hat, mit zurück nach Amerika, wo er und Flor ihm Eltern sind und Juan Diego Schriftsteller wird.

          Das ist der eine Strang des Romans, die Erinnerung, in die der erwachsene Juan Diego fortwährend zurückkehrt. Der andere schildert eine Reise, die der Erfolgsschriftsteller zur Jahreswende 2010 auf 2011 unternimmt. Die Stränge sind kunstvoll miteinander verwoben, die Übergänge sind fließend, denn der Vierundfünzigjährige ist herzkrank und nimmt Medikamente, die ihn immer wieder wegdämmern lassen, so dass sich lebhafte Träume aus jener längst vergangenen Zeit einstellen. Oder eine zufällige Begegnung auf der Reise von New York über Hongkong und mehrere philippinische Inseln ruft eine übermächtige Erinnerung in ihm wach, die dann seine komplette Aufmerksamkeit beansprucht. Juan Diego jedenfalls kommt der Welt abhanden, Todesahnungen stellen sich in Gestalt zweier Reisegefährtinnen von unklarem Realitätsgehalt ein, die zunehmend die Kontrolle über ihn übernehmen, und er lässt es sich so gern gefallen, dass das Ende des Romans keine große Überraschung ist.

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