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Mittwoch, 19. Juni 2013
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John Cheever: Der Schwimmer Wo Hitchcock und Highsmith auf der Lauer liegen

 ·  Carver? Hemingway? Cheever! Der große amerikanische Autor ist in Deutschland noch immer zu entdecken. Jetzt sind seine gesammelten Geschichten erschienen - und es gibt keine Entschuldigung mehr, Cheever nicht endlich zu lesen.

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Es gibt Carver. Es gibt Hemingway. Und es gibt John Cheever. Dass dessen Erzählungen in Deutschland noch immer nicht den verdienten Ruhm genießen, ist schwer zu verstehen; dem Versuch des DuMont-Verlags, sie unter die Leser zu bringen, kann man nur Erfolg wünschen.

Nach den beiden „Wapshot“-Romanen liegt nun in der exzellenten Neuübersetzung von Thomas Gunkel endlich der Band vor, der Cheevers eigentliches Hauptwerk umfasst, nämlich dessen eigene und definitive Auswahl seiner Short Stories. Sie „klassisch“ zu nennen wäre eine feierliche Banalität, immerhin gehören sie zum Kernbestand dieses amerikanischen Genres in seiner Blütezeit, von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis eben zu Cheevers letzter Auswahl, erschienen vier Jahre vor seinem Tod 1982. Siebenundzwanzig Geschichten enthält dieser stattliche Band; die erste stammt von 1946, die letzte von 1978. Viele davon erschienen zuerst im „New Yorker“, und fast alle besitzen sie genau die Mischung von urbaner Eleganz, Ironie und pointierter Erzählweise, die man folglich erwarten darf.

Nuanciertes Schwarzweiß

Es sind lauter Short Cuts aus dem Leben der Vorstädte jener weißen Mittelschicht der vierziger, fünfziger und frühen sechziger Jahre, die sich in unserer Erinnerung unfehlbar mit Kinobildern verbinden: Kurzfilme in einem Schwarzweiß, das unendliche Nuancierungen erlaubt. Irgendwo zwischen Manhattan und Philadelphia, Long Island und Nantucket liegen diese Schauplätze, „in einem jungen, blühenden Land“. Kulturhistoriker könnten aus diesen Stories ziemlich vollständig die Lebenswelt einer sozialen Schicht und einer sehr genau umrissenen Epoche rekonstruieren. Und doch kann einem gegenwärtigen Leser diese gebildete Ostküsten-Mittelklasse gespenstisch bekannt vorkommen. Über einen dieser Alltagshelden bemerkt der Erzähler: „Wie wir alle zog er sich an.“ Es ist beunruhigend, wie wenig historische Patina dieses „Wir“ angesetzt hat. Die suburb, in der die meisten Geschichten sich zutragen, heißt „Shady Hill“, und der Name verheißt nichts Gutes. Man liest sie wie Berichte aus dem Alltag, und hinter jeder Wegbiegung lauern Hitchcock und Highsmith.

Cheever ist genau das, was man in seiner Glanzzeit einen „männlichen“ Erzähler genannt und mit einem Leitbild des Amerikanischen beinahe schon gleichgesetzt hätte: Mit knappen, entschiedenen Strichen entwirft er Charaktere und Situationen; was er zu sagen hat, entwickelt sich aus der Handlung und nicht aus rhetorischen Finessen oder theoretischer Reflexion. Und so energisch sein Duktus, so entschieden männlich sind auch seine Helden, weniger ihre scheinbar so festen Lebensanschauungen und Wertvorstellungen als vielmehr die Energie, mit der sie diese Festigkeit vor anderen und vor sich selbst behaupten. Denn bei näherem Hinsehen bleibt in diesem Gefüge kein Stein auf dem anderen; die feste Burg erweist sich als Schutzwall, der den Blick in die Wahrheit der eigenen Existenz versperren soll.

Moralische Grundfesten? Verschwunden!

Worte wie Existenz und Verlorenheit allerdings würden diesen existentialistischen Helden nie in den Sinn, geschweige denn über die Lippen kommen; ebendies gehört zu ihren Existenzbedingungen. Vorübergehend nur, und darum umso beängstigender, kommt ihnen die Frage in den Sinn, „wie rätselhaft die Welt einem Menschen erscheinen muss, der von einem Schiff stürzt“. Diese Geschichten erzählen vom lautlosen Verschwinden dessen, was einer der Erzähler „die moralischen Grundfesten“ nennt, von der Auflösung eines Wesens, das sich daran gewöhnt hat, zu sich selbst „Ich“ zu sagen – und davon, dass das Leben weitergeht. Aber dieser banale Satz ist nicht nur ihr optimistisches Glaubensbekenntnis, sondern erweist sich zugleich als schauerlichster Ausdruck ihrer Strafe.

Hier werden nachts die Nachbarn zu Gespenstern, zu Einbrechern bei ihren besten Freunden oder Kollegen, und niemandem ist mehr zu trauen, am wenigsten den so männlich-verlässlichen Erzählern selbst. Ohne Umwege wenden sie sich an die Leser, stellen sich mit Namen und Herkunft vor, vertrauenerweckend und resolut, und dann sagen sie so sonderbare Sätze wie: „Ich bin im Moment sozusagen nackt und rede im Dunkeln vor mich hin.“ Gerade weil die Geschlechterrollen hier außer Frage zu stehen scheinen, wird die Begegnung mit den homosexuellen Mietern im vierten Stock zur Katastrophe für den glücklich verheirateten Fahrstuhlführer, dem sich das vertraute Apartmenthaus nun grässlich zum „Turm zu Babel“ verzerrt: „Sie hatten ihr Recht auf Gnade eingebüßt.“

Unverwüstlich gut gelaunt

Unerschüttert sind die vom erzählenden Sohn vertretenen family values der Pommeroys, auch wenn der Vater beim Segeln ertrunken und die Mutter seither dem Alkohol bedenklich zugetan ist, auch wenn der Bruder die Familientreffen jedes Mal durch Mäkelei und schlechte Laune verdirbt. Unerschüttert sind sie noch immer, wenn der Erzähler selbst, aus nur zu begreiflicher Wut, diesen Bruder („Ach, was soll man mit einem solchen Menschen anfangen?“) am Strand zu erschlagen versucht und ihn dann doch nur verletzt: ein Kain, der den Abel bloß nicht richtig erwischt hat. Unverwüstlich gut gelaunt blickt nach dieser Szene der Beinahe-Mörder, der uns lesend längst zu Komplizen gemacht hat, wieder auf Ehefrau und Schwester, deren mythischer Glanz das düstere biblische Drama beinahe vergessen macht: Vom Bad im Meer kehren Helen und Diana an den Strand zurück, „unbefangen, schön und voller Anmut“, Schaumgeborene eines amerikanischen Traums und Grund genug, trotz allem positiv zu denken, das wäre ja gelacht. Es gehört zu Cheevers Meisterschaft, wie beiläufig, fast achselzuckend er solche zynischen Wendungen mitteilt, wie unaufdringlich er die mythischen Muster durch die überscharf gesehenen Alltagsanblicke schimmern lässt. Zur Virtuosität dieses Buches gehört das Geschick, mit dem es sie verbirgt.

Mit beträchtlicher Lässigkeit kann Cheever seine Gesellschaftsbilder in die Grenzzonen des Phantastischen hinüberspielen, wenn beispielsweise das neue Radio seine technische Leistungsfähigkeit ausgerechnet darin erweist, dass es ungewollt zum Abhörgerät für den ganzen Wohnblock wird: Anstelle der erwünschten glamourösen Abendunterhaltung spielt es dem entsetzten Ehepaar die verborgenen Alltagsdramen der eigenen Nachbarschaft vor. Wie eine wider Willen allwissende Erzählerin berichtet die Ehefrau ihrem Mann nun von Tragödien, deren Elend ihr den Schlaf raubt. Wer will, kann das auch als allegorische Selbstreflexion der Geschichten lesen.

Zwischen Wirklichkeit und Wahn

Am unheimlichsten vollzieht sich der Übergang zwischen Wirklichkeit und Wahn in der brillanten Titelgeschichte. Sie erzählt von einem gutgelaunten Einfall an einem sonnigen Sommertag. Während einer nachmittäglichen kleinen Gartenparty bei Freunden fällt dem trainierten Schwimmer – denn auch physisch sind diese Ehemänner und Familienväter natürlich in Topform – plötzlich auf, dass die Swimmingpools der benachbarten und befreundeten Familien eine fast ununterbrochene Wasserstraße bis zurück zum eigenen Bungalow bilden. Wäre es also nicht amüsant, wenn er die paar Meilen gewissermaßen schwimmend zurücklegte, von Pool zu Pool und bis nach Hause? Gesagt, getan, und in der Stationenfolge, die sich so wie von selbst ergibt, schwinden ihm nicht nur nach und nach die Kräfte, sondern entgleiten ihm auch der Tag, die Umgebung, der eigene Körper. Nicht bloß physisch verliert der Schwimmer den festen Boden unter den Füßen, und irgendwann kann er selbst nicht mehr übersehen, was uns beim Lesen längst schaudernd klar geworden ist: dass da gar kein Zuhause mehr ist, dass der strahlende Sportler ein verfallender Trinker und die Schwimmstrecke ein gespenstischer Regressionsweg ist, an dessen Ende die Geschichte sich selbst aufhebt, weil es womöglich gar keine Party gegeben hat und keinen Pool, und ein Sommertag ist es auch nicht gewesen. Aber wann genau hat der Wahn angefangen, wie weit trägt hier überhaupt der Boden dessen, was so aussieht wie die wirkliche Welt?

Die wahre Qualität eines Geschichtenerzählers lässt sich nicht nur an seinen Meisterstücken ermessen, sondern auch an seinen Nebenwerken. Wenn Cheever nichts Rechtes mehr einfällt, dann plaudert er zehn Druckseiten lang über das, „was in meinen Büchern alles nicht vorkommt“. Da zeigt sich, was ein Meister ist – nicht weil dieser Text am Ende doch eine brillante Story abgäbe, die kann und soll es gar nicht werden, sondern weil er einfach nicht anders kann, als mit jeder Skizze, jedem Aperçu seine charakteristische Handschrift zu zeigen. Als Nachwort ist der Auswahl ein Essay beigegeben, in dem T. C. Boyle die Kurzgeschichten Cheevers würdigt. „You must read this“, lautet seine Überschrift. Kürzer kann man es nicht sagen.

John Cheever: „Der Schwimmer“. Stories. Mit einem Nachwort von T. C. Boyle. Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel. DuMont Verlag, Köln 2009. 350 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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