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John Berger: A und X : Ein Gespräch gegen die Abwertung der Welt

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Worte sind stärker als Trennungsschmerz: Der englische Schriftsteller John Berger erzählt in „A und X“ eine Liebesgeschichte - und verrät sein Vademecum gegen die Verwundungen der Moderne.

          In „Meanwhile“, seinem kurzen, 2008 in einem kleinen englischen Verlag erschienenen Essay, macht sich John Berger Gedanken über unsere Zeit. Berger, der im kommenden November 85 Jahre alt wird, ist einer der bedeutendsten europäischen Schriftsteller seiner Generation, doch weil er in seinen Büchern die Stille bewahrt, der seine Stimme entspringt, weil die Konzentration und Klarheit seines Ausdrucks eher dem ruhigen Spiel eines Samurai im No-Theater gleichen als dem Zotenschlag der Talkshowkönige, finden sie im hysterisierten Abgesang unserer medialen Gegenwart nicht immer die verdiente Aufmerksamkeit.

          „Meanwhile“ ist noch nicht übersetzt. „I'm looking for nothing more than a figurative image to serve as a landmark“: ein Gemälde von Bosch, das Berger in einem anderen Essay der Zerrissenheit des modernen Weltbildes gegenüberstellt? Ein Beatmungsgerät, das der Ära, die wir durchleben, den Geist der Freiheit einhauchen könnte? „Das Wahrzeichen, das ich gefunden habe“, so Berger in „Meanwhile“, „ist das eines Gefängnisses. Nichts weniger. Überall auf der Erde leben wir in einem Gefängnis.“ In „A und X“, seinem vorzüglichen, im englischen Original ebenfalls 2008 erschienenen Roman, der jetzt auf Deutsch vorliegt, schenkt Berger diesem eindringlichen Bild eine Geschichte - so still, so unaufgeregt, als hätte der Autor an der Kraft, mit der ein fallender Wassertropfen die Stille erfüllt, keinen Zweifel.

          Weder Geliebte noch Liebende

          A und X, A'ida und Xavier, die Apothekerin und der Mechaniker, der in Suse, der fiktiven Stadt eines fiktiven, der Tyrannei eines fiktiven Regimes unterworfenen Staates im Gefängnis sitzt: Xavier ist unter dem Vorwand, „eine terroristische Vereinigung“ gegründet zu haben, zu „zweifach ,lebenslänglich'“ verurteilt worden. In den Briefen, die A'ida ihm ins Gefängnis schickt, in den Beobachtungen und Kommentaren, die Xavier auf den Rückseiten ihrer Briefe notiert, erzählt John Berger die Geschichte einer Liebe, die sich der Trennung widersetzt und durch die Mauern des alten Gefängnisses, dessen letzter Häftling Xavier schließlich sein wird, fortbesteht.

          „Die Liebe zielt darauf ab, jegliche Entfernung zu überbrücken“, so Berger in seinem 1984 erschienenen Buch „Und unsere Gesichter, mein Herz, vergänglich wie Fotos“, in dem er dem in „A und X“ abermals aufgegriffenen Vokabular von Abwesenheit und Nähe, Zeit und Raum, von Liebe und Tod im freien Gedankengang eines Essays nachspürt, der das Poetische mit dem Poetologischen auf faszinierende Weise verbindet: „Doch würden Trennung und Raum beseitigt, gäbe es weder Geliebte noch Liebende.“ Es ist A'idas Verlangen, die Trennung kraft ihrer Worte zu überwinden, das starke Verlangen nach Berührung, nach Vereinigung mit Xavier, die mitunter geradezu greifbare Gestalt ihrer zwischen den Zeilen immer präsenten Sehnsucht, die Bergers Text auf jeder Seite eingeschrieben ist und dem Roman eine bemerkenswerte Autorität verleiht.

          Stark konturiert

          Berger erzählt, wie A'ida und Xavier einander kennenlernten, als die damals Dreiundzwanzigjährige eine Autobatterie in die Werkstatt brachte, in der Xavier arbeitete. Er erzählt, wie Xavier mit ungeteilter Konzentration den Drucker eines Computers reparierte, während von der Straße Schüsse und die durch ein Megafon geschrienen Befehle des Militärs zu hören waren; wie A'ida und Xavier zum ersten Mal gemeinsam in Xaviers Zweisitzer flogen und Xavier im Scheitelpunkt des Loopings den Motor ausschaltete, damit A'ida die Stille in sich aufnehmen konnte, bevor er dem „Augenblick der Versuchung“ widerstand und in die Waagerechte zurücksteuerte, sich für das Leben entschied.

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