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Joachim Geil: Heimaturlaub : Wenn die Pflicht zur Schuld geworden ist

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Bild: Verlag

Soldaten und Mörder: Joachim Geils psychologisch und sprachlich überragender Kriegsheimkehrerroman ist ein literarisches Ereignis.

          Wenn sich in der tiefen Pfalz die gewichtige Schwere des Alltags auf ihre Bewohner senkt, niederdrückend ihnen das Gefühl verleiht, sie hätten Pudding in den Beinen – „mit Pudding in de Bää, wie Tante Emmy sagen würde“ –, ist das doch zugleich ein wenig wie Vermählung mit dem Boden, ein geheimer Magnetismus, der im Innern des schwebenden Begriffs Heimat steckt, der Friede, der ewige, so nah. Zwei Todgeweihte treffen auf dieser Erde im Juni 1944 aufeinander: der Pfarrer Stepp mit dem offenen Rücken, im Angesicht des Todes öffentlich der Wahrheit huldigend („Er hat die Welt angezündet“) und daher bereits von seinem Schwiegersohn des Defätismus gegen den Führer angezeigt, und sein Enkel, der junge Leutnant Dieter Thomas, der auf eine Woche die Ostfront verlassen darf, Heimaturlaub, und von seinem eigenen Ende allenfalls im Verborgenen ahnt.

          Doch die Ahnung ist da, schon auf der ersten Seite des Buches, in der betäubenden Schwüle dieses Sommers steckt sie: „Die Hand zwischen Hals und Uniformkragen, merkt in der kurzen Schlange der blonde Soldat, der einen guten Kopf größer ist als alle anderen Wartenden, dass es keinen Sinn hat, die feuchte Hitze entweichen zu lassen. Wo soll sie hin, wenn sie von feuchter Hitze umgeben ist?“

          Die Heimat ist verloren

          Kühlung ist nicht mehr möglich inmitten der überheizten Maschinerie, die Frage ist einzig, wann sie durchbrennt, wann alles verglüht. Der sterbende Großvater, ein Menetekel: „Der Tod hat hier etwas Getragenes und Besonderes, hier wird ein Tod gestorben, der sich ankündigt und alle in seinen Bann zieht.“ Der dunklen Wahrheit versucht der junge Kämpfer – „So gesehen ein Held“ – noch einmal zu entfliehen („Man denkt ans Wichtige: Schwimmbad, Erdbeeren, was Kühles trinken. Ach, wird das schön“), wird aber immer gnadenloser von ihr heimgesucht, ja, heimgedrängt. Aber seine Heimat, die ist längst nicht mehr dort, wo er herkommt, wie bei so vielen traumatisierten Kriegsheimkehrern.

          Tief blicken wir mit Dieter in diesen Dieter hinein, ganz allmählich durch die Schizophrenie hindurch, die seiner Schuldverstrickung folgte, denn was der Autor Joachim Geil mit großem Sprachgespür und psychologischem Feinsinn entworfen hat, dieser Debütroman, ist über weite Strecken ein fulminanter, zwanghaft um ein Geheimnis kreisender innerer Monolog eines Schuldigen, in dem zwei Instanzen im Widerstreit miteinander liegen, zweimal Dieter also, ein heimlicher und ein unheimlicher. Die Bruchlinie verläuft jedoch nicht oder zumindest nicht allein zwischen dem liebenswerten Zivilisten und dem nationalsozialistischen Barbaren, denn auch vor seinen sengenden und mordenden Kameraden hat er ein Geheimnis. Das macht diesen Roman so interessant und enthebt ihn ein Stück weit der gleichwohl präzisen historischen Verortung. Zeitlos jedenfalls scheint die Frage, ob man die Tat des Leutnants, so unverzeihlich sie ist, verstehen kann.

          Erschreckende Gewaltphantasien

          Im pfälzischen Urlaub geht der Protagonist eine Affäre ein mit der schönen, wortgewandten und glühend rassistischen Majorstochter Heidi, gerät ins Träumen, malt sich gar Zukünfte aus, und auch die eigene Familie, die vielen Tanten und Cousinen, für die er „der liebe Dieter“ ist, macht ihm Freude. Schwimmbadbesuche stehen täglich an, doch nicht nur mit den Sommerregengüssen kommt die Räson zurück, auch dadurch, dass ihn die Hand des sterbenden Großvaters ergreift. Als Liebhaber versagt er kläglich. So nimmt Dieter plötzlich die Axt und schlägt der Tante den Arm ab, danach den Hals, dann wirft er den Zucht und Auslese von Tomaten perfektionierenden Onkel Gustav zu Boden und treibt ihm einen spitzen Pfahl durch die Gedärme, ertränkt die geliebten zappelnden Kinder, zerbricht knackend Genicke, zerhackt und zertrümmert wahllos das Leben von Verwandten und Fremden, tut all das natürlich nicht wirklich, aber wer von solchen Vorstellungen geplagt wird, der hat offensichtlich mehr zu verarbeiten als Todesangst: Er hat gemordet, und zwar aus Liebe, er hat das Geliebte ermordet und sich eingeredet, es sei ein Gnadenerweis gewesen. „Jetzt kann er nicht mehr.“

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