Der Schriftsteller Jens Sparschuh hat eine Vorliebe für leicht verstörte Männer mit Zwangsneurosen. Seine bekannteste Figur ist wohl Hinrich Lobek, jener ehemalige DDR-Bürger, der sich in „Der Zimmerspringbrunnen“ (1995) nach dem Schock der Wiedervereinigung mit seiner Laubsäge in den Hobbykeller zurückzog und dem ostalgischen Bastelwahn verfiel. Hannes Felix nun, der Held in Sparschuhs neuem Roman „Im Kasten“, leidet unter einem ausgeprägten Ordnungstick. Geradezu lustvoll sortiert er in einer namenlosen Berliner Behörde Schriftstücke in das Ablagekörbchen auf seinem Schreibtisch. Darüber hinaus verfasst er Abhandlungen über „das Problem der Rundmail“ und vertieft sich in arbeitsorganisatorische Studien zur Entropie und zum „Gesetz der größten Unordnung“ im Großraumbüro. Spätestens als er versucht, die vermeintlich ungeordneten Papierstapel seiner Kollegen durch Stoßlüften zum Einsturz zu bringen, gibt es Ärger. Der engagierte Sachbearbeiter nimmt Abschied von der Verwaltung, um sich „neuen Herausforderungen zu stellen“.
Es beginnt recht lustig: „Im Kasten“ ist ein zeitgemäßer Schelmenroman, die groteske Geschichte von einem, der auszieht, „endlich Ordnung in die Welt zu bringen“. Nach der Episode im öffentlichen Dienst fängt Hannes Felix bei einem Self-Storage-Anbieter mit dem alttestamentarischen Namen NOAH an, den „Neuen Optimierten Auslagerungs- und Haushaltsordnungssystemen“. Hannes setzt auf „Beratung vor Ort“ und macht Hausbesuche bei notorisch schlecht organisierten Kunden wie „Jalousien-Schultze“ aus dem Wedding, der in einer Flut aus unbearbeiteter Geschäftspost und überquellenden Aktenordnern versinkt - und auf einen Platz auf NOAHs SB-Einlagerungs-Arche hofft. „Kein Angst, Herr Schultze! Hier kommt nichts weg“, verspricht ihm Hannes, der nebenbei eifrig an den „Grundzügen einer Theorie über die Dinge und ihren Platz in der Welt“ arbeitet. Damit nervt er nicht nur seinen Chef. Auch Hannes’ Frau Monika hat es satt, dass er angebliche „Krümelspuren“ quer durch die eheliche Wohnung verfolgt, und verlässt ihn schließlich - nicht ohne dass ihr Mann ihr rasch noch erklärt, wie man selbst bei einer fluchtartigen Trennung noch sein Gepäck in Ordnung hält. „Im Grunde“, sagt er ihr, als sie ihre Kleidungsstücke zusammenpackt, „brauchst du ein Kofferverzeichnis.“
Feuilletonistische Einfälle, gut abgehangen
Jede Zeit hat ihre Neurose: Jens Sparschuh tritt als Satiriker an, der der Simplify-Your-Life-Gesellschaft den Zerrspiegel vorhalten will. Doch richtig böse wird er nie. Die Szene mit dem Koffer ist einer der seltenen Momente, an denen der alltägliche Kampf gegen das Chaos in echten Wahnsinn umschlägt. Ansonsten plaudert Hannes Felix als munterer Ich-Erzähler aufgeräumt vor sich hin; gediegenes Wortspiel (“Messie und Messias“) folgt auf gebildeten Kalauer (“Ordnung und spätes Leid“). Komisch ist das nur am Anfang. Sparschuh schickt seinen modernen Simplicius Simplicissimus im Auftrag von NOAH auf eine zunehmend langatmige Reise durch das Land des Krempels und Gerümpels und lässt ihn dabei zwischen barock ausufernden Episoden nicht ganz so originelle Beobachtungen machen - dass zum Beispiel ein bekanntes „schwedisches Einrichtungshaus“ uns alle zu „Heimwerkern im Geiste“ erzieht und damit das „kapitalistische Prinzip der Arbeitsteilung aushebelt“.
Nun ist es mit Ikea wie mit der DDR: Irgendwann hat man keine Lust mehr, darüber zu lachen. Und so bleibt am Ende der Eindruck, dass Jens Sparschuh als penibler Sachverwalter des ach so alltäglichen Irrsinns eine Reihe gut abgehangener feuilletonistischer Einfälle sorgfältig sortiert und in Form gebracht hat, um sie dem Ablagekörbchen „Literatur“ zu übergeben. Stoßlüften wäre eine Lösung für diesen viel zu ordentlichen Stapel Papier. Aber was würde dann von ihm übrig bleiben?