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Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend : Das fünffache Leben der Frau Hoffmann

Bild: Verlag

Was geschieht, wenn ein Kind stirbt? Mit ihm stirbt auch alles, was es sonst erlebt hätte. Jenny Erpenbeck füllt diese Lücke mit einem Trick.

          Jeder Weg führt ins Grab. Das ist eine Binsenweisheit. Aus ihr macht Jenny Erpenbeck einen großartigen Roman. Weil sie das Grab nicht ans Ende stellt, sondern an den Beginn. An den Beginn ihres Buchs, an den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und an den Beginn des Lebens eines Mädchens. Ein paar Monate ist das Kind nur alt, da erstickt es in der Wiege und liegt am Tag danach in der Erde. „Über einem Säugling, der plötzlich gestorben ist, wölbt sich der Hügel fast gar nicht.“ Das ist der lapidare, fast schon fatalistische, immer aber unverkennbare Ton, in dem Jenny Erpenbeck ihren Roman „Aller Tage Abend“ erzählt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Aller Tage Abend - das meint den Tod. Doch der Titel verdankt sich der Lebenseinstellung einer der Figuren des Romans, der Großmutter des toten Mädchens, einer galizischen Jüdin, der man bei einem Pogrom den Ehemann hingemetzelt hat (man kann es nicht anders sagen; die Schilderungsweise dieses Mords ist einer der wenigen Fehlgriffe im Buch, weil seine Drastik das Stilgefüge sprengt) und die ihre siebzehnjährige Tochter dazu gedrängt hat, einen Christen zu heiraten, damit sie aus dem Teufelskreis des Antisemitismus herauskommt. Die Erfahrung der Untat an ihrem eigenen Mann hat die Großmutter etwas gelehrt, was sie auch nun für die Tochter nach dem Tod von deren Kind erhofft: „Am Ende eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst noch nicht aller Tage Abend.“

          Der Irrealis als erzählerisches Mittel zum Zweck

          Das ist auch das erzählerische Programm von Jenny Erpenbeck. Der Tod des kleinen Mädchens, dessen Name wir nicht erfahren, weil es noch gar kein Leben, keine Persönlichkeit gehabt hat, stellt eine Frage an die Welt: Was hätte sie erlebt? Was hätte sich geändert, wenn sie nicht gestorben wäre? Und so erzählt das Buch erst einmal von den Reaktionen auf den unerwarteten Tod: die der Mutter, des Vaters, der Großmutter und der Urgroßeltern (ein zweiter Mangel, diesmal inhaltlicher Art: Die Urgroßeltern sind 1902 seit 72 Jahren verheiratet, ihre Enkelin aber ist erst achtzehn, wie können die 54 Jahre dazwischen mit nur einer Generation gefüllt werden?). Wir bekommen über die verzweifelten Versuche, eine Lücke zu füllen, über deren Ausmaß man gar nichts wissen kann, die ganze Vorgeschichte der jüdischen Familie aus wechselnden Perspektiven erzählt. Jenny Erpenbeck sitzt in den Köpfen ihrer Protagonisten, ohne jemals als Erzählerin „ich“ zu sagen, und sie treibt zum Schluss des ersten Teils ihre Prosa ins Entpersönlichte, fragmentiert einen Körper, als betriebe sie eine Sektion. Und wenn der Mensch dem Text ausgetrieben ist, setzt sie noch einmal neu an. Denn das Kind lebt mit einem Mal wieder.

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