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Jeder Wunsch hat seinen Preis

 ·  Reiz der Unschärfe: Ein Roman des jungen Franzosen Tanguy Viel

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Ein junges Paar, Sam und Lise. Er hängt herum, sie charmiert nachts betuchte ältere Herren in einer Bar. Ohne allerdings die Sache wirklich professionell zu betreiben, denn auf eines der Zimmer des diskreten Etablissements in der französischen Provinzstadt lässt sie sich partout nicht mitnehmen. Diese beharrliche Verweigerung bringt ihr den Heiratsantrag eines der Herren ein. Gemeinsam mit Sam beschließt sie, diese Gelegenheit zu nutzen. Ein anderes Leben schwebt den beiden vor. Sam wird als ihr Bruder ausgegeben, darf bei der Hochzeit den Trauzeugen spielen, und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Es ist Sam, der diese Geschichte im Rückblick erzählt. Wie sie ausgeht, soll natürlich nicht verraten werden. Obwohl man gleich hinzusetzen kann, dass der Reiz von Tanguy Viels schmalem Roman gar nicht so sehr am Plot und seinen Wendungen hängt. Die Konstruktion einer realistisch anmutenden Geschichte interessiert diesen Autor kaum. Weil es nicht auf eine harmonische Dreierbeziehung hinausläuft, tauchen einige bekannte Requisiten auf: Geldkoffer, Pistole, Polizeikommissar. Es sind Genresignale, die der Autor für seinen Text entlehnt. Man denkt dabei weniger an Bücher als an Filme, an einige der Nouvelle Vague etwa. Nicht nur wegen des französischen Hintergrunds. Auch deshalb, weil die atmosphärische Stimmigkeit der einzelnen Szenen Vorrang hat vor der Arbeit an ihrer erzählerischen Verknüpfung, ja selbst vor der Darstellung der handelnden oder vielmehr von ihren Wünschen fortgetriebenen Figuren.

Und doch bemerkt der Leser mit fortschreitender Lektüre, dass im Text bestimmte Motive hervortreten und sich zu Konstellationen fügen. Zu ihnen gehört zum Beispiel der anfangs nicht weiter auffällige Umstand, dass der betrogene Ehegatte von Lise seinen Wohlstand dem Besitz eines Auktionshauses verdankt. Das Thema der Geldbewertung aller Wünsche ist so bereits angeschlagen, bevor es sich im Fortgang der Handlung in den Erinnerungen der Erzählfigur immer mehr verdichtet. Auf Preisbildungen läuft es hinaus, bis zur letzten Szene der Geschichte, die tatsächlich - und in souveräner Gleichgültigkeit gegen alle Anforderungen an eine realistische "Auflösung" - auf einer Auktion spielt.

Dass mit ihr zuletzt eine Figur ihren großen Auftritt hat, die noch weniger an klaren Konturen aufzuweisen hat als alle anderen, ist ganz konsequent. So wie der Text im Ganzen dadurch einnimmt, dass er mit seinen Verfahrensweisen demonstriert, worauf die Motive weisen. Die Unschärfe der Figuren und Orte, die zu einem eigenartigen Schweben der Szenen und ihrer oft genau gezeichneten Details führt, verdankt sich nicht nur einer zufälligen Manier des Autors. In ihr kommt zum Ausdruck, wovon der Text handelt.

Es ist der vierte Roman des knapp fünfunddreißigjährigen Franzosen, der erste in deutscher und außerdem gelungener Übersetzung. Dass ein Regisseur wie Alfred Hitchcock für den Filmkenner Viel von Bedeutung ist, versteht sich fast von selbst. Auch auf Claude Simon und Thomas Bernhard hat die Kritik als Inspirationsquellen hingewiesen. Das ist sehr hoch, aber eben doch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Man darf gespannt sein, wie es bei diesem Autor weitergeht.

HELMUT MAYER

Tanguy Viel: "Unverdächtig". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach Verlag, Berlin 2007. 121 S., geb., 15,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2007, Nr. 198 / Seite 34
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