27.11.2009 · So souverän hat seit Walker Percy kein Autor mehr an die Erzähltradition des amerikanischen Südens angeknüpft: Jayne Anne Phillips stellt ein behindertes Kind ins Zentrum ihres Epos über Krieg und Familie.
Von Hubert SpiegelAm 26. Juli 1950 traf ein versprengtes Bataillon des 7. US-Kavallerieregiments bei No Gun Ri in Korea auf einen Flüchtlingszug, der sich vor den anrückenden nordkoreanischen Truppen in Sicherheit bringen wollte. Die Soldaten ließen die Straße räumen und schickten die fünfhundert bis sechshundert Dorfbewohner, darunter viele Alte, Frauen und Kinder, auf einen angrenzenden Bahndamm, wo die Flüchtlinge ausruhten, als sie ohne jede Vorwarnung von amerikanischen Kampfflugzeugen unter Beschuss genommen wurden. Die Überlebenden flüchteten sich in zwei Tunnel unter einer nahe gelegenen Eisenbahnbrücke. Aber der Angriff war kein Irrtum: die GIs rückten nach und eröffneten das Feuer auf die Zivilisten. Nach Anbruch der Dunkelheit wurde das Gemetzel mit Hilfe von Scheinwerfern fortgesetzt. Als die Soldaten nach drei Tagen und drei Nächten abzogen, ließen sie gerade einmal zwanzig Überlebende in den Tunneln zurück. Die Gesamtzahl der Todesopfer wird auf ungefähr vierhundert geschätzt.
No Gun Ri gilt heute nach My Lai in Vietnam als das zweitgrößte Massaker, das die amerikanischen Streitkräfte im zwanzigsten Jahrhundert unter Zivilisten angerichtet haben, aber mehr als ein halbes Jahrhundert lang wurde die Greueltat geleugnet. Von offizieller Seite wurde sogar bestritten, dass zum fraglichen Zeitpunkt amerikanische Soldaten auch nur in der Nähe von No Gun Ri gewesen seien. Erst als sich 1999 in einem später preisgekrönten Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press einige der ehemaligen Todesschützen zu der Greueltat bekannten, wurde eine Untersuchung des Falls angeordnet. Aber es dauerte noch einmal sieben Jahre, bevor 2006 endlich der Beweis vorlag, dass die Soldaten auf Befehl gehandelt hatten: Aus Angst vor nordkoreanischen Partisanen, die sich unter die Flüchtlinge mischen könnten, hatte die Führung der Streitkräfte die irrwitzige Weisung erlassen, alle Zivilisten nördlich der amerikanischen Linien als Feinde zu behandeln.
Ein vielstimmiges Familienepos
Der Unteroffizier Robert Leavitt weiß nichts von dem Schießbefehl. Er will die Flüchtlinge in Sicherheit bringen, und als der Angriff der Flugzeuge beginnt, führt er sie in die Tunnel, wo ihm die erste Salve aus den Maschinengewehren seiner Kameraden das Rückgrat zerfetzt. Das langsame Sterben von Unteroffizier Leavitt beginnt. Es ist ein schrecklicher Tod, und während der Vater stirbt, fast stumm vor Schmerz, unfähig, seine Beine zu bewegen, und zwischen Leben und Tod erfüllt von Bildern, die nur er sehen kann, kommt viele tausend Kilometer entfernt sein Sohn zur Welt: ein Kind, das nicht sprechen und nicht laufen lernt, das den Unterschied zwischen gestern und heute nicht kennt und dessen Welt erfüllt ist mit Bildern und Tönen, die nur er sieht und hört. Wie Jayne Anne Phillips hier, im Tunnel von No Gun Ri, Leben und Sterben, Tod und Geburt miteinander verschränkt, wie sie zwischen den Zeiten und Orten wechselt und ihre vier Erzählerstimmen einsetzt, das ist große Erzählkunst. Sie orientiert sich dabei an Faulkners Meisterwerk „Schall und Wahn“ aus dem Jahr 1929, das Phillips in der Struktur wie in zahlreichen Details variiert, so dass „Glasmondmann“ am Ende nicht nur ein vielstimmiges Familienepos in der Erzähltradition des amerikanischen Südens ist, sondern auch eine Hommage an einen der größten Erzähler der Moderne.
Wie Faulkner schafft sich Jayne Anne Phillips einen mehrstimmigen Chor innerer Monologe, die sich auf den verschiedene Zeitebenen immer wieder berühren. Die Handlung umfasst zweimal drei Tage im Juli der Jahre 1950 und 1959. Zu Robert Leavitt, dem sterbenden Soldaten und Musiker in Korea, der sich nach seiner Frau Lola sehnt, einer rätselhaften, unglücklich-kapriziösen Sängerin, treten auf der zweiten Zeitebene Lolas ältere und weit lebenstüchtigere Schwester Nonie, sein Sohn Termite und seine Stieftochter Lark. Zusammen mit Charlie, ihrem ewigen Liebhaber, zieht die unfruchtbare Nonie die Kinder ihrer Schwester auf. Die vier bilden eine bizarre, in Trümmern liegende Familie, die dahintreibt wie ein zerbrechliches, aus zusammengeklaubtem Strandgut erbautes Floß, das in jedem Sturm zerschellen muss. Und der Sturm kommt: Genau neun Jahre nach dem Massaker zieht in Winfield, West Virginia, ein Unwetter heran. Es wird Bäume entwurzeln und Häuser überfluten, ein Menschenleben kosten, Geheimnisse enthüllen, und am Ende, wenn die Flut wieder abgeklungen ist, werden Lark und Termite, der unzerstörbare Kern einer zerstörten Familie, ihren Heimatort verlassen, um im Haus ihrer toten Mutter Lola ein neues Leben zu beginnen.
Eine der wichtigsten Autorinnen ihrer Generation
Seitdem Jayne Anne Phillips 1976 mit dem Band „Sweethearts“ debütierte, gilt sie als eine der wichtigsten Autorinnen ihrer Generation. Für die südafrikanische Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer ist sie sogar „die beste Autorin von Short Stories seit Eudora Welty“. In Deutschland, wo mittlerweile vier ihrer Bücher beim Berlin Verlag vorliegen, hat sich Jayne Anne Phillips nie richtig durchsetzen können. Womöglich wird „Glasmondmann“ daran etwas ändern. Denn mit diesem Roman über das Geschwisterpaar „Lark and Termite“, wie der Titel der amerikanischen Originalausgabe lautet, ist der Autorin etwas Außergewöhnliches gelungen: So souverän wie Jayne Anne Phillips hat seit Walker Percy kein Autor mehr an die Erzähltradition des amerikanischen Südens angeknüpft.
Für das unauflösliche Amalgam aus Religiosität und Frömmlertum, Hitze, Schweiß und Leidenschaft, Bigotterie und einer morbiden, oft selbstzerstörerischen Sexualität, die in der Enge der Kleinstadt und dem Gewirk der inzestuös aufgeladenen Familienstruktur tickt wie eine Zeitbombe, hat Jayne Anne Phillips wieder eine Form gefunden, in der sich Musikalität, Härte und Poesie kunstvoll mischen. Denn neben die komplex angelegte und virtuos umgesetzte Erzählstruktur und die einfühlsam gezeichneten Figuren tritt noch etwas anderes: die poetische Vergegenwärtigung extremer Bewusstseinszustände.
Während Faulkners Benjy in „Schall und Wahn“ der Idiot der Familie ist, ein unschuldiges, aber auch chaotisches Bewusstsein, das im Romangefüge vor allem als Prüfstein für die anderen Figuren dient, erscheint Termite, der so genannt wird, weil seine Finger unablässig durch die Luft fahren wie die winzigen Fühler einer Ameise, als engelsgleiches Geschöpf. Der Junge im Rollstuhl, der sich stundenlang mit dem schmalen, im Wind flatternden Streifen einer blauen Plastiktüte beschäftigen kann, ist ausgestattet mit geradezu übersinnlichen Fähigkeiten und Wahrnehmungen, ein stummer Fürst Myschkin des Südens, dessen Wasserkopf in den Augen seiner fürsorglichen Schwester nur deshalb zu schwer für den dünnen Hals und den schwachen Rumpf ist, weil „so viel drin ist, von dem er nicht erzählen kann. Dass alles drinbleibt, egal, ob er die Bilder erkennt oder nicht.“ Dazu gehören sogar Dinge, die sich vor seiner Geburt ereignet haben. Und wenn nach dreihundert Seiten das langsame Sterben des Unteroffiziers Robert Leavitt in Korea ein Ende nimmt, gelten die letzten Gedanken und Worte des Mannes, der von den eigenen Leuten, seiner eigenen Familie also, erschossen wurde, dem Neugeborenen: „Schau in dein Inneres, sagte er zu seinem Sohn, dort drin existierst du wirklich.“