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Sonntag, 19. Februar 2012
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Javier Tomeo: Die Silikonliebhaber Abwaschbar, exakte Maße, verbrauchergerecht

23.07.2010 ·  Gefühlsecht: Javier Tomeo, der alte Schelm der spanischen Literatur, hat ein Science-Fiction-Satyricon geschrieben, das auf vertrackte Weise der sexualisierten Gesellschaft den Spiegel vorhält. Die Puppen sind die letzten Hüter humaner Kultur.

Von Florian Borchmeyer
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Wenn sie nicht mehr weiterweiß, stöhnt sie: „Welches Unholds List liegt hier verhohlen? Welches Zaubrers Rat regte dies auf?“ Aus dem Mund einer Walküre könnte solch wagnerianische Wortgewalt kaum erstaunen. Sehr dagegen, wenn sie den nur für die Fellatio fabrizierten Lippen einer Sexpuppe aus Silikon entfleucht. Mehr noch, wenn diese das Gefängnis ihrer erzwungenen geschlechtlichen Dienste im geschliffenem Latein der römischen Rechtsprechung zu beklagen weiß: „Libertas inaestimabilis res est“ – „Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut.“

Brünnhilde auf dem Höhepunkt

Doch Marilyn ist keine Gummigeliebte wie jede andere. Sie besticht nicht nur durch ihre natürlich dehnbare Vulva, die nebenher das Glied des Liebhabers millimetergenau zu vermessen weiß. Auch Big John, ihr männliches Gegenstück, trumpft mit mehr als nur einer stufenlos regelbaren Erektion auf. Nämlich mit umfassender Bildung. Gehört bei Marilyn Carmens Arie „Près des remparts de Seville“ zum Standard-Vorspiel, reitet sie furchtloser als jede Brünnhilde dem Höhepunkt entgegen, während Big John durch die Arie des Cavaradossi seine Liebe zum Leben so inbrünstig kundtut, als pulsiere echtes Blut durch seinen luftgefüllten Hohlraum. Für Koitus-Kameraden der Baureihen HP-457 blättern Käufer deshalb auch beträchtliche Summen auf den Tisch.

Zu ihnen gehören Basilio und Lupercia, die menschlichen Helden in Javier Tomeos Kurzroman. Wenngleich nur seine Nebenfiguren, denn die Hauptrollen werden rasch durch die synthetischen Titelhelden usurpiert: „Die Silikonliebhaber“. Nach endlosen Ehejahren haben die beiden kleinbürgerlichen Inhaber eines Reizwäscheladens einander nicht mehr viel zu sagen. Im Bett sind sei einander überdrüssig. Mechanische Genitalübungen führen sie lieber mit den aufblasbaren Gefährten durch. Er am Freitag, sie am Samstag, mit einer Pünktlichkeit, nach der Tristram Shandy seine Uhr aufziehen könnte.

Puppen haben perfekten Sex

Den Rest ihrer Freizeit verbringen sie masturbierend vor ihrem 23-Zoll-Flachbildschirm, auf dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen sein Nachmittagsprogramm vorzugsweise mit Pornos gestaltet. Womit Lupercia und Basilio aber nicht gerechnet haben: dass ihre Liebhaber aus Silikon unterdessen die Puppen tanzen lassen und miteinander den perfekten Sex zelebrieren, den ihre Besitzer nicht zu bieten vermögen, und in unsterblicher Liebe zueinander entbrennen. Was bei den betrogenen Besitzern Scham, Eifersucht und gar Verzweiflung auslöst.

Eine solch schöne neue Welt der globalen Besamung macht sich jedem durchschnittlich intelligenten Leser mehr als bizarr aus. Für einen pornographischen Roman ist die Handlung viel zu steril und unerotisch. Der technische Perfektionsgrad der Sexpuppen ist gänzlich unwahrscheinlich und vor allem nutzlos: Warum sollte ein Gummipuppenentwickler seinem Produkt profunde Lateinkenntnisse einprogrammieren?

Der Herausgeber greift ein

Noch weniger erschließt sich, mit welcher Motivation ein Reizwäschehändler aus der spanischen Provinz als Experte für Wagner- und Bizet-Libretti auftritt und – unter dem fadenscheinigen Vorwand, er habe als Kind das Colegio Alemán besucht – in schlüpfriger Doppelsinnigkeit Brünnhildes Ausführungen zum „Altgewohnten Geräusch“ aus dem Gedächtnis zu singen weiß. Kurz: Dieser Roman ist Zeugnis eines minderwertigen Talents. Ein dilettantisches Genre-Machwerk, das sich nicht zwischen Porno und Science-Fiction entscheiden kann.

Wichtige Klarstellung: Diese Einschätzung ist nicht die des Autors der vorliegenden Rezension. Es ist die des fiktiven Herausgebers und zugleich Erzählers von Javier Tomeos Silikon-Sex-Satyricon. Er soll dieses Werk aus der Feder seines literarisch ambitionierten Freundes Ramón M. (voller Name dem Verlag bekannt) redigieren und setzen. Zufrieden ist er damit gar nicht und führt nach jeder Manuskriptlieferung seine handwerklichen und stilistischen Einwände Punkt für Punkt auf. Der Kontrast zwischen der immer abwegigeren Romanhandlung und der immer marginaleren und zugleich bierernsten Beckmesserei seines Herausgebers besitzt ein skurriles und ungewöhnliches, jedenfalls ungewöhnlich komisches Potential.

Schwarzer Humor

Tomeos Humor ist rabenschwarz. Hinter der scheinbar vergnüglichen Pornogroteske verbirgt sich bitterböse Zivilisationskritik: ein Zerrbild speziell des heutigen Spanien. Die „Silikonliebhaber“ und ihre komplex ausgetüftelten Baupläne sind darin die einzigen hochentwickelten Wesen inmitten einer von animalischer Primitivität gezeichneten Menschheit. Gummipuppen sind die besseren Menschen, Automaten die letzte Bastion des Humanen. Die organisch gezeugten Kronen der Schöpfung stellen beim allnachmittäglichen Fernseh-Quiz mit dem Slogan „Sex ist mehr als Koitus und Masturbation“ durch Detailkenntnisse auf dem Gebiet der durchschnittlichen Ejakulationszahlen, der biblisch-mystischen Orgasmen, des Liebeslebens der Schnecken und der Penislänge der Gorillas ihren geistigen Verfall unter Beweis.

Derweil räsonieren ihre künstlich gefertigten Bettgenossen über die conditio humana, stellen ihren Status der natürlichen Sklaverei gemäß Aristoteles in Frage und rüsten sich schließlich zur Rebellion. Während die Menschen, durch Fusellikör gruppensexuell enthemmt, auf der Wohnzimmercouch vor laufender Glotze eine weniger eigensinnige japanische High-Tech-Puppe namens Kurosawa entjungfern und sich gegenseitig (um beim gleichnamigen Regisseur zu bleiben) das „Lustwäldchen“ befummeln, entschweben, mit Tosca und Cavaradossi am Fenster sotto voce die leuchtenden Sterne betrachtend, die fehlprogrammierten Sexmaschinen in den Abendhimmel. Ätherische Luftwesen, vom Winde verweht.

Bittere Melancholie

„Wo ist nun mein Wissen gegen dies Wirrsal?“ Marilyns in akzentfreiem Deutsch vorgebrachte Frage aus dem zweiten Akt der „Götterdämmerung“ überträgt sich auf den ratlosen Herausgeber ebenso wie auf den Leser. Gerade die Sabotage jeder narrativ oder dramaturgisch vertretbaren Schlusspointe setzt dem Buch den Lorbeerkranz des Absurden auf. Dem bald achtzigjährigen Javier Tomeo, dem großen alten Schelm der spanischen Literatur, ist mit seinem Brevier der Pornopuppen ein spätes kleines Meisterwerk gelungen, das, brillant übersetzt von Heinrich von Berenberg, auch in deutscher Sprache sämtliche Nuancen zu entfalten vermag. Bei aller verbaler Deftigkeit ist es von filigranem Feinsinn: intelligent, subversiv, komisch und doch von bitterer Melancholie durchzogen.

Javier Tomeo: „Die Silikonliebhaber“. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010. 144 S., geb., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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