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Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks : Was geschah am 23. Februar 1981?

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Als die Schüsse fielen und alle sich auf den Boden warfen, behielten drei Männer die Köpfe oben: Javier Cercas hat eine mitreißende Geschichtserzählung über den Putsch im spanischen Parlament geschrieben.

          Hier und da ist zu lesen, der Putsch im spanischen Parlament vom 23. Februar 1981 habe etwas Billiges, Operettenhaftes an sich gehabt, über die schlampige Planung hinaus, die sich am Ende als sein hervorstechendes Merkmal erwies. Vielleicht liegt das vor allem an dem naiven, ungestümen Oberstleutnant Antonio Tejero, dessen kurze Fernsehsekunden vor dreißig Jahren um die Welt gingen und für immer das Bild des Ereignisses geprägt haben, das die wenige Jahre zuvor errungene spanische Demokratie wieder ins Wanken brachte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Unter lautem Rufen unterbrach der Militär, unterstützt von einer Einheit der Guardia Civil, an jenem Vormittag vor dreißig Jahren die Parlamentssitzung, in der Leopoldo Calvo Sotelo zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden sollte, feuerte mit der Pistole in die Luft und befahl den Parlamentariern: „Auf den Boden! Auf den Boden!“ Dann fielen Schüsse aus Maschinenpistolen. Und alle gingen zu Boden und verkrochen sich unter ihren Bänken, so dass das Halbrund der Abgeordnetenränge im Nu wie leergefegt war.

          Die Gestaltbarkeit des ungeheuren Geschehens

          Bis auf drei Männer, die sich nicht hinwarfen. Einer war der amtierende Ministerpräsident Adolfo Suárez, der fünfundzwanzig Tage zuvor seinen Rücktritt erklärt hatte, ein ausgelaugter Politiker des demokratischen Übergangs vor dem Trümmerhaufen seiner Politik; der zweite sein Vizepräsident, Manuel Gutiérrez Mellado, ein General, der sich zum Dienst an der Demokratie überreden ließ und dafür unter seinesgleichen als Verräter galt; und der dritte Santiago Carrillo, der legendäre Führer der Kommunistischen Partei, der er verordnet hatte, sich zu wenden und den Leninismus auf den Müllhaufen zu werfen.

          Anhand dieser drei Figuren, in drei großen Kapiteln, die mehr als die Hälfte seines Buches ausmachen, entwickelt der spanische Schriftsteller Javier Cercas die turbulente Geschichte der achtzehn Stunden und dreiundzwanzig Minuten, in denen die Zukunft der Nation auf Messers Schneide stand. Man muss kein Spezialist in der von Verschwörungstheorien umrankten Literatur zu diesem Putsch sein, um die Originalität von Cercas' Verfahren zu erkennen. Denn hier wird der historische Augenblick jeweils zusammen mit Vorgeschichte, Lebensgeschichte und politischer Mentalitätsgeschichte beleuchtet, hier stehen Personen in einem Kontext, den sie formen und von dem sie geformt werden.

          Das Mindeste, was wir von einem begabten Erzähler erwarten, der sich unter die Historiker begibt, ist, dass auch seine Faktentreue etwas Narratives behält, so dass aus dem Erzählerischen ein Mehrwert entspringt. Worin er bestünde, das vorzuführen wäre die Aufgabe seines Buches. Wunderbarerweise geschieht hier genau das. War Javier Cercas bisher vor allem als Autor des Bestsellerromans „Soldaten von Salamis“ (2002) bekannt, der viel Lob, aber auch - etwa bei diesem Rezensenten - manchen Einwand geerntet hat, komponiert er in der „Anatomie eines Augenblicks“ aus einem sattsam bekannten Geschichtsthema ein mitreißendes, sich in breitem epischen Format entrollendes Buch. Sein Denken ist komplex, und selbst seine Einsichten kommen als Fragen daher. Für Momente wird vor dem Auge des Lesers die Gestaltbarkeit des ungeheuren Geschehens sichtbar, und dieser Eindruck ist das Verdienst dieser glänzend gebauten Geschichtserzählung, mit der Javier Cercas wohl sein Meisterwerk geschrieben hat. Dazu trägt auch der Übersetzer Peter Kultzen bei, dessen Sprachvermögen der ideale Resonanzapparat für Cercas' melodienreiches Spanisch ist.

          Verkehrte Welt!

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