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Jannis Ritsos' Gedichte in Neuübersetzungen Blitzartiges aus Lakonien

11.12.2009 ·  Revolte gegen den Tod: Jannis Ritsos, einer der großen griechischen Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts, tritt in zwei neuen Übersetzungen als Zeuge der Zeit und der Ewigkeit hervor.

Von Harald Hartung
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Der Grieche Jannis Ritsos (1909 bis 1990) war elfmal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Doch anders als seine Lyrikerkollegen Seferis und Elytis hat er ihn nie erhalten. Umso erstaunlicher ist seine weltweite Resonanz. Sie reicht über seinen Tod hinaus. Ritsos’ Ruhm ist der Ruhm des Dichters, der sein Leben als Revolte gegen den Tod verstand. Dass er diesen Kampf lange Zeit als Linkssozialist führte, ist für sein Werk eher peripher, aber doch zeithistorisch von Bedeutung.

Das Leben des Dichters stand für Jahre im Schatten von Repression und Diktatur. Unter Ministerpräsident Papagos war Ritsos zwischen 1948 und 1952 in sogenannten Umerziehungslagern interniert, desgleichen 1967/68 unter der Obristen-Herrschaft in Straflagern auf Jaros und Leros. Anschließend lebte er streng überwacht und unter Hausarrest auf Samos. Erst nach dem Sturz der Junta 1974 kam er endgültig frei: als Dichter ungebrochen und inzwischen eine internationale Berühmtheit. Endlich musste er seine Gedichte nicht mehr in Flaschen und Blechdosen aus dem Lager schmuggeln. Endlich konnte er sich frei bewegen und wieder reisen.

Reaktionen auf unruhige Zeiten

In diese Zeit zwischen Unterdrückung und Freiheit führen uns zwei neue Übertragungen aus dem großen Fundus von Ritsos’ Werk aus Anlass des hundertsten Geburtstags im Mai dieses Jahres: der Zyklus „Martyríes – Zeugenaussagen“ und die Gedichtreihe „Monovassía“. Die Übersetzer der Bände haben sich durch frühere Editionen griechischer Lyrik profiliert: Günter Dietz als Übersetzer von Odysseas Elytis und Klaus-Peter Wedekind mit den Bänden „Gedichte“ und „Die Umkehrbilder des Schweigens“ von Jannis Ritsos.

„Martyríes – Zeugenaussagen“ entstand zwischen 1957 und 1967, also in den Jahren vor dem Putsch der Obristen. Für den dreiteiligen Zyklus gibt uns der Dichter einen Schlüssel an die Hand. In einer Notiz von 1962 benennt er die Motive, die ihn zum Schreiben der zumeist kurzen Texte führten. Darunter die „Notwendigkeit blitzartiger Reaktionen auf gravierende, dringliche Probleme unserer Zeit“. Daher das Epigrammatische und Lakonische der Gedichte. Für diese Lakonie bringt Ritsos halb im Scherz seine Herkunft aus Monemvassía ins Spiel, das in Lakonien liegt.

Der Häftling als Zeuge

Die Texte von „Martyríes – Zeugenaussagen“ zeigen einen Doppelcharakter: Es sind Untersuchungen und Bekenntnisse zugleich. Sie nehmen den Menschen existentiell wie politisch als Zeugen in den Blick. Das Eingangsgedicht beschreibt das als „Prozedur“. In ihr entkleidet sich der Mensch bis auf die Haut, ja bis auf die „reine Substanz“. Zugleich definiert er sich als Creator, als jemand, der „kleine Krüge formte, Gedichte und Menschen“.

Natürlich spricht in „Martyríes“ auch der politische Häftling als Zeuge. Ritsos tut es aus seiner früheren Hafterfahrung: „Er kam aus dem Gefängnis. Es war schön. Autos, Bäume, / Türen, geöffnete Fenster, mancherlei Reden, Aber warum dann diese Bitterkeit?“ Ritsos, dem die Junta-Zeit noch bevorstand, hegte schon damals, 1961, keine Illusionen über die Konsequenz der Befreiung. Die schönste der „Zeugenaussagen“ ist „Sekunde“, eine lakonische Epiphanie: „Eine brennende Zigarette. / Ein Mädchen am Strand. / Ein Stein fiel ins Meer. / Gerade noch konnte er sagen: Leben.“ Es ist der Moment der Freiheit, der alle Gefangenschaft transzendiert.

Lyrisches Tagebuch

Die 36 Stücke von „Monovassiá“ setzen 1974, nach Ritsos’ endgültiger Freilassung ein. Von Samos, wo er unter Hausarrest gestanden hatte, fuhr der inzwischen fünfundsechzigjährige Dichter in das Städtchen Monemvassía (wie es amtlich heißt), in den Ort seiner Kindheit und schrieb dort und in anderen Orten eine Art lyrisches Tagebuch.

Aber das Genre täuscht, denn vieles, auf das Ritsos in seinen Gedichten anspielt, verdankt sich intensiven Studien und Erkundungen. Monemvassiá, das über ein Jahrtausend Hafen und Festung war, spielt seit dem neunzehnten Jahrhundert eine symbolische Rolle in der Neubestimmung des Griechentums, als Bastion der Gräzität. Manches davon scheint in den Gedichten auf. Und die Gedichtfolge resümiert es mit den Schlusszeilen: „Genau jetzt verstanden wir, dass nichts verlorengegangen war.“

Subjektiv und zeitlos

Das zeigt nicht zuletzt das Selbstporträt, das Ritsos auf der Mitte des Zyklus entwirft. In „Angaben zur Person“ blickt der Dichter selbstkritisch und stolz zugleich zurück. Aus der Zeit „an der zeitgenössischen Hochschule des Befreiungskampfes“ bleibt ihm wenig: „Worte, Worte – mir blieb nichts anderes übrig.“ Aber eben aus seinem Dichtertum zieht der Poet seinen Stolz und sein Selbstverständnis. Er lässt sich nicht durch falsche Komplimente – sei es aus Ost oder West – korrumpieren: „Nun waren plötzlich die Schmeichler da, verneigten sich tief, steckten an meine Finger goldene Ringe.“

Ritsos distanziert sich vom ideologischen Geschichtsoptimismus, dem er einst anhing. Er erhebt seine Geschichtsklage, sein Ecce historia: „Wie viele Kriege, / Belagerungen, Plünderungen, totgeschlagene Priester, geraubte Ikonen / siedendes Öl, Wurfmaschinen, Kanonen.“ So ist „Monovassía“ eine Fortführung seiner „Zeugenaussagen“, ein weiteres Zeugnis jener Revolte gegen den Tod, die Jannis Ritsos als seine Lebensaufgabe betrachtet hat.

Jannis Ritsos: „Martyríes – Zeugenaussagen“. Elfenbein Verlag, Berlin 2009. 336 S., geb., 24,– €.

Jannis Ritsos: „Monovassía“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 108 S., geb., 11,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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