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Veröffentlicht: 25.05.2012, 15:30 Uhr

Janne Teller: Komm Was darf die Kunst?

Meditation einer kalten Winternacht: Die dänische Schriftstellerin Janne Teller lotet in ihrem spannenden Buch „Komm“ die Grenzen zwischen Kunst und Moral aus.

von
© Hanser

Es ist Nacht, der Schnee tanzt in der winterlichen Dunkelheit, und ein Verleger sitzt in seinem Büro und grübelt. Er ist dabei, an einem moralischen Dilemma zu verzweifeln. Einer seiner Autoren, der zu den bekanntesten des Landes zählt, hat unlängst sein Manuskript abgeliefert. „Die Berechnung“ verspricht Großes. Ein Triumph, schwant dem Verleger augenblicklich, ein Bestseller, wie es sein Haus gerade in diesen Zeiten bitter nötig hat. Die Geschichte bringt jedenfalls alles mit, was Erfolg verspricht, weiß der Verleger: Sie handelt von Politik und von Sex, von Gewalt, Trauer und Armut vor exotischer Kulisse. Doch jetzt behauptet eine andere Autorin des Verlags, die Geschichte sei ihr gestohlen worden. Sie, Petra Vinter, habe all das erlebt, was der Kollege im Roman erzähle.

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„Du hast die Wahl“, sagt sie noch, dann steht Petra Vinter auf und geht. Es ist fünf Uhr nachmittags, und nun sitzt nur noch der Verleger da, der mit sich und seiner Entscheidung hadert, ob er das Manuskript in den Druck gibt oder nicht. Eigentlich ist er jetzt mit seiner Frau zu einem wichtigen Abendessen verabredet. Und am nächsten Morgen soll er auch noch als Gastredner bei einer Konferenz in Wien zum Thema Ethik in der Verlagsbranche auftreten. Doch er kann sich nicht losreißen, nicht von seinem Büro und nicht von den Fragen, die seinem Dilemma zugrunde liegen: Wie sehr darf ein Schriftsteller die reale Welt abbilden? Darf er die Erlebnisse und Schicksale seiner Freunde und Mitmenschen für die Kunst nutzen? Und gibt es überhaupt eine Grenze zwischen Kunst und Moral?

Das Versprechen, zu schweigen

In dieser philosophischen Meditation einer kalten Winternacht, die Peter Urban-Halle geschmeidig ins Deutsche übersetzt hat, kreist Janne Teller wieder und wieder um solche Fragen. Die dänische Schriftstellerin, deren Bücher „Krieg“, „Nichts“ oder jetzt „Komm“ heißen und die regelmäßig Debatten unter den Lesern hervorrufen, hat keine Scheu vor großen Fragen. Zwar kommt ihr neues Buch, das nur in dieser einen Nacht spielt, zunächst als Abhandlung über Freiheit und Grenzen von Kunst daher sowie der Frage, wie viel Ethik man sich leisten kann in einem Wettbewerb, der von Geschichten handelt, aber von Zahlen dominiert ist. Im Laufe der einhundertsechzig Seiten jedoch verlagert sich der Fokus hin zu einer Auseinandersetzung, die Literatur und Moral hinter sich lässt. Denn in der immer dunkler werdenden Nacht der Entscheidung lässt der Verleger in seinem inneren Monolog bald auch sein eigenes Leben an sich vorüberziehen: Er sinniert über seine Ehe, die er mit der Tochter des Verlagsgründers sehr zweckmäßig eingegangen ist. Nicht ohne Selbstmitleid höhnt er über ihre Freunde, ihre Beziehungen und ihre Möbel. Dann wieder jammert er, dass er für seine große Liebe Lula nicht bereit war, seine komfortable Existenz aufzugeben. Er weiß um den Verlust seiner Ideale und Utopien.

Petra Vinter, die inzwischen Gedichte schreibt, durchlebte ihr Trauma zu einer Zeit, als sie für die Vereinten Nationen in Afrika arbeitete. In dem fiktiven Land Morenzao muss sie eines nachts um ihr Leben fürchten, als sie von einer Gruppe Männer vergewaltigt wird. Über ihre Jahre in Afrika schweig sie meist in Gesellschaft, aber dann hatte sie dem Verlagskollegen doch davon erzählt. Dass er es aufschreiben würde, konnte sie nicht ahnen, er hatte ihr versprochen, zu schweigen.

„Es ist meine Geschichte“

Wem gehört nun aber die Geschichte? Dem, der sie erlebt hat? Oder dem, der sie aufschreibt und den Stoff in Kunst verwandelt? Was tut die Kunst? Mit uns? Für uns? Tut sie überhaupt etwas? Obwohl Janne Tellers schmales Buch überwiegend Fragen wie diese erörtert und es eine Handlung in diesem Einpersonenroman eigentlich nicht gibt, ist es spannend wie ein Krimi. Vor allem, weil der Leser übergangslos zum Teilnehmer des beklemmenden Kammerspiels wird.

Petra Vinter hatte dem Verleger zu keinem Zeitpunkt gedroht, etwa damit, vor Gericht zu ziehen. Im Gegenteil sagte sie eher leise zu ihm: „Es ist meine Geschichte.“ Woraufhin er nach einem Moment der Stille entgegnete, dass man eine Geschichte nicht besitzen könne. Aber, gibt sie zu bedenken: „Gibt es keine Geschichten, die so persönlich sind, dass andere sie nicht weitererzählen dürfen?“

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Fragen danach, wie viel Wirklichkeit die Fiktion verträgt oder nach welchen ethischen Maßstäben man ein literarisches Manuskript beurteilen muss, sind dabei so alt wie die Literatur selbst. Romane wie Thomas Manns „Buddenbrooks“, Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder F. Scott Fitzgeralds „Großer Gatsby“ würden wohl nicht existieren, hätten die Autoren jene Rücksicht genommen, die Petra Vinter nun von ihrem Verleger erwartet. Anderseits heißt es im Manuskript des Erfolgsautors: „In jeder menschlichen Handlung liegt der Keim zu Handlungen vieler“.

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