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Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus : Was will die einsame Träne aus alten Zeiten?

Bild: Verlag

Jan Costin Wagners neuer Roman ist mehr als ein Krimi: „Das Licht in einem dunklen Haus“ offenbart verstörende Innenansichten von Menschen in Extremsituationen.

          Es gibt Romananfänge, die man, hat man sie einmal gelesen, nicht mehr vergisst. Der Beginn von Jan Costin Wagners neuem Buch gehört unbedingt in die Galerie erster Sätze: „Kimmo Joentaa lebte mit einer Frau ohne Namen in einem Herbst ohne Regen. Das Hoch wurde Magdalena getauft. Die Frau ließ sich Larissa nennen. Sie kam und ging. Er wusste nicht, woher und wohin.“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Alles, was in den folgenden dreihundert Seiten zur Sprache kommt, ist in diesem bestrickend lakonischen Auftakt bereits vorhanden: Der Mann mit dem seltsamen Namen; die Frau, die vielleicht Larissa heißt, vielleicht auch nicht, und die Kimmo Joentaa ein Rätsel ist; und natürlich Finnland, dieses traumverlorene Land hoch im Norden mit seiner verwunschenen Landschaft, die bei Wagner so viel mehr ist als nur Kulisse. Vor allem aber ist schon hier der unverwechselbar knappe, unaufgeregte Ton des Jan Costin Wagner zu vernehmen, der den gesamten Roman wie ein Schneekristall durchweht und der, ein schöner Kontrast, mit zärtlichem Gespür noch die finstersten Seelenzustände seiner Figuren durchdringt.

          Ein Mörder mit empfindsamer Seele

          Das beschauliche Städtchen Turku an Finnlands südwestlicher Küste, in der Kimmo Joentaa seiner Arbeit als Polizeiermittler nachgeht, ist in Aufruhr, seit im städtischen Krankenhaus eine Komapatientin ermordet wurde. Der Täter lässt Joentaa und seine Kollegen verzweifeln: Warum tötet jemand eine Frau, die ohnehin dem Tod geweiht ist? Wer ist sie, die trotz einer großen Suchaktion niemand in der Bevölkerung zu kennen scheint? Und warum hat der Mörder bei der Tat geweint? Denn auf dem Krankenbett der Toten finden sich Spuren von Tränenflüssigkeit. Sie sollen für lange Zeit der einzige Hinweis auf den Täter bleiben, einen Mörder mit empfindsamer Seele, der Schumann-Lieder liebt und Tagebuch schreibt.

          Auch Joentaa ist zum Heulen zumute. Während er durch die Krankenhausflure irrt, auf der Suche nach Ärzten, die ihm weiterhelfen könnten, holen ihn die Bilder von den letzten Stunden mit seiner Frau Sanaa ein. Sie starb hier auf der Intensivstation mit nur fünfundzwanzig Jahren an Krebs. Ihr Tod liegt Jahre zurück, und es gibt inzwischen eine andere in Joentaas Leben, besagte Larissa. Die Prostituierte mit der Schwäche für Eishockey und Tundrabeereneis ist wohl der erste Mensch, dem sich Joentaa wieder öffnen kann. Doch sie, die Fragen, die sie nicht hören will, mit einem agressiv-liebenswerten Lächeln beantwortet, scheint nicht weniger traumatisiert zu sein als der junge Witwer.

          In der tiefsten Provinz von Karjasaari

          Die Beziehung der beiden Versehrten, die es nicht schaffen, über sich zu sprechen, sich ihrer Gefühle zu vergewissern oder überhaupt zu dem vorzudringen, was sie im Innersten bewegt, gleichwohl wissend, dass zu viel Schweigen genauso unheilbringend sein kann wie zu viel Reden, gehört zu den faszinierenden Konstellationen dieser Geschichte. Zugleich reist ein hochgradig motivierter Täter durchs Land, um, einem unergründlichen Plan folgend, einen Menschen nach dem andern zu töten. Irgendwann verknüpfen sich die Fäden zu einem Fall. Da will sich jemand rächen, doch wofür? Joentaas Suche führt ihn schließlich auf einer schmalen langen Straße übers Wasser in die tiefste finnische Provinz von Karjasaari. Dort stehen vereinzelte Holzhäuser im Licht der Winterabendsonne, an denen der Schnee wie Zuckerwatte klebt. In dieser kaum berührten Landschaft nahm während eines lange zurückliegenden Sommers die Geschichte ihren Anfang. Es war im August 1985, als es während einer Klavierstunde zu einem furchtbaren Verbrechen kommt, dessen fatale Wirkung auch nach fünfundzwanzig Jahren noch nicht verebbt ist.

          Spätestens mit seinem vierten Kimmo-Joentaa-Roman hat sich Jan Costin Wagner vom Genre des Krimis endgültig befreit. Auch wenn sein melancholischer Sonderling nach wie vor auf Verbrecherjagd geht, ist „Das Licht in einem dunklen Haus“ doch zuallererst ein feinsinnig gearbeiteter, psychologisch komplexer Roman über Menschen, die in Extremsituationen geraten. Geschickt nutzt Wagner das Genre, um Grenzen auszuloten und dann zu den unaussprechlichen Dingen vorzudringen, dem, was im Innersten gärt und (nicht nur) den Finnen so schwer fällt auszusprechen, wie es der Autor in einem Interview über finnische Befindlichkeit einmal formulierte.

          Vieles bleibt auf reizvolle Weise ungesagt

          Seine Bücher spielen in Finnland, Jan Costin Wagner aber schreibt auf Deutsch. Geboren 1972 in Langen bei Frankfurt, kam die Liebe zu seiner Wahlheimat, in der er mehrere Monate im Jahr verbringt, durch seine Frau, eine finnische Künstlerin, die er als Student auf Reisen kennenlernte und mit der zusammen er heute in der Nähe von Frankfurt lebt. Was Wagner interessiert, sind Dinge, die sich schwer greifen lassen. Er sucht den psychologischen Zugang zu den Charakteren, aber er psychologisiert nicht. So kommt es zu dieser eigentümlichen Distanz zwischen den Figuren und ihrem Seelenleben. Das zeigen anschaulich die Szenen mit Tuomas Heinonen, der wegen seiner Wettsucht inzwischen stationär im Krankenhaus behandelt wird und der Joentaa in einen Loyalitätskonflikt stürzt, als er ihn heimlich um Geld anbettelt. Vieles in diesem Buch bleibt auf reizvolle Weise bis zum Schluss ungesagt. Schreibend kreist dieser Autor weniger um die Greuel, sondern um das Entsetzen, das sie hervorrufen. Es geht ihm nicht um den Tod, sondern um die Leere, die er bei den Lebenden hinterlässt.

          Stand Kimmo Joentaa im ersten Roman „Eismond“ von 2003 durch den Tod seiner Frau noch unter Schock, ist der große Schmerz nun einer Trauer gewichen, die eine Existenz unter Vorbehalt wieder möglich macht. Doch weiß Kimmo Joentaa genau, wie sehr der Verlust eines geliebten Menschen uns die Seele verdunkeln kann. Deshalb verfügt er auch über dieses irritierend konkrete Einfühlungsvermögen in die Psyche des Täters. Am Ende wartet die simple wie grausame Erkenntnis, dass Schuld und Unschuld nicht so einfach voneinander zu unterscheiden sind. Nicht einmal, wenn ein Mensch gemordet hat.

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